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Die Effizienzstrategie ist gut. Aber sie genügt nicht. Um eine nachhaltige Wirtschaftsweise zu ermöglichen, muss das Wachstum der Wirtschaft soweit gebremst werden, dass die Reduktion des Energie- und Rohstoffaufwands pro Einheit des BIP nicht ständig durch das Wachstum des BIP überholt wird. Dazu sind allerdings grundlegende institutionelle Änderungen nötig.

Autor:
Herr Hans Christoph Binswanger, geboren 1929, ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre der Universität St. Gallen. Er ist Autor verschiedener Bücher über Geldtheorie, Ökonomie und Umwelt.

Was ist gegen den Ausverkauf der Natur zu tun? Eine erste Antwort liegt auf der Hand: Man muss durch technische Massnahmen den Aufwand an Energie und Rohstoffen pro Einheit des Bruttoinlandprodukts (BIP) reduzieren, d.h. eine Effizienzstrategie verfolgen.
Allerdings kann die Effizienzstrategie allein nicht genügen, denn die Reduktion des Ressourcenaufwands pro produzierte Gütereinheit droht immer wieder überholt zu werden durch das Wachstum der Gütermenge. Wenn der Ressourcenverbrauch pro Gütereinheit z.B. um 10% gesenkt werden kann, aber die Gütermenge gleichzeitig um 20, 30, 40% und mehr zunimmt, ist der ökologische Effekt gering. Dies gilt umso mehr, als der sparsamere Umgang mit den Ressourcen und die damit verbundene Reduktion der Kosten und entsprechend der Preise wieder dazu verführt, mehr zu produzieren, denn die Nachfrage steigt mit der Senkung der Preise. Dies ist der sog. Rebound-Effekt, der die Effizienzstrategie immer wieder in Frage stellt. Will man sie zum Erfolg führen, muss das Wachstum der Wirtschaft so weit reduziert werden, dass die Gesamtbelastung im Sinne der Suffizienzstrategie mindestens konstant bleibt.
Dies ist allerdings leichter gesagt als getan, denn hinter dem Trend zu einem steten Wirtschaftswachstum steht ein Wachstumszwang und Wachstumsdrang. Eine ausführliche Darstellung dieses Sachverhalts findet sich in meinem Buch «Die Wachstumsspirale». Er sei hier kurz zusammengefasst:
Der Wachstumszwang hat seine Ursache im Risiko, dem die Unternehmungen ständig ausgesetzt sind. Dieses muss durch einen Gewinn kompensiert werden. Die Unternehmungen werden nicht produzieren, wenn keine Aussicht auf eine entsprechende Kompensation des Risikos besteht. Dies muss im Durchschnitt für alle Unternehmungen gelten, wenn die Wirtschaft funktionieren soll. Die Gewinne der Unternehmungen sind grundsätzlich gleich der Differenz zwischen den Einnahmen und den Ausgaben der Unternehmungen. Damit alle Unternehmungen zusammen im Saldo Gewinne erzielen können, müssen also die Einnahmen aller Unternehmungen zusammen stets grösser sein als die Ausgaben aller Unternehmungen zusammen. Dies ist offensichtlich nur möglich, wenn Geld zufliesst.
Wie fliesst aber in der modernen Wirtschaft Geld zu? Indem die Unternehmungen bei den Banken Kredite aufnehmen, die die Banken mindestens zum Teil durch Geldschöpfung bereitstellen, also durch Vermehrung der Geldmenge auf dem Kreditweg. Die Unternehmungen brauchen die Kredite um zu investieren, d.h. um sie zum Kauf von zusätzlichen Arbeits- und Energieleistungen, sowie von Rohstoffen zu verwenden. Die Geldschöpfung kann unendlich weitergehen, weil das Buch- und Papiergeld nicht mehr in Gold eingelöst werden muss und somit auch das Wachstum der Wirtschaft auf Kreditbasis immer weitergeführt werden kann. Umgekehrt gilt aber: Der Wachstumsprozess muss immer weiter gehen, denn wenn nicht