sustainability – your responsibility.

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Suffizienz klingt nach Beschränkung und Freiheitsberaubung. Dies ist ein Trugschluss. Vielmehr bedeutet sie Schutz der Natur, Selbstschutz und Schutz der Mitmenschen durch vorbeugendes Unterlassen. Sie kommt einem von Vorsicht geprägten, gewinnbringenden Handeln gleich. Wie decken wir unsere Bedürfnisse, welche natürlicher Ressourcen bedürfen? Wie schaffen wir es, diese Prozesse in lebenswerte gesellschaftliche Strukturen zu integrieren, so dass jeder sich frei entfalten kann? Diese Diskussion wird im Rahmen des Begriffs der Nachhaltigkeit schon seit längerem geführt. Seit den Anfängen sind einige Jahre vergangen, es wurde viel getan. Trotzdem sind die Fortschritte bescheiden. Wir leben immer noch vom Verbrauch der Natur und nicht vom ihrem Ertrag. Unsere Gesellschaft ist noch lange nicht nachhaltig organisiert. Warum fallen diese Veränderungen so schwer und welches sind Lösungsansätze? Der Begriff der Suffizienz versucht, einen solchen Ansatz zu liefern, er wirft die Frage nach den Grenzen unserer Lebensweise auf, nach den gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, unter denen eine nachhaltige Gesellschaft entstehen könnte.
Ein anschauliches Bild von Nachhaltigkeit wurde im vorherigen Artikel mit Hilfe der Begriffe Effizienz, Konsistenz und Suffizienz gezeichnet. Die ersten beiden Begriffe sind objektiv in ihrer Definition, sie sind als Konzept wertfrei und prinzipiell unbestritten. Einen gewünschten Zustand mit möglichst geringem Ressourceneinsatz zu erreichen (Effizienz) und keine Abfälle mehr zu erzeugen, sondern nur noch Ausgangsstoffe (Konsistenz), das ist eine feine Sache.
Die Technik setzt uns aber Schranken; Nicht ausgereifte Inputs und Prozesse führen zu umweltgefährdenden Outputs. Wie viel wir bereit sind einzusetzen, welche Lebensbedingungen wir als menschenwürdig betrachten, ist eine andere Frage. Suffizienz setzt ein Werturteil, wie weit wir bereit sind zu gehen, welche Risiken wir eingehen und wie viel wir bereit sind herzugeben für das Wohl der Natur, unserer Mitmenschen und zukünftiger Generationen. Es besteht ein grundlegender Zielkonflikt zwischen dem heutigen Verständnis von Maximierung und Wachstum, dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und einem lebenswerten Leben für alle. Mit Zielkonflikten umgehen heisst Kompromisse eingehen, versuchen, einen Mittelweg einzuschlagen. Dieser Weg soll schon aus pragmatischen Gründen nicht völlig verneint werden, er ist auf die heutige Art und Weise aber nicht gangbar. Suffizienz knüpft dort an, wo wir heute stehen, setzt aber andere Rahmenbedingungen.
Suffizienz bedeutet, dass die Ziele selbst angepasst werden müssen. Suffizienz heisst zu sagen, ab hier ist genug, ab hier schaffen wir es nach menschlichem Ermessen wahrscheinlich nicht mehr, die Dinge angemessen zu steuern, zu kontrollieren. Ab hier ist Vorsicht die beste Antwort auf Ungewissheit. Suffizienz geht also weiter und hinterfragt unsere Ziele, ob diese überhaupt realistisch sind und lebenswert. Man kann Dinge nicht nur anders machen, man kann sie auch sein lassen. Suffizienz ist kein Spielverderber, sie ist eine pragmatische Annäherung an eine Welt, in welcher wir uns arrangieren müssen. Sie ist ein «zurück auf den Boden kommen», um aus festem Stand, mit Vorsicht und einer langfristigen Sichtweise, die Grenzen des Möglichen weiter auszuloten.

