sustainability – your responsibility.

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Selbst vom DEZA lassen sich Aussagen vernehmen wie «Unser heutiger Lebensstil basiert darauf, dass er anderen verwehrt bleibt». Lapidar. Und von grosser Sprengkraft. Effizienz versucht, sich dieser Problematik anzunehmen, aber nur weiterführende Konzepte wie Suffizienz können Lösungen bieten.

Effizienzstrategien dominieren die aktuelle Nachhaltigkeitsdiskussion, zum Bei-spiel in der Schweizer Energiepolitik (Denkschrift Energie; 2000-Watt-Gesellschaft). Besser isolierte Häuser, effizientere Motoren, ressourcenschonende Prozesse illustrieren dies. Dennoch, die unversiegelte Bodenfläche nimmt ab, auch wenn im Minergie-Standard gebaut wird, der Benzinverbrauch bleibt hoch, wenn die Automobile schwerer werden. Dies ist ein Kernproblem von Effizienzstrate-gien: Rebound- und Zielverschiebungseffekte. Bedenken, dass Effizienzstrategien nicht ausreichen, sind angebracht. Die Debatte muss über die Diskussion bester Methoden, gegebene Niveaus (an Output, Konsum, Bedürfnisbefriedigung) zu erreichen, hinausgehen und diese Niveaus selbst zu ihrem Inhalt machen. Es geht nicht nur um die Frage, wie wir unseren Bedarf an Raumwärme, Mobilität und Ressourcen effizient decken, sondern darum, ob dieser Bedarf so hoch sein muss, wie er ist, wie hoch er sein soll, sein darf. Es geht nicht darum, etwas «richtig» zu tun, sondern das Richtige zu tun. Neben Effizienz müssen Konzepte des «Genü-genden», also Suffizienz, diskutiert werden.
Suffizienz ist der aktuellen, ökonomisch geprägten Diskussion nicht fremd, da sie oft als konsequent zu Ende gedachte langfristige Effizienz verstanden werden kann. Suffizienz weist aber auch klar darüber hinaus ins Politische und ins Morali-sche. Die Freiheit des Individuums und das «gute Leben» werden ein Thema.

Suffizienz als Effizienz – Langfristigkeit richtig gedacht
Eine Schwierigkeit der Suffizienz ist die Bestimmung des «richtigen Niveaus». Manchmal lassen sich dafür Anhaltspunkte finden. Beispiele sind die langfristig maximal mögliche Holzschlagmenge in einem Wald oder die maximal mögliche Menge CO2 in der Atmosphäre, bei welcher der Klimawandel erträglich bleibt. Was heisst dabei «erträglich»? Hierzu wird das ökonomische Kalkül oft nicht ver-lassen: Schadensfunktionen, Vermeidungskosten, Preise und Präferenzen - kurz, eine Marktsituation - ergeben die aggregierte Wohlfahrt, die maximiert wird, um die - effizienten! - Nutzungsniveaus zu bestimmen. «Erträglich» ist ökonomisch verkraftbarer Klimawandel... So gesehen sind Holzschlagbeschränkungen für Wälder Effizienzstrategien, obwohl sie eine Idee von „genug“ beinhalten und so-mit der Suffizienz sehr nahe stehen. Diese Verwandtschaft der beiden Begriffe erleichtert den Diskurs, da Effizienzstrategien nicht gross begründet werden müs-sen. Suffizienz als richtig und umfassend gedachte langfristige Effizienz ist des-halb salonfähig. In einer idealen Marktsituation, wenn alles – wirklich alles, auch das Leiden von Menschen unter Ausbeutung und an Umweltverschmutzung! - einen Preis hat, wenn alle externen Effekte internalisiert sind, dann fällt Suffizienz mit Effizienz zusammen.