immer neue Investitionen aufgrund immer neuer Ausweitungen der Geldmenge erfolgen, wachsen die Gewinne nicht mehr. Entsprechend sinkt die Gewinnrate. Wenn auch in Zukunft weitere Investitionen ausbleiben, sinkt die Gewinnrate schliesslich unter die Höhe, welche die Unternehmungen bzw. die Kapitalgeber im Minimum für das Eingehen des Investitionsrisikos erwarten. Das Risiko ist dann nicht mehr gedeckt. Daraus ergibt sich ein Wachstumszwang in dem Sinne, dass die Alternative zum Wachstum Schrumpfung ist. Das heisst: Stabilität und Null-Wachstum sind in der modernen Wirtschaft nicht möglich. Es darf bei den gegebenen Bedingungen unseres Geldsystems kein Ende des Wachstums geben.
Was ist also zu tun, um eine Suffizienzstrategie durchzusetzen? Den Wachstumszwang kann man nicht vollständig beseitigen, solange wir eine Wirtschaft aufrechterhalten wollen, die auf selbständigen Unternehmungen basiert, welche im Markt auf eigene Initiative handeln und daher einem Risiko ausgesetzt sind. Niemand wird Geld als Vorschuss zur Verfügung stellen, wenn er nur gerade erwarten darf, dass er gleich viel zurückerhält wie er eingesetzt hat. Wir können aber den Wachstumszwang und vor allem den Wachstumsdrang wesentlich reduzieren und qualifizieren. Dazu braucht es allerdings institutionelle Änderungen, die sehr viel weiter reichen als die bisherigen Einzelmassnahmen zur Erhöhung der Ressourceneffizienz. Ich nenne zwei Ansätze dazu:
1. Minderung des Wachstumsdrangs durch Umgestaltung der Rechtsformen der Unternehmung: Die moderne Wirtschaft wird von der Aktiengesellschaft dominiert. In dieser ist ein besonderer Wachstumsimpuls eingebaut. Dieser ergibt sich daraus, dass für die Aktiengesellschaft selbst nur der Teil des Reingewinns Gewinn ist, den sie nicht als Dividende ausschüttet, sondern zurückbehält, um ihn zu reinvestieren, d.h. um zu wachsen. Die Aktionäre sind mit der Reinvestition des Gewinns einverstanden, weil man wegen der Investitionen in der Zukunft noch höhere Dividenden erwarten kann und sich aufgrund dieser Erwartungen heute schon eine Steigerung des Aktienwerts ergibt, von dem die Aktionäre mehr profitieren, als wenn sie sich heute hohe Dividenden auszahlen lassen. Dies führt zu einer extremen Gewinn- und Wachstumsorientierung der Aktiengesellschaft. Dies führt zur Frage, ob nicht die Aktiengesellschaft in Zukunft ersetzt werden muss durch eine Unternehmungsform, die nicht in gleicher Weise auf Wachstum ausgerichtet ist (z.B. Stiftungsform).
2. Einbau der Eigenarbeit und eines u.U. obligatorischen Sozialdienstes in die Einkommenspolitik: Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass nicht nur monetär entgoltene Arbeit, also der Lohnerwerb, massgebend ist für die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen, sondern auch die Eigenarbeit, d.h. die Arbeit zur Selbstversorgung, sowie die Sozialdienste zur gegenseitigen Hilfe. Dies schafft neue Freiheitsräume in Bezug auf den Umgang mit Geld und reduziert das Risiko, das durch einen Gewinn entgolten werden muss.
Das Ziel der Reformvorschläge muss sein, die Wachstumsrate ohne Inkaufnahme von Krisen so weit zu reduzieren, dass das Wachstum der Güterproduktion durch die Effizienzstrategie, d.h. durch die Reduktion des Ressourcenverbrauchs pro Gütereinheit, qualifiziert wird; und zwar so weit, dass die noch verbleibende Erhöhung der Gütermenge ökologische verträglich ist und so die Suffizienzstrategie durchgesetzt werden kann.

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