Suffizienter Umgang mit der Natur
Die Natur ist extrem vernetzt und voller Rückkopplungen. Dies erzeugt einerseits die erstaunliche Stabilität unserer Ökosysteme, andererseits bedeutet es auch, dass es eine Schwelle gibt, wo Zustände plötzlich nicht mehr um bestehende Gleichgewichte pendeln, wo Veränderungen nicht mehr schrittweise passieren, sondern aus dem Rahmen springen. Die Tatsache, dass viele Veränderungen in der Natur äusserlich lange harmlos erscheinen, sollte uns nicht täuschen. Zu schnell vergessen wir, wie begrenzt unser Verständnis über die natürlichen Vorgänge ist. Veränderungen in der Natur müssen keineswegs proportional zu den vom Menschen verursachten Störungen sein. Die Natur kann viele Belastungen abfedern, unter manchen kann sie aber brechen. Macht zur Veränderung heisst nicht, dass wir die Veränderungen verstehen und kontrollieren können.
Diese Gefahr ist heute real geworden, manche Veränderungen sind schon im Gange. Es sind gerade die empfindlichen Parameter, die der Mensch heute mit Leichtigkeit beeinflussen kann. Verhältnismässig geringe Mengen CO2 reichen, um die Temperatur und damit ganze Ökosysteme zu verändern. Viele Arten verschwinden schon bei subtilen Verschiebungen der Umweltfaktoren, Böden können bei falscher Bewirtschaftung schnell degradieren. All diese Veränderungen können einfach eingeleitet werden, die Umkehr ist aber ungleich schwieriger oder in für den Menschen relevanten Zeiträumen sogar unmöglich. In der Tat sind die wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte bis heute gewaltig, und doch haben wir erst die Oberfläche durchstossen, sind noch lange nicht am Kern eines grundlegenden Verständnisses der Natur, ihrer Prozesse und wie wir diese steuern können, angelangt. Diese Komplexität verunmöglichte es lange Zeit, verlässliche Prognosen zu wagen. Es ist heute noch schwierig, aber man weiss schon lange genug, dass wir allzu grosse Eingriffe in die Natur unbedingt vermeiden müssen. Es ist ja nicht zuletzt das Problem, dass wir die Konsequenzen nicht genau abschätzen können. Suffizienz bedeutet Respekt vor der Natur, das Bewusstsein, dass unsere Umwelt weit über unser Verständnis und unsere momentanen Kapazitäten hinaus geht. Wir können nicht gegen die Natur arbeiten, ohne uns selbst zu schaden.

Suffizienz und die Gesellschaft
Dass mehr Güter nicht automatisch mehr echte Bedürfnisse befriedigen können, leuchtet intuitiv ein. Dass viele Güter uns nicht wirklich gut bekommen, ist uns allen bewusst. So gesehen ist es erstaunlich, wie fest wir uns an die schiere Güterproduktion klammern, in panischer Angst, die kleinste Produktivitätseinbusse könnte unseren Wohlstand stürzen und unser System zum kollabieren bringen. Der Artikel Scheinbedürfnisse widmet sich diesem zentralen Thema. Suffizienz soll die Diskussion einleiten, dass es nicht reichen wird, noch etwas an den Schräubchen zu drehen. Dass man nicht nur noch ein bisschen optimieren muss, um alles getrost weiter laufen lassen zu können. Suffizienz wirft die Frage auf, ob nicht unsere Wertvorstellungen und unser Verständnis von Fortschritt selbst angepasst werden müssen.
Gerne wird ein naiver Begriff der Freiheit ins Feld geführt und kolportiert, die nötigen Veränderungen seien gewissermassen diktatorisch. Das ist sehr erstaunlich, denn Freiheit heisst gerade nicht, tun zu können, was einem gerade beliebt. Sie hört dort auf, wo die Freiheit der andern beeinträchtigt wird. Natürlich ist das Bestimmen dieses Punktes, ab welchem es genügt, eine schwierige Sache. Man findet verschiedene Meinungen dazu, ab wann etwas zuviel ist. Genau hier setzt Suffizienz an und verlangt ein vorsichtiges, behutsames Vorgehen. Suffizienz fördert das eigentliche Wesen der Freiheit. Freiheit ist in der Tat das höchste Gut, doch umschliesst sie die Freiheit aller Menschen, die Freiheit zukünftiger Generationen – und die Freiheit der Natur. Nachhaltigkeit kann mit den heute zur Verfügung stehenden Technologien, und auf eine menschliche Art, nur mit Einbezug von Suffizienz umgesetzt werden. Suffizienz ist keine echte Beschränkung. Sie bedeutet Abwurf von Ballast, ein Besinnen auf Tätigkeiten, die uns als Menschen weiter bringen. Sie ist Schutz der Natur, Selbstschutz und Schutz der Mitmenschen. Suffizienz heisst Vorsicht, unsere Fähigkeiten mit Bescheidenheit einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Weniger könnte in der Tat mehr sein.

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