sustainability – your responsibility.

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Suffizienz zu kommunizieren stellt höchste Ansprüche. Meist wird in Umwelt- und Nachhaltigkeitskreisen nicht beachtet, dass konkrete Handlungsansätze und die Freude, diese umzusetzen, mit persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen vermittelt werden müssen, um die Menschen zum Handeln zu bewegen. Bewegende Interaktionen sind gefragt!

Autor:
Susanna Fassbind doziert über «Marketing für Nachhaltigkeit» an der ETHZ und arbeitet als freie Marketingexpertin und als Coach. Das Wort Suffizienz ist noch schwieriger als Nachhaltigkeit! Wie schwierig diese zu vermitteln und in Handeln umzumünzen ist, wissen wir seit über dreissig Jahren. Das Bewusstwerden des Themas Klimawandel (mindestens in unserem kulturellen Umfeld) hat gerade im letzten Jahr stark zugenommen. Gesprochen und geschrieben wurde viel, der Nobelpreis vergeben. Von einer Reduktion des Energieverbrauchs ist bis jetzt jedoch kaum etwas zu spüren, geschweige denn zu messen.

Reichtum auf Pump
Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich gerade in den letzten dreissig Jahren noch mehr geöffnet – für Individuen und Staaten. Ist es nun nötig, dass wir reichen Länder zurückbuchstabieren und auf Wohlstand verzichten? Was ist überhaupt Wohlstand?
Die gängigen Bruttosozialproduktrechnungen schummeln längst ein Wachstum vor, wo die Wachstumsraten nur durch Negativausgaben für Unfälle, Krankheiten, Naturkatastrophen, Gewalt, usw. die Bilanz scheinbar erhöhen. So wachsen Staatsausgaben und Geldumverteilungsmaschinen bald ins Unermessliche und sind nur über Kredite zu finanzieren - und mit Zins und Zinseszins teuer zu bezahlen. Alle, auch die sogenannten reichen Länder, leben auf Pump. Die Bevölkerung ist sich der Tragweite dieser Schuldenwirtschaft wenig bewusst. Die private Verschuldung ist so hoch wie noch nie, was sich in der Subprime-Hypothekenkrise mit Vehemenz offenbart und noch jahrelange Bereinigungen auslösen wird. Also: Genau betrachtet sind wir schon arm, weil wir alle mehr oder weniger auf Pump leben.

Die neue Tugend: Bescheidenheit
Bar zu bezahlen, ist immer am billigsten. Nur: Wenn wir alles sofort haben wollen, auch ohne das nötige Geld dafür zu haben, sind wir der Zinswirtschaft ausgeliefert. Um aus der Schuldenfalle herauszukommen, müssten wir zuerst sparen, dann kaufen oder Geld in Projekte einschiessen. Das tönt furchtbar altväterisch und antiquiert, ist aber in Zukunft kaum zu umgehen. Zeit ist Geld, wie schon Benjamin Franklin sagte. Nur sollten wir es heute auch in die andere Richtung anschauen: Zeit haben, warten können und sparen auf ein Ziel hin, spart Geld. Die Vorfreude auf eine Wunscherfüllung kann neu entdeckt werden. Zudem werden wir geld- und zinsfreie Instrumente entwickeln. So lassen sich z.B. die laufend mehr ins Gewicht fallenden Generationenkonflikte (junge Arme und Arbeitslose, Familien mit Kindern) sowie Krankheits- und Pflegekosten in den letzten Lebensjahren auf humanem Niveau ohne Zinsbelastung lösen.

Das richtige Mass zwischen Haben und Sein
Die Tugenden Bescheidenheit und Genügsamkeit bekommen einen neuen Stellenwert. Sie sind integrierender Bestandteil des seit Jahrzehnten anvisierten und bisher nicht realisierten Wertewandels. Die Einsicht, dass wir die Erde zu Lehen von den kommenden Generationen haben und ihre Ressourcen nicht in einer Generation zunichte machen sollten, ist akzeptiert im Kopf. Überzeugtes und umfassendes Handeln ist jetzt angesagt. Das bedeutet nicht, dass wir darben oder auf die Erfüllung von grundlegenden Bedürfnissen verzichten müssen. Es gilt, das richtige Mass zu finden: Was braucht es wirklich, um gesund und zufrieden zu leben? Wie können wir alltäglichen Konsum wie Auto, TV oder Ferien wieder bar und ohne Kredite bezahlen? Was wollen wir uns an Materiellem anschaffen und leisten, allenfalls Langzeit-Investitionen wie Haus oder Wohnung zu welchen Zins- und Zinsesszins-Bedingungen erkaufen? Es gilt, rechnen zu lernen und daran Freude zu haben – und zwar mit Langzeitperspektiven, nachhaltig eben.

Drei Handlungsansätze
Wie lässt sich das persönlich und gesellschaftlich realisieren? Ein solcher gesellschaftlicher Wertewandel lässt sich weder verordnen noch mit Werbung irgendwelcher Art vorantreiben. Der einzig erfolgreiche Weg ist Motivation von Mensch zu Mensch, mit Freude und Lust verheissenden Gruppenaktionen. Das ist am Anfang aufwendig, wird aber schnell zum Selbstläufer, weil sie nicht an Geld gebunden sind, sondern an persönliches, freudvolles Engagement.
1. Transparenz und Kostenbewusstsein schaffen: Wer weiss, was er im Leben erreichen will und was er/sie im Tod schliesslich als wichtig erachtet, für den wird die Ausrichtung auf das Ansammeln von materiellen Gütern weniger wichtig. Die Wirtschaft wird neue Produkte und Dienstleistungen schaffen, die für das Wohlergehen von Mensch und Natur Bedeutung haben. Die öffentliche Hand und ihre gewählten Vertreter/innen orientieren sich am Gemeinwohl statt als Lobbyisten an Partikularinteressen und verwalten die öffentlichen Gelder so sorgfältig, wie wenn es ihre eigenen wären. Sachpolitisches und pragmatisches Handeln sind zur Lösung der Fragestellungen zwingend.
2. Freude am Sein statt am Haben pflegen: Wer jeden Tag Freude hat an seinem Leben und sich durch unerfüllbare, weil unbezahlbare Wünsche nicht stressen lässt, lebt gelassener und gesünder. Schon als Kind lassen sich mit Eltern und Erziehenden solch erfüllende Erfahrungen fernab von materiellen Geschenken machen, die im späteren Leben dann zur sich wiederholenden Gewissheit werden. Zeit schenken statt teure Geschenke kaufen, ist da ein Vorschlag, der tausende von Möglichkeiten beinhaltet.
3. Bescheidenheit als Status-Symbol aufbauen: Die Klotzerei und Protzerei mit Statussymbolen wie hohen Boni und Löhnen, Yacht, Autos und Luxusferien hat ein Ende. Eine neue, herzliche Bescheidenheit wird zum Statussymbol, vor allem der VIPs, der Reichen und Mächtigen. Sie haben Vorbildfunktion und können sich mit echtem Engagement für sozial Schwächere und die Erhaltung von Umwelt und gezieltem Einsatz der endlichen Ressourcen einsetzen.
Wir alle können sofort beginnen, bewusst zu leben und Eigenverantwortung für uns und die Erde zu übernehmen, uns nicht weiter von letztlich nicht bezahlbaren Wünschen und Forderungen treiben zu lassen. Befriedigung und Lebensfreude werden gross sein, wenn auch der Anfang steinig sein mag.

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