Suffizienz jenseits der Effizienz – „das Richtige“
Ein ungutes Gefühl bleibt. Auch wenn sich viele Suffizienzideen als Effizienz denken lassen - in der Realität ergeben sich Probleme. Eines ist die Unvermeidbarkeit von Kosten-Nutzen-Analysen bei effizienzbasier-ten Zugängen und die Unmöglichkeit der Monetarisierung aller Aspekte in kom-plexen, multidimensionalen Kontexten. Wie bringt man den Zeitgewinn durch eine neue Schnellstrasse, den Verlust an Landschaft, die Entlastung dicht besiedel-ter Gebiete, den Abbruch eines historischen Gebäudes auf einen Nenner? Das Ef-fizienzkriterium liefert wichtige Beiträge dazu. Es ist aber unabdingbar, darüber hinausgehende Kriterien zu berücksichtigen. Diese werden in politischer und letz-tendlich normativer Diskussion abgehandelt (der Frage, wie normativ der Effi-zienzbegriff selbst schon ist, gehen wir hier nicht nach). So kommt der Suffi-zienzbegriff in die Diskussion: Brauchen wir denn diese neue Schnellstrasse, und wenn ja, wer und wozu genau? Dies spricht die wirklich grundlegenden Fragen an, nämlich Lebensqualität, (Schein-)Bedürfnisse und Konzepte vom «guten Leben». Weshalb ist uns Konsum so wichtig, weshalb ist Wachstum die dominante Leit-idee?
Ein zweites Problem ist die Ungleichheit in der Entscheidungsfreiheit, die aus ungleicher individueller Vermögensausstattung resultiert. Wie gehen wir damit um, dass eine Steuerung über Preismechanismen wohlhabende Individuen weniger beschränkt als ärmere? Sind wir damit einverstanden, dass bei voller Kostenwahr-heit jemand, der bereit und fähig ist dafür zu bezahlen, sich weiterhin viel fossil betriebene Auto-Mobilität leisten kann, während sich für Andere diese Frage nicht stellt, schlicht das Geld dazu fehlt? Wie steht es um die Freiheit der Armen? Wir haben also schon jetzt überall Einschränkungen persönlicher Freiheiten, «ano-nym» über die Kaufkraft vermittelt und somit im Einklang mit dem ökonomischen Paradigma. Es stellt sich also die Frage, was denn legitim zu solcher Freiheitsbe-schränkung führen kann und weshalb dies für die Kaufkraft offenbar der Fall ist, nicht aber für gesichertes Wissen um massive Schäden an anderen.
Ein drittes Problem ist praktischer Art. Umfassende Effizienzstrategien, wenn sie denn im Prinzip möglich wären, sind vom Informationsbedarf her nicht umsetz-bar. Deshalb sind andere Leitideen notwendig, um angesichts grosser Komplexität Handlungsfähigkeit zu erhalten. Suffizienz ist eine Leitidee, die dem Vorsichts-prinzip und Gerechtigkeitsaspekten nahesteht. Dadurch können Entscheide über das «richtige Niveau» zu moralischen Fragen werden, selbst wenn man davon ausgeht, dass es im Grunde keine moralisch motivierten Grenzen für den Ver-brauch einzelner Güter gibt.

Suffizienz im Politischen – «richtige» Freiheit
Diese Überlegungen haben noch weiterreichende Konsequenzen. Sie bringen die Frage der individuellen Freiheit und ihres Stellenwertes auf den Tisch. Sind Libe-ralismus (verstanden als Primat der individuellen Freiheit) und Suffizienz verein-bar? Darf die individuelle Wahlfreiheit bezüglich Lebensstilentscheiden einge-schränkt werden - und wenn ja, durch wen und wie? Individuelle Kaufkraft ist ein akzeptiertes Kriterium dafür. In Kombination mit den individuellen Präferenzen ist dies im ökonomischen Weltbild legitim, da man ja weiterhin frei ist, zu ent-scheiden, wofür man sein Geld einsetzt und, falls es nicht ausreicht, frei ist, mehr Geld zu verdienen. Wie das real umgesetzt werden soll bleibt dabei freilich ohne Antwort.
Was könnten weitere, bessere Gründe sein, Freiheiten bezüglich Lebensstilent-scheiden einzuschränken? Suffizienz und das Vorsichtsprinzip, Gerechtigkeits-überlegungen und ein geändertes Verständnis des «guten, gelungenen Lebens». Dabei passt das Vorsichtsprinzip gut in eine effizienzgeleitete Gesellschaft, da dadurch vor allem unvermeidliche Unsicherheit berücksichtigt wird. Gerechtig-keitsüberlegungen gelten als legitime Argumente, und auch wenn sie in der Um-setzung nicht greifen, machen sie Lebensstilentscheide zumindest teilweise zu moralischen Fragen: Unsere Konsumentscheide können wegen ihrer Folgen und weil – oder wenn - wir nicht bereit sind, das Leiden anderer im Effizienzkalkül monetarisiert zu verrechnen, als moralisch verwerflich angesehen werden. Wie aber werden solche Einsichten handlungswirksam? Ein tiefgreifender Werte-wandel tut Not. Ein Wertewandel, der die Kernaspekte der Suffizienz aufnimmt: Masshalten statt Maximieren, Stabilität statt uneingeschränkter Flexibilität. Und dabei, unumgänglich, die Sinnfrage stellt, die Frage nach dem «guten, gelungenen Leben» und was es dazu braucht. Einen solchen Wertewandel kann und soll man nicht verordnen. Es kann und soll aber unbedingt diskutiert werden, dass auch bei effizientem Wirtschaften unsere freien Lebensstilentscheide Konsequenzen auf der ganzen Welt haben, die eng mit Gerechtigkeitsfragen und der Freiheit anderer verknüpft sind; über solche Ver-knüpfungen und schliesslich auch über die Frage nach dem «guten Leben» können sie zu moralischen Fragen werden. Dies mag einen Wertewandel fördern. Und der Suffizienzbegriff kann diese Diskussion anregen.

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