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Wir leben im Immer-Mehr-Zeitalter und haben immer mehr Auswahl zwischen Marmelade- oder Joghurtsorten im Regal, zwischen immer mehr Studien- oder Berufsrichtungen und sogar zwischen immer mehr möglichen Lebensentwürfen. Die Freiheit der Wahl steht über vielem. Aber macht uns das Wählen-Können in der Immer-Mehr-Gesellschaft glücklich?

Autor: Katharina Serafimova arbeitet beim Beratungsunternehmen Ernst Basler + Partner AG in Zollikon. Die Ernst Basler + Partner AG beschäftigt sich seit einigen Jahren im Rahmen eines internen Projektes mit dem Thema Glück.

Die Qual der Wahl
Eine Studie an der Columbia University hat das Verhalten von Studenten untersucht, die zwischen verschiedenen Schokoladensorten wählen durften. Eine Lehre aus dieser Studie lässt sich kurz zusammenfassen: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Studenten, die zwischen 30 Schokoladensorten auswählen durften, brauchten deutlich mehr Zeit für ihre Entscheidung als solche, die nur sechs Sorten zur Auswahl hatten. Und sie bedauerten häufiger ihre Entscheidung als jene, die eine kleinere Auswahl hatten. Manchmal ist mehr also nicht unbedingt besser sondern schlechter. Je grösser das Angebot ist, desto schlechter können wir uns entscheiden und desto unzufriedener sind wir mit dem, was wir ausgewählt haben. Wenn es schon schwierig ist, zwischen 30 Schokoladensorten zu wählen, was heisst das erst für grössere, folgenreichere Entscheidungen in unserem Leben? Die St. Galler Kommunikationsprofessorin Miriam Meckel spricht von der „Tyrannei der Wahl“, die mit Internet, e-mail und Natel in eine nächste Runde gegangen ist: mit der „Tyrannei der Information“. Wir haben nämlich heute nicht nur dauernd die Wahl, sondern auch immer mehr Informationen verfügbar, die wir bei jeder Entscheidung berücksichtigen können oder sollten. Da kommt der Homo Oekonomicus, der immer rational entscheiden sollte, ganz schön ins Schwitzen. Und wir treffen dabei immer wieder unsinnige (Kauf-) Entscheidungen. „Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen; mit Geld, das wir nicht haben“, sagt der Philosoph Richard David Precht. Ob das glücklich macht?

Die glücklichsten Menschen
In der World-Database of Happiness haben Ökonomen versucht, zusammenzutragen, wie glücklich die Menschen in verschiedenen Erdteilen sind. Ein gewisser Wohlstand scheint notwendig zu sein: wo ein Dach über dem Kopf, die nächste Mahlzeit oder die Gesundheit nicht sicher sind, da stellt sich auch das Glück nicht recht ein. Immer mehr Wohlstand bringt aber nicht mehr viel. Die – laut dieser Erhebung – glücklichsten Menschen leben in Vanuatu. Erst ein Blick ins Wikipedia sagt mir: Vanuatu ist ein kleiner Inselstaat im Pazifik. Was diese Inselbewohner glücklich macht, sind weder Geld, noch gute Noten oder schnelle Autos. Laut den Untersuchungen der Glücksökonomen sind es die Beziehungen zu anderen Menschen, das Gefühl, etwas Nützliches zu tun und ein entspannter Umgang mit Zeit. Die Sache mit dem Glück ist nicht nur eine für Statistiker oder Oekonomen, sondern in erster Linie eine ganz persönliche. Es erscheint mir einleuchtend, dass es Menschen sind, die Menschen glücklich machen und nicht Dinge. Mit dieser Erkenntnis könnte ich jetzt zum Beispiel der Immer-Mehr-Gesellschaft den Rücken kehren, meinen Koffer packen und nach Vanuatu auswandern. Oder aber ich überlege mir, dass Glück auch viel mit meiner Erwartungshaltung zu tun hat. An meinen Erwartungen zu basteln, erscheint mir weniger aufwändig als eine Ausreise nach Vanuatu. Jetzt aber einfach nichts mehr vom Leben zu erwarten, um ja nicht enttäuscht zu werden, das hingegen klingt auch nicht gerade verlockend. Was also tun?

Das Suboptimale als Lebensglück
Wer zwischen Informationsüberfrachtung und Wahlfreiheit eingeklemmt ist und nicht weiss, welche Entscheidung ihn glücklich macht, kann aufatmen: Wir sind keine Computer. Wir brauchen gar nicht immer die optimale Entscheidung zu treffen, sondern nur eine angemessene, schreibt Miriam Meckel. „Die perfekte Information für die perfekte Entscheidung ist unerreichbar – zum Glück“.

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