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KAUM EIN BEGRIFF IST SCHILLERNDER UND WIRD VIELFÄLTIGER INTERPRETIERT ALS NACHHALTIGKEIT. WAS ZEICHNET NUN ABER EIN NACHHALTIGES UNTERNEHMEN AUS, WELCHE KRITERIEN GIBT ES DAZU. NICHT ZULETZT: WIE KANN UNTERNEHMERISCHE NACHHALTIGKEIT REALISIERT WERDEN?

Prof. Dr. Stefan Schaltegger, Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg (www.leuphana.de/csm) ist Leiter des weltweit ersten MBA-Studiengangs zu Nachhaltigkeitsmanagement und BAUM Umweltpreisträger 2007 in der Kategorie Wissenschaft. Es besteht kein Zweifel, dass keine allgemeine nachhaltige Entwicklung ohne eine nachhaltige Entwicklung der Unternehmen zu erreichen ist. Dennoch herrscht sehr grosse Unklarheit darüber, was unter nachhaltigen Unternehmen verstanden werden könnte und ob es sie überhaupt gibt. Könnten sich Unternehmen der Umwelttechnologiebranche, Produzenten von Solartechnologie oder Hersteller von Biolebensmitteln und Fair Trade Produkten qualifizieren? Sind es Familienunternehmen oder grosse börsenquotierte Unternehmen, die überzeugende Nachhaltigkeitsberichte veröffentlichen? Lässt sich die Frage nach den nachhaltigen Unternehmen an Profianalysten delegieren und mit den in Nachhaltigkeitsindizes bestplatzierten Unternehmen beantworten? Diesen und einer Vielzahl verknüpfter Fragen lässt sich am besten durch die Diskussion der Umkehrfrage nachgehen: Was kennzeichnet unnachhaltige Unternehmen?

UNNACHHALTIGE UNTERNEHMEN
Ganz grob ausgedrückt verursacht ein unnachhaltiges Unternehmen mehr Schadschöpfung als Wertschöpfung, das heisst die negativen Wirkungen überwiegen die positiven. Dabei kann die Beurteilung von Unnachhaltigkeit beispielsweise anhand folgender Punkte erfolgen: (a) Direkte Wirkungen der Unternehmenstätigkeit, wie Emissionen aus der Produktion im Umweltbereich, Kinderarbeit im Sozialen oder Korruption und Überschuldung im Ökonomischen. (b) Negative indirekte Wirkungen der in die Welt gesetzten Produkte, wie beispielsweise gesundheitliche Beeinträchtigungen beim Konsum der Produkte des Unternehmens, persistente Gifte in der Entsorgungsphase oder teure Altlasten verursachende Produktteile. (c) Untaugliche Managementsysteme, die falsche Informationen über die nachhaltigkeitsrelevanten Wirkungen und Nebenwirkungen von Managemententscheidungen liefern oder Umsetzungsdefizite begünstigen. (d) Ein unreflektiertes Geschäftsmodell, das soziale oder ökologische Innovationen hemmt oder unnachhaltige Produktions- und Konsummuster begünstigt.
Als Gegenbewegung zur fehlenden oder mangelnden Nachhaltigkeit erfordert der Anspruch, nachhaltig zu wirtschaften, einen Blick über den Seitenrand von Quartalsberichten hinaus. Dies ist Aufgabe und Herausforderung des Nachhaltigkeitsmanagements.

NACHHALTIGKEITSMANAGEMENT ALS ENTWICKLUNGSANSATZ FÜR UNTERNEHMERISCHE NACHHALTIGKEIT
Die idealisierte Leitidee einer nachhaltigen Wirtschaftsweise ist die anhaltende, weltweite Gewährleistung individueller Chancen zur Sicherung von Grundbedürfnissen. Ausserdem beinhaltet sie die Verwirklichung hoher Lebensqualität bei Erhalt der Natur und menschengerechter Gesellschaftsverhältnisse. Mit Nachhaltigkeitsmanagement sollen ökologische, soziale und ökonomische Ansprüche in und mit Unternehmen integrativ berücksichtigt und zu einer neuen innovativen Sichtweise zusammengeführt werden. Die Zielrichtung unternehmerischer Nachhaltigkeit ist damit zwar nur grob umschrieben. In der konkreten Umsetzung ist die Entwicklungslinie jedoch vielfach klarer als auf den ersten Blick vermutet. Dabei bezweckt das Nachhaltigkeitsmanagement sowohl eine nachhaltige Organisationsentwicklung als auch einen unternehmerischen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Der Einsatz für gesellschaftliche Anliegen soll nicht Reparatur oder Korrektur von Unternehmenstätigkeiten sein ohne diese zu ändern, sondern zum Bestandteil der betrieblichen Wertschöpfung werden — mit dem Wissen, dass ein Engagement am glaubwürdigsten ist, wenn es nachvollziehbar und dauerhaft sowohl zu sozialen und ökologischen Verbesserungen als auch zum Unternehmenserfolg beiträgt.

