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Wie werden Gesellschaften nachhaltig? Weshalb folgen auf die Hiobsbotschaft des Klimawandels eher grosse Worte als politische Entscheidungen? Welche Herausforderungen werden nicht angenommen – und was hat das alles mit Suffizienz zu tun?

Dieser Artikel ist in interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Politikwissenschaft (Uta v. Winterfeld (PD Dr.) und Frederik Lippert), Journalismus (Alicja Darski) und Umweltwissenschaft (Claudia Kaiser) im Januar 2008 am Wuppertal Institut entstanden. Zur Suffizienzforschung siehe www.wuppertal-institut.de, Öko-Suffizienz

Mit Suffizienz ist die Frage aufgeworfen, wie viel genug ist bzw. mit Suffizienz wird die Aussage gemacht, dass etwas genug sein kann. Im Deutschen ist Suffizienz ein Holperwort und bis heute in der Alltagssprache nicht recht angekommen. In anderen Sprachen wird der Begriff selbstverständlicher gebraucht, wenn auch eher als Verb – etwa das französische Ça suffit! – oder als Adjektiv – meist negativ wie die englische Aussage, etwas sei not sufficient. Im substantivverliebten Deutschen ist immerhin von Insuffizienz die Rede, wenn beispielsweise das menschliche Herz nicht zufrieden stellend arbeitet. Ansonsten taucht dieser alltagsferne Begriff im Kontext von Ökologie und Nachhaltigkeit auf. Wolfgang Sachs hat ihn Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Anlehnung an Herman Daly in die ökologische Debatte geworfen und der Effizienz gegenübergestellt. Im Mainstream der Nachhaltigkeitsdebatte hat es die Suffizienz allerdings schwer und häufig wird die Frage nach dem «rechten Mass» (Linz 2004, S. 42) auf einen mahnenden Zeigefinger reduziert. Als solcher erscheint Suffizienz als kleine, moralisch aufgeladene und sozial harmlose Schwester des großen, technisch hoch gerüsteten Bruders Effizienz.

Erst mit Suffizienzzielen wird ein nachhaltiger Schuh daraus
Während mit Effizienz ein Minimum an Ressourceneinsatz bei einem Maximum an Wohlstandsoutput angesprochen ist (beispielsweise steht der «Faktor Vier» für doppelten Wohlstand bei halbiertem Naturverbrauch), während unter Konsistenz die Qualität und Beschaffenheit von Stoffen sowie deren Verträglichkeit untereinander und mit der natürlichen Mitwelt verstanden wird (beispielsweise bei Kraftstoffen die Veränderung der Rohstoffbasis hin zu nachwachsenden Rohstoffen), betritt mit Suffizienz eine normative Grundlegung die Bühne der Nachhaltigkeit. Mahatma Gandhi hat es so formuliert: Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse – aber nicht für jedermanns Gier. Suffizienz meint im Grunde eine Zügelung der Gier zugunsten der gerechten Verteilung der Güter zur Befriedigung der (Grund)¬Bedürfnisse. Suffizienz meint zugleich einen sorgsamen und haushälterischen Umgang mit den Naturgütern zugunsten eines Erhalts der Naturproduktivität auch für nachfolgende Generationen. Daher können Effizienz- und Konsistenzstrategien nur dann Nachhaltigkeit fördern, wenn ihnen Suffizienzziele vorangestellt werden. Dies lässt sich anhand der CO2-Reduktionsziele gut veranschaulichen. Sie sind im Grunde und zuerst Suffizienzziele, mit denen eine Begrenzung erfolgt und ein Genug bzw. das ohne gravierenden Schaden noch Mögliche definiert wird.

Suffizienz als kritischer Stachel der Effizienz und Konsistenz
Mit der Effizienzstrategie werden beispielsweise Kraftwerke und Kraftfahrzeugmotoren technisch so optimiert, dass sie weniger an CO2 ohne Leistungseinbusse ausstossen. Mithilfe der Suffizienz kann erstens verhindert werden, dass der Reduktionseffekt durch ein Mehr an nun effizienten Motoren oder Kraftwerken schlimmstenfalls mehr als kompensiert wird. Und mit Suffizienz kann gefragt werden, ob sich eine Gesellschaft Fahrzeuge «leisten» kann und will, die zwar relativ effizient, aufgrund ihrer Luxusausstattung aber dennoch im Vergleich zu anderen deutlich CO2-intensiver sind. Mit der Konsistenzstrategie wird beispielsweise die materielle Grundlage der Energieerzeugung und der Kraftstoffe so gewählt, dass der CO2-Ausstoss minimiert wird. Die Suffizienz gemahnt jedoch auch hier und weiterhin Achtsamkeit: Auch erneuerbare Energien können bei weiterhin ungezügeltem Verbrauch Schäden anrichten, wenn etwa das Land indigener Völker zerstört wird, um Wasserkraft zu erzeugen. Bei Atomkraftwerken stellt sich in Suffizienzperspektive die Frage, wie viel an Risiko eine Gesellschaft sich selbst zumuten will und folgenden Generationen zumuten darf. Allerdings ist die Atomenergietechnologie auch unter Effizienz- (mit welchem Aufwand wird Energie erzeugt?) und Konsistenzgesichtspunkten (welche Stoffe muten wir nachfolgenden Generationen zu?) fragwürdig und mag als diejenige Technologie gelten, die mit Nachhaltigkeit am allerwenigsten zu vereinbaren ist. Dass schliesslich das Brot der einen nicht vom Biokraftstoff der anderen gefressen werden darf, dies ist wiederum eine Angelegenheit der Suffizienz.

Notwendiger Strukturwandel?
Die soziale und politische Frage der Gerechtigkeit lässt sich somit innerhalb des Dreigestirns zur Nachhaltigkeit am besten aus der Suffizienzperspektive stellen. Wird jedoch die Frage nach der politischen Dimension von Suffizienz aufgeworfen, dann verweist gerade diese Nachhaltigkeitsdimension darauf, dass die Gesellschaft sich grundlegend ändern muss, um nachhaltig zu werden. Im Grunde hofft sie aber immer noch, Nachhaltigkeit ohne grosse Anstrengungen erreichen zu können. Der Naturphilosoph Klaus Michael Meyer-Abich spitzt dies dahingehend zu, dass wir – gesellschaftlich wie individuell – alles tun, um nichts zu tun (Meyer-Abich 2007, S. 233f).
Nachhaltigkeit ist in Europa als Antwort auf historische Krisensituationen wirksam geworden. Ihre Ursprünge liegen in der Waldwirtschaft und der Holzkrise im 17. Jahrhundert. Aufgrund des masslosen Abholzens der Wälder waren die Verfügung über den Rohstoff Holz und die Funktionsfähigkeit der Produktionsstätte Wald gefährdet. Nachhaltigkeit birgt damit eine quantitative und eine qualitative Dimension. Quantitativ soll nicht mehr Holz geschlagen werden als nachwachsen kann. Qualitativ geht es um Bodenqualität (Humusbildung), um die Qualität von Wasser (saurer Regen) und von Luft (CO2-Gehalt). Zugleich fordert Nachhaltigkeit das politische Denken heraus. Sie wirft die Frage nach einem neuen Politiktypus auf (lokale Aushandlungsdemokratie) und sie verweist auf die Steuerungsproblematik moderner Demokratien (dezentrale Steuerung) (Brand 2002).
Innerhalb der Debatte um die nachhaltige Entwicklung von Gesellschaften lassen sich zwei Strömungen unterscheiden: Ökologische Modernisierung, die sich eher an der Ökologisierung des Vorhandenen orientiert und zur Lösung von Umweltproblemen auf technische Innovationen, Effizienzsteigerung, Recycling und präventive Umweltmassnahmen setzt. Hingegen sieht der ökologische Strukturwandel tief greifende strukturelle Veränderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Verhaltensmustern als Voraussetzung für das Erreichen von nachhaltiger Entwicklung an (Lexikon der Politikwissenschaft, 1998, S. 633).
Einen stets wachen Blick auf Nachhaltigkeitsprozesse hat die Wirtschaftswissenschaftlerin Christiane Busch-Lüty. Sie hat den Nachhaltigkeitsdiskurs in Deutschland mitinitiiert und bezeichnet Nachhaltigkeit als komplexes Lebensprinzip. Sie besteht darauf, dass Nachhaltigkeit sich in keinerlei statischer Zielsetzung erschöpft, sondern in Bewegung bleibt und zum Widerspruch einlädt. Mit der «eingefleischten Einäugigkeit» des heutigen politischen und ökonomischen Denkens allerdings ist Nachhaltigkeit nicht zu machen.

Das Recht, nicht mehr haben wollen zu müssen
Wird die politische Dimension von Suffizienz gestärkt, so kann dies womöglich entscheidend dazu beitragen, dass Nachhaltigkeit als Antwort auf die aktuelle Krisensituation wirksamer werden kann. Die politische Gemeinschaft ist Aristoteles zufolge ursprünglicher als der Einzelne und das gute Leben ist eine politische Angelegenheit. Warum erwarten wir dann nicht ganz selbstverständlich, dass sich die soziale Güte einer jeden Gesellschaft nicht an der Höhe und Geschwindigkeit individuellen Konsums sondern an der Dichte und Qualität gemeinschaftlicher Interaktionen bemisst? Weshalb formulieren wir kein Recht auf Suffizienz, das etwa lauten könnte: Niemand soll immer mehr haben wollen müssen? Vor dem Hintergrund eines solchen Schutzrechtes wäre es Aufgabe von Politik, Suffizienz zu schützen und zu ermöglichen.
Damit soll allerdings nicht ausgesagt werden, dass jegliche individuelle Verhaltensänderung im grossgesellschaftlichen Ganzen verschwinden muss. So lassen sich auch individuelle und in Suffizienzperspektive äusserst kritische und spannende Fragen stellen: Wie viel Papier hat eine Studentin in den siebziger Jahren verbraucht – und wie viel Papier verbraucht sie heute? Wie viel technische Ausstattung hat die Erarbeitung eines Textes – sei es eine Haus- oder einer Abschlussarbeit – damals erfordert, wie viel ist heute erforderlich und in wie kurzen Abständen (die lange Lebensdauer ist ja die Stärke der Computer nicht unbedingt)? Was sind eigentlich die Ursachen für diese Entwicklung? Dies kann also individuell an ganz vielen Punkten geschehen – und es verweist zugleich auf ein wichtiges strukturelles Element von Suffizienz: Es geht nicht nur um die Begrenzung des Verbrauchs, sondern auch um die Begrenzung von Dynamik – jedenfalls der unersättlich viel verbrauchenden.

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