sustainability – your responsibility.

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SIND MARKTWIRTSCHAFT UND KAPITALISMUS MIT NACHHALTIGER ENTWICKLUNG VEREINBAR? EINE GESCHICHTLICHE BETRACHTUNG DES UNTERNEHMERTUMS BRINGT ANTWORTEN UND VORSCHLÄGE — UND NIMMT DIESEM DEN TEUFLISCHEN BEIGESCHMACK.

Claude Siegenthaler ist Professor an der Hosei University in Tokyo und lehrt der Universität St.Gallen. Er hat mehrere Organisationen gegründet und ist u.a. Beirat von oikos St. Gallen. Als Partner von UR Management Zürich begleitet er social entrepreneur.


Natürlich ist der Kapitalismus an allem schuld! Mit seiner unstillbaren Gier nach Gewinn und Wirtschaftswachstum hat uns das System der freien Marktwirtschaft an die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit geführt. Dabei wurde am Human- und Sozialkapital Raubbau getrieben und schliesslich das finanzielle Kapital verspielt. Nun sollen es die Kapitalisten sein, die den Umbau hin zur Nachhaltigkeit herbeiführen?

DER BLICK IN DIE VERGANGENHEIT

Unternehmer sind seit jeher die Abenteurer unter den ökonomischen Akteuren. Sie nehmen Chancen zur Gewinnerzielung wahr und sind bereit, dafür Risiken einzugehen. In vielen Kulturen wurde man dafür nicht geachtet. Das wirtschaftliche und soziale Leben war durch Staat und Kirche streng reglementiert und es gab wenig Raum für Innovation. Unternehmertum entfaltete sich jenseits der Grenzen der konventionellen Gesellschaft: Im Handel und in der Erschliessung neuer Ländereien. Beides war mit grossem Kapitalaufwand verbunden und erforderte aussergewöhnliche Planungs- und Führungsfähigkeiten. Im Imperialismus wurden diese Fähigkeiten gebraucht und erste globale Grossunternehmen entstanden; wie beispielsweise die British East India Company. Im Zuge der Industrialisierung und der Kriegswirtschaft wurden Unternehmerverbünde auch im Inland mit grossen Infrastrukturprojekten betraut. Zunächst waren sie statutarisch auf einen bestimmten Zweck und eine Laufzeit beschränkt und die Beteiligten hafteten unbeschränkt mit ihrem privaten Vermögen. Erst im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden diese Restriktionen aufgehoben und führten zur modernen Form der Aktiengesellschaft als eigene Rechtspersönlichkeit mit beschränkter Haftung. Innovative Unternehmer konnten so Risiken mit zahlreichen Investoren teilen und dabei das über das Kapital hinausgehende Restrisiko eines Projekts auf die Gesellschaft abwälzen.

DIE TECHNOLOGISCHE REVOLUTION

Die Verbindung aus Unternehmertum, wissenschaftlichem Erkenntnisfortschritt und liberalisierten Märkten entfesselte schliesslich die «technologische Revolution». Sie prägt unsere Zeit durch immer schneller ablaufende Innovationswellen und begründet den materiellen Wohlstand der industrialisierten Welt. Besonders erfolgreich waren und sind auch heute diejenigen Projekte, die den Motor der Industrialisierung mit dem benötigten Treibstoff versorgen, ohne den dieser Prozess physikalisch gar nicht möglich gewesen wäre: Öl. Derselbe Stoff also, der uns heute über die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit stösst. Zur Illustration: Von den 13 grössten, privaten Unternehmen der Welt sind sechs in der Förderung und Verteilung von Öl tätig und weitere fünf liefern die darauf beruhenden Verbrennungsmotoren. 2007 erzielten sie einen Umsatz von mehr als 2.5 Billionen US Dollar; gleichbedeutend mit dem fünften Platz unter den Volkswirtschaften der Welt. Durch die Augen unserer Vorfahren betrachtet hat die moderne Wirtschaft äusserst erfolgreich drängende Herausforderungen der damaligen — und für die Mehrheit der Weltbevölkerung heutigen — Gesellschaft gemeistert: Hunger, Armut und soziale Hilflosigkeit. Über die Besteuerung der Wertschöpfung — der Gewinne, Löhne und Konsumausgaben — wurde und wird die Finanzierung grosser sozialer Infrastrukturen, des Rentensystems, der Arbeitslosenversicherung sowie des Bildungs- oder Gesundheitswesen ermöglicht. Gewinner sind dabei insbesondere die Konsumenten — allerdings nur diejenigen, welche auch durch ihre angemessene Einbindung ins System (durch Lohn-, Kapital- oder Sozialeinkommen) über Kaufkraft verfügen. Global betrachtet ist dies noch immer eine Minderheit der Weltbevölkerung.

NEUE HERAUSfORDERUNGEN

Die «social entrepreneurs» von damals haben sich den Herausforderungen der materiellen Knappheit erfolgreich angenommen und neue Lösungen entwickelt, die nicht nur technisch funktionieren, sondern — und das ist entscheidend — auch von den Konsumenten bezahlt werden. Dabei ist Erfolg keineswegs garantiert: Nur ein geringer Teil aller technisch realisierbaren Ideen überleben den Weg vom bestechenden Gedanken bis zum gefragten Produkt und werden damit zu Innovationen. Konkurrenz sorgt dafür, dass das einstmals Neue veraltet, überholt und ersetzt wird. Harvard-Ökonom Joseph Schumpeter — selbst bankrott-geprüfter Bankier — prägte hierzu den Begriff der «schöpferischen Zerstörung». Unternehmer fordern das Bestehende mit ihren neuen Ansätzen heraus, brechen Strukturen auf und sorgen damit für gesellschaftlichen Wandel — mit teils positiven, teils negativen Auswirkungen. Nichts spricht aber dagegen, dass es Unternehmern erneut gelingen wird, neue Lösungen für die grossen Herausforderungen unserer Gesellschaft zu finden.

KRAfT DER PLANWIRTSCHAfT

Doch das wird für eine nachhaltige Wende nicht reichen. Es bedarf einer weiteren Eigenart des Kapitalismus, nämlich — so paradox dies zunächst klingen mag — es braucht die Kraft der Planwirtschaft. Denn der Überlebenskampf auf dem freien Markt lässt grosse Organisationen mit enormen Vermögenswerten und Macht entstehen. Sie stellen hochspezialisierte Planwirtschaften dar. Die Geschichte zeigt, dass es nur wenigen dieser Unternehmen gelungen ist, ihr Geschäftsmodell grundlegend zu verändern und auch im neuen Spiel wiederum schneller und besser als andere Marktmacht aufzubauen. Vor diesem Hintergrund erscheint es rational, dass die meisten erfolgreichen Grossunternehmen lieber an der Verbesserung des Bestehenden festhalten. Die angeführten Unternehmen der Ölwirtschaft wiesen 2007 Gewinne von fast 185 Milliarden Dollar aus. Den Grossteil dieser Wertschöpfung investieren sie in den weiteren Ausbau ihres Kerngeschäftes. In der Folge wird die Produktivität dieser «alten» Technologie weiter verbessert und die Hürde für alternative Lösungen hochgehalten.

Dennoch: Nachhaltigkeit braucht Grösse und ist auf Planwirtschaft angewiesen, um die notwendige Produktivität und damit Konkurrenzfähigkeit zum Bestehenden zu erreichen. Wir brauchen Innovation und die Macht der grossen Planwirtschaften zur selben Zeit. Noch ziehen diese Kräfte in entgegengesetzte Richtungen. Sie werden sich jedoch in dem Punkt neutralisieren, in dem die Öko-Nische zum Massenmarkt wird. Darüber hinaus wird die Kraft der Planwirtschaft zu enormer Beschleunigung des Wandels führen.

VON DER ÖKO-NISCHE ZUM MASSENMARKT

Der Phasenübergang hat schon begonnen, einiges deutet darauf hin. Zu den «Spinnern» der frühen 70er Jahre und den «Visionären» der frühen 90er hat sich heute eine dritte Generation von nachhaltigkeitsorientierten Pionieren gesellt: professionelle Geschäftsleute und Investoren. Dies ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass grosse Gewinnpotentiale erschlossen werden können. Die Erfolge bleiben nicht aus. Die lange belächelte Windenergie hat sich heute zum Zugpferd dieser Entwicklung gemausert und ist in vielen Gegenden so produktiv, dass sie stetig an Marktanteilen gewinnt. Die Umsatzkurven zeigen auch für Bio-Lebensmittel, resp. Textilien, Minergiehäuser oder Nachhaltigkeitsinvestmentfonds nach oben. Dennoch ist der Weg in den globalen Massenmarkt noch weit. Je mehr diese neuen Planwirtschaften aber expandieren, desto schneller werden sie Kapital, Talent, Erfahrung und politische Unterstützung anziehen. Das ist wichtig, weil grüne und soziale Geschäftsmodelle Externalitäten, also ökonomische Schäden, beseitigen, die im freien Markt weder durch die Konsumenten noch die Produzenten gedeckt werden. Viele Nachhaltigkeitspioniere tragen damit freiwillig Zusatzkosten, welche erst allmählich durch die Veränderung der Spielregeln hin zum Verursacherprinzip auch den etablierten Unternehmen verrechnet werden.

Bis die Politik angemessene Rahmenbedingungen geschaffen hat, rücken somit die Adressaten des Kapitalismus ins Zentrum: die Konsumenten. Solange soziale und ökologische Missstände keinen Niederschlag in den Kaufentscheidungen der Mehrheit der Konsumenten finden, entpuppen sich alle, die es sich leisten könnten — und das sind mehr als 75% aller Einwohner der industrialisierten Welt — als mindestens ebenso gierig und rücksichtslos wie die verteufelten Kapitalisten. Die üblichen Ausreden gelten schon längst nicht mehr: Es gibt sie heute, die ökologischen und sozialen Alternativen. Der Verweis auf zu hohe Preise ist häufig nur vordergründig, wenn man den gesamten Warenkorb ins Blickfeld rückt — so mancher Schweizer könnte sich seine Bio-Lebensmittel locker damit finanzieren, indem er die landläufige Überversicherung abbaut. Sicherlich: es ist schon etwas aufwändiger, ein bewusster und informierter Konsument zu sein. Aber dank Innovationen wie dem in diesem Heft vorgestellten Portal Codecheck.info wird die heutige Generation von «social entrepreneurs» dazu beitragen, dass sich die wesentlichen Prozesse des Kapitalismus in den Dienst der Nachhaltigkeit stellen lassen.

Damit bleibt am Schluss die Frage, ob die Metapher des «teuflischen» denn tatsächlich angemessen ist. Ich glaube nicht. Eher ist es wohl so, dass wir mit dem Kapitalismus bisheriger Prägung — Goethes Zauberlehrling gleich — Kräfte freigesetzt haben, die wir grundsätzlich als sinnvoll erachten, deren Kontrolle wir aber zunehmend verloren haben. Es ist an der Zeit, ihm den Meister zu zeigen — die in diesem Heft im Zentrum stehenden «sustainability entrepreneurs» demonstrieren, dass dies möglich ist.

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