sustainability – your responsibility.

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FÜR EIN UNTERNEHMEN IST VERTRAUEN ATEMLUFT. EINE TRANSPARENTE UND üBERPRÜFBARE BERICHTERSTATTUNG, AUCH ZU UMWELT- UND SOZIALLEISTUNG, IST DIE BASIS FÜR DIESES VERTRAUEN. WIR HABEN HERRN PROFESSOR CLAUS-HEINRICH DAUB DAZU BEFRAGT. ER ER- STELLT SEIT JAHREN EIN RANKING DER JAHRESBERICHTE VON SCHWEIZER FIRMEN.

Prof. Dr. Claus-Heinrich Daub, Professor für Marketing und Leiter des Kompetenzschwerpunkts für nachhaltiges Management an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Privatdozent für Soziologie an der Universität Basel. Wir befinden uns im Informations- und Medienzeitalter. Austausch von Daten, auch über weite Distanzen, ist einfacher und schneller denn je. Für ein Unternehmen birgt diese Entwicklung sowohl Chancen wie Risiken. Es besteht das sprichwörtliche Risiko, den guten Ruf innert kurzer Zeit zu verlieren. Die Chance liegt darin, als Unternehmen aktiv das Vertrauen der Kunden und Geschäftspartner zu suchen. Aber was schafft Vertrauen? Auf ein einfaches Prinzip reduziert: Wenn Worte und Taten langfristig übereinstimmen. Eine Vorbedingung für Vertrauen ist demnach Transparenz, mit anderen Worten, dass ein Unternehmen seine Geschäfte offen legt. Wichtigstes Mittel dafür sind seit langem Geschäftsberichte. Klassisch enthält ein Geschäftsbericht Zahlen und Fakten zur ökonomischen Leistung des Unternehmens im vergangen Jahr. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gehören aber auch das Stiften von Nutzen gegenüber der Gesellschaft und der Schutz der natürlichen Umwelt zu den Aufgaben eines Unternehmens. Unser Interviewpartner Claus-Heinrich Daub untersucht und bewertet mit anderen Wissenschaftlern der Fachhochschule Nordwestschweiz seit 2002 die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Schweizer Unternehmen.

STUDIO!SUS: Herr Daub, in Ihrer Forschung untersuchen Sie Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte von Schweizer Unternehmen und tragen die Resultate in einer Rangliste zusammen. Wie gehen Sie vor und nach welchen Kriterien werden diese Geschäftsberichte untersucht?
→ Wir fokussieren uns darauf, offenzulegen, inwieweit die systematische Integration ökologischer und sozialer Themen in die gewöhnliche Berichterstattung stattfindet. Wir untersuchen dabei nebst Geschäfts- und Finanzbericht alle Publikationen, die von den Unternehmen selbst als Bestandteil ihrer Jahresberichterstattung angesehen werden.
Als erstes unterziehen wir die Berichte der 250 grössten Schweizer Unternehmen, sowie zusätzlich die der grössten Banken, Versicherungen und einiger ausgewählter KMU einem Auswahlprüfverfahren: Wir errechnen, wie gross der Anteil von Sozialem und Ökologie an der Gesamtberichterstattung ist. Eine Berichterstattung kommt nur in die nächste Runde, wenn sie mindestens 30% über soziale und ökologische Aspekte der Geschäftstätigkeit berichtet. Das ist heute international einfach der «State of the Art». Nach dieser ersten Phase bleiben ungefähr 40 bis 50 Berichte übrig, die wir mit Hilfe eines Kriterienkatalogs detailliert untersuchen. Der Katalog basiert auf den internationalen Richtlinien der «Global Reporting Initiative» und umfasst primär Indikatoren zu Struktur und Lesbarkeit, zur grundsätzlichen Integration der Nachhaltigkeits-Perspektive und zur ökonomischen, sozialen und ökologischen Leistung eines Unternehmens. In einer abschliessenden Runde können die Unternehmen dann unsere Analysen einsehen und eine Rückmeldung geben. Schlussendlich vergleichen wir alle Geschäftsberichte in einer Rangliste. Aber Achtung: Diese Rangliste widerspiegelt natürlich nicht die realen Umwelt- und Sozialleistungen der Unternehmen, sondern die Glaubwürdigkeit und Transparenz der Berichte. An der Spitze war 2008 die Schweizerische Post, gefolgt vom Industriekonzern Georg Fischer und dem Zementhersteller Holcim. Das beste KMU war der Brillenhersteller Knecht&Müller, der mit einem sehr bescheidenen Budget einen veritablen Bericht vorlegt.

STUDIO!SUS: Eine viel geübte Kritik an Nachhaltigkeitsberichten ist, sie seien «Greenwashing» für die Unternehmen. Was denken Sie dazu?
→ Greenwashing im eigentlichen Sinn, d.h. die gezielte Falschinformation oder Irreführung, ist seltener als man denkt. Es würde ja ein bewusstes Negieren von eigener Verantwortung gegenüber der sozialen und ökologischen Umwelt voraussetzen, und das findet man heute nur noch bei wenigen Firmen. Die meisten Unternehmen wollen heute aus den verschiedensten Gründen, wie einer sich verändernden Rechtslage, dem Druck von Kunden und Aktionären oder Wettbewerbsvorteilen, gegenüber der Konkurrenz «grün» sein und arbeiten auch in diese Richtung. Aber noch sind wenige Unternehmen wirklich weit vorangekommen auf dem Weg zu einem «nachhaltigen Unternehmen». Entsprechend ist das, was in und mit vielen Berichterstattungen de facto produziert wird, also kein «Greenwashing», sondern vielmehr ein Zeichen von Unsicherheiten über den «Business Case» und die Frage, wie weit der Umbau eines Unternehmens gehen muss, damit es wirklich nachhaltig wirtschaftet.
Die Firmen wissen oft nicht, wie sie nachhaltige Entwicklung in ihre unternehmerischen Aktivitäten integrieren und darüber berichten sollen. Vielfach entstehen Massnahmen aus Zufällen, dem Engagement einzelner Manager oder Mitarbeitern, plötzlich aufkommendem Druck von Aussen oder weil Nachhaltigkeit gerade angesagt ist und man auf den fahrenden Zug aufspringen möchte. Statt einer integriert nachhaltigen Managementstrategie dominieren Einzelaktionen. Dies spiegelt sich dann auch in der Berichterstattung. Genau deswegen ist eine unabhängige Untersuchung und Beurteilung der Berichterstattung wichtig. Ausserdem haben Studien gezeigt, dass viele Massnahmen für eine Verbesserung der Nachhaltigkeit in Unternehmen aus dem Berichterstattungsprozess motiviert werden. Dies, weil erst die Berichterstattung eine detailierte Selbstwahrnehmung ermöglicht.

STUDIO!SUS: Sehen Sie Trends in der Entwicklung der Geschäftsberichte und deren Umsetzung?
→ Einer der Trends lautet: Die Berichterstattung wird generell besser. Allerdings wird zugleich die Kluft zwischen den Unternehmen grösser, die bereits früh über Umwelt- und Sozialthemen berichtet haben und denjenigen, die sich den Berichterstattungstrends bis heute entziehen. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass es bei letzteren häufig nicht viel zu berichten gibt. Wir sehen auch, dass es inzwischen so etwas wie eine «kritische Masse» an Unternehmen gibt, die Nachhaltigkeit völlig selbstverständlich in ihre Unternehmenspolitik integrieren. Das heisst, wir stehen inzwischen kurz davor, dass sich der «Knoten» löst und nachhaltige Entwicklung Bestandteil der meisten Firmenstrategien wird. Dementsprechend wird ein guter Nachhaltigkeitsbericht künftig zum Normalfall werden.

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