DAUERHAFTIGKEIT WEDER NOTWENDIG NOCH HINREICHEND
Wenig hilfreich ist die direkte Übertragung der Brundtland-Definition von nachhaltiger Entwicklung, da intergenerationale Langfristigkeit und Dauerhaftigkeit bei Unternehmen nicht zwingend sinnvoll sind oder zu Nachhaltigkeit führen. Je nach Zweckbestimmung soll ein Unternehmen gar nicht lange existieren. So sollen z.B. Baukonsortien oder Unternehmen zur Organisation eines grossen Sportanlasses (z.B. Fussballeuropameisterschaft) aufgelöst werden, wenn die Aufgabe erfüllt worden ist. Andere Unternehmen sind zwar auf unbestimmte Zeit angelegt, werden jedoch durch technischen Fortschritt, Substitute, neue Regulierungen usw. obsolet — Schreibmaschinen- wurden z.B. durch Computerhersteller ersetzt. Der «Untergang» bzw. die «Zerstörung» von Unternehmen, die veraltete, unnachhaltige Produkte herstellen, dient häufig sogar der nachhaltigen Entwicklung. So wurden durch die Ablösung von Fotoentwicklungslaboren, die mit giftigen Chemikalien gearbeitet haben, durch Druckdienstleister für Digitalfotos erhebliche Umweltbelastungen reduziert. Ähnliche Wirkungen sind zu erwarten, wenn chemische Reinigungsinstitute durch Unternehmen mit völlig anders gelagerten CO2-basierten Reinigungstechnologien ersetzt werden. Hier setzt das Konzept des nachhaltigen Unternehmertums (sustainable Entrepreneurship) an. Es widerspiegelt die marktwirtschaftlichste Form einer Integration ökologischer, sozialer und ökonomischer Ziele durch die Gründung oder Entwicklung eines Unternehmens oder Geschäftsbereichs.

SUSTAINABLE ENTREPRENEURSHIP
Nachhaltiges Unternehmertum (sustainable entrepreneurship) beinhaltet nicht nur die Optimierung von Produktionsprozessen und Produkten zur nachhaltigen Unternehmens- und Geschäftsentwicklung, sondern auch eine gesellschaftliche Gestaltungsrolle als Kernaktivität. Dabei geht es um die Frage, welche gesellschaftlichen Entwicklungen von den unternehmerischen Leistungen und Aktivitäten ausgehen oder durch sie befördert werden. Nachhaltige Entwicklung erfordert Veränderungen — häufig sehr substanzielle. Unnachhaltige Produkte und Produktionsprozesse müssen aufgegeben und neue geschaffen werden. Im Sinne eines «kreativen Zerstörers» (Begriff eingeführt von Schumpeter: Unternehmen als gleichzeitige Zerstörer und Erneuerer) wird vom nachhaltigen Unternehmertum erwartet, dass es unnachhaltige Verhältnisse als Anlass für die Schaffung neuer nachhaltigerer Produkt- und Dienstleistungsangebote nimmt. Diese sollten die bisherigen Strukturen ersetzen und unattraktiv oder gar obsolet machen. Dies kann in und mit einem Unternehmen nur gelingen, wenn die sozialen und ökologischen Themen so bearbeitet werden, dass sie den Unternehmenserfolg stärken. Ein zentrales Ziel des Nachhaltigkeitsmanagements ist damit die Schaffung von Geschäftsfällen für Nachhaltigkeit (sog. Business Cases for Sustainability).

ÜBERSPITZT FORMULIERT
Der Kürze geschuldet und etwas überspitzt formuliert muss ein rundum nachhaltiges Unternehmen über folgende Eigenschaften verfügen: (a) Das Unternehmen schafft gesellschaftliche und ökonomische Werte («societal economic value creating organization»). (b) Die null Emissionen verursachende, kompostierbare Firma («zero emission biodegradable company») verursacht keinerlei direkte negative Wirkungen. (c) Vom Unternehmen gehen keine indirekten negativen Wirkungen aus. Die nachhaltigkeitsnutzenstiftenden Produkte («sustainability benefit creating products») induzieren ausschliesslich vorteilhafte Wirkungen in der Lieferkette und nachhaltiges Konsum- und Entsorgungsverhalten bei den Nutzern und Entsorgern. (d) Das Unternehmen agiert als kreativer Zerstörer unnachhaltiger Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen. (e) Das Geschäftsmodell dient als Vorbild für andere und das Unternehmen. Es wirkt über direkte Markteffekte hinaus und schafft Markt- und Gesellschaftsstrukturen, die eine nachhaltige Entwicklung fördern.
Offensichtlich entspricht kein Unternehmen radikal formulierten Nachhaltigkeitsvorstellungen in vollendeter Ausprägung. Dementsprechend existiert bisher auch kein absolut nachhaltiges Unternehmen. Dennoch gibt es Unternehmen, die bezüglich ihrer Produktion, ihrer Produkte, ihrer Managementsysteme und ihres Geschäftsmodells deutlich nachhaltiger sind als andere. Mit der Messung der relativen Nachhaltigkeit, also dem Vergleich, wer sich am meisten in Richtung unternehmerischer Nachhaltigkeit bewegen konnte, befassen sich Rating-Agenturen und die Research-Abteilungen von Nachhaltigkeitsfonds. Auch wenn kein Unternehmen vollumfänglich nachhaltig ist, und auch die Frage unbeantwortbar bleibt, wann genügend grosse Schritte erzielt worden sind, dass ein Unternehmen als wirklich nachhaltig bezeichnet werden kann, so zeigen diese Eckgrössen dennoch eine Orientierung in einem Spektrum zwischen Unnachhaltigkeit und Nachhaltigkeit auf, in dessen Richtung einzuschlagen sich lohnt — für die Unternehmen und die Gesellschaft.

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