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1.2 Mia. Menschen leiden an Hunger. Mit zunehmender Weltbevölkerung dürfte diese Zahl in den nächsten Jahren weiter ansteigen. Dies, obwohl es eines der Hauptziele der Millennium Development Goals ist, die Anzahl hungernder Menschen bis 2015 zu halbieren. Als Gründe werden häufig steigende Armut sowie fehlender Zugang zu Nahrung genannt. Will man die ausreichende Ernährung der Weltbevölkerung sicherstellen, geht es zudem nicht nur um Quantität, sondern auch um Qualität der Nahrungsmittel.

In schriftlichen Interviews mit Hans Rudolf Herren (HRH) und Nikolaus Amrhein (NA) geht Studio!Sus der Frage auf den Grund, welchen Beitrag die grüne Gentechnik und der Biolandbau leisten können, aber auch, wo ihre Risiken, Probleme und Unklarheiten liegen.


Nikolaus Amrhein
war von 1987-2008 Professor für Pflanzenwissenschaften (Biochemie und Physiologie der Pflanzen) an der ETH Zürich und nahm in dieser Zeit an vielen Diskussionen (z.B. in der UMNW Synthesewoche) über GV-Nutzpflanzen teil. Er betrieb selbst keine angewandte Forschung in diesem Gebiet, sondern forschte im Bereich der Biochemie und Molekularbiologie pflanzlicher Stoffwechselwege.

Hans Rudolf Herren
hat an der ETH Agronomie studiert und ist heute unter anderem Präsident der Stiftung BioVision, die er 1998 gegründet hat. „Die Stiftung Biovision bekämpft Armut und Hunger an der Wurzel und fördert umweltfreundliche Methoden, die zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen in Afrika führen. BioVision leistet Hilfe zur Selbsthilfe und fördert ökologisches Denken und Handeln – im Norden wie im Süden.“ Das Originalinterview ist in englisch online nachzulesen auf www.biovision.ch.


Studio!Sus: Wo liegt das Potential der (grünen) Gentechnik etwas zur Lösung des Hungerproblems beizutragen? Was sind die Risiken der Gentechnik (in Bezug auf die Sicherung der Welternährung)?

Nikolaus Amrhein
: „Die kommerziell genutzten gentechnisch veränderten (GV) Pflanzen gehören der "ersten Generation" an, also Pflanzen, die durch Einführung eines einzelnen Fremdgens resistent gegen Befall durch Schadinsekten (Bt-Sorten) oder bestimmte Herbizide (z.B. Roundup Ready Sorten) sind. Während diese Sorten in Europa als Teufelszeug verschrien werden, kultiviert man insbesondere in Nordamerika, China, Indien und Brasilien auf insgesamt 125 Mio. Hektaren transgene Sorten von Mais, Soja, Raps und Baumwolle. Die Ernährung betreffend ist es wichtig festzuhalten, dass die genannten GV-Nutzpflanzen die ökonomische Situation der Produzenten verbessern und ihnen dadurch aus der Armut-Hunger-Spirale helfen. Die Produkte der GV Nutzpflanzen dienen nicht der Selbsternährung. Dies erklärt, weshalb gerade in den Schwellenländern mit zunehmender Infrastruktur der Anbau zunimmt. Gleichzeitig erklärt es auch, wie die Produktion einheimischer Grundnahrungsmittel potentiell Schaden nehmen kann. Den reinen Selbstversorgern in Entwicklungsländern ist also mit diesen GV-Pflanzen nicht gedient. GV-Pflanzen der "zweiten Generation" zeigen eine Verbesserung der Nahrungsqualität und sind gentechnisch anspruchsvoller. Als herausragendes Beispiel ist hier der "Goldene Reis" zu nennen, in dem der Mangel des lebenswichtigen Provitamins A behoben ist. Während die Techniken der Produktion solcher Pflanzen beherrscht werden und die Umweltrisiken geringer sind als bei den genannten GV-Nutzpflanzen der ersten Generation, stellt die Zulassung derzeit das grösste Hindernis für ihre Einführung dar. Über Ansätze zur Erzeugung von GV-Pflanzen einer potentiellen "dritten Generation", mit Eigenschaften, die der Regulation durch komplexe Gen-Netzwerke unterliegen (z.B. höheren Erträgen, geringerem Wasserverbrauch, höherer Effizienz der Stickstoffverwertung, Dürreresistenz, etc.), hat man erst begonnen ernsthaft nachzudenken. Die Risiken der Resistenzentwicklung und allfälligen Auskreuzung sind bei den GV-Nutzpflanzen der ersten Generationen ernst zu nehmen und müssen auf der Basis der Erkenntnisse der Populationsbiologie reduziert werden.“

Hans Rudolf Herren
: „Die Rolle der Gentechnik in der weltweiten Bekämpfung des Hungers ist sehr begrenzt. Bis jetzt ist der Ertrag von GV-Pflanzen nicht höher und sie bringen nur geringe Effizienzsteigerungen in einer industrialisierten Landwirtschaft. Die Gentech-Industrie will Toleranz gegenüber Trockenheit schaffen? Es wurde bereits gezeigt, dass dies nicht so einfach zu lösen ist, da mehrere Gene involviert sind. Mehr Fortschritte wurden in den letzten 20 Jahren mit klassischer und markergestützter Züchtung gemacht. Andere Modifikationen wie beispielsweise die Schädlingsresistenz sind von Beginn an dem Untergang geweiht, da sich Resistenzen entwickeln werden und derselbe Teufelskreis wie bei den Pestiziden entstehen wird. Das Hauptrisiko ist, dass wir heute nicht genug über die ökologischen und gesundheitlichen Konsequenzen der GV-Pflanzen wissen. Was heute risikolos scheint, kann erst in einigen Jahren zu einer Gefahr werden. Die GV-Pflanzen sind nur Symptombekämpfung und lassen die eigentlichen Ursachen tiefer Produktivität ausser Acht. Wassernutzung, Bodenbewirtschaftung und das Management von Krankheiten sind die Hauptbereiche, die Beachtung brauchen. Insbesondere den Kleinbauern, welche sich die GV-Pflanzen sowieso nicht leisten können, gibt das mehr Kontrolle darüber, was, wann und wie sie anpflanzen.“


Studio!Sus: Einen Hauptkritikpunkt an der Gentechnik stellt die Abhängigkeit der Kleinbauern in Entwicklungsländern von grossen Konzernen dar. Wie stehen Sie zu dieser Kritik? Was gibt es allenfalls für Möglichkeiten, diese Abhängigkeit zu vermindern?

NA: „Die Abhängigkeit von grossen Konzernen liegt nicht in der Gentechnologie an sich begründet, sondern vielmehr in den gewaltigen Entwicklungskosten, die nur von grossen Konzernen aufgebracht werden können. Auch im Bereich der Pestizide ist die Zahl der Agrochemiekonzerne, die sich überhaupt noch den Aufwand für Entwicklungsarbeit leisten können, im Lauf der letzten Jahrzehnte weltweit auf eine Handvoll geschrumpft. Das Beispiel des Goldenen Reises zeigt, dass es möglich ist GV-Pflanzen unabhängig von den kommerziellen Interessen der Konzerne zu entwickeln, wenn auch nur unter gewaltigem persönlichen Einsatz, grösster Beharrlichkeit und Überzeugungsarbeit. Die kommerziellen Interessen der Konzerne sind bei der Eigenproduktion von Nahrungsmitteln in den Entwicklungsländern aber eher gering. Kleinbauern werden Sorten des Goldenen Reises unentgeltlich überlassen. Es ist in diesem Zusammenhang eine irrige Meinung, dass es eine einzige, dominierende Sorte "Goldener Reis" geben wird. Vielmehr wird es das Ziel sein die Fähigkeit zur Synthese von Provitamin A im Korn in lokale Sorten einzukreuzen.“

HRH
: „Die Abhängigkeit der Kleinbauern ist ein Problem – und das nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Industrieländern, wo bereits unzählige Bauern von den Biotech-Firmen wegen Verstössen gegen das Patentrecht verklagt wurden und viele ihre Betriebe verloren haben. Man verschliesst die Augen vor der Realität, wenn man glaubt, dass GV-Saatgut gratis abgegeben wird. Obwohl die GV-Saat – im Gegensatz zu den Hybridpflanzen - wieder zu einer ausgewachsenen Pflanze würde, werden die Firmen, welche dieses Saatgut verteilen, früher oder später Patent-Ansprüche erheben. Somit wird es schwierig oder unmöglich das Saatgut im folgenden Jahr nochmals zu verwenden.“


Studio!Sus: Wo liegt das Potential des Biolandbaus, etwas zur Lösung des Hungerproblems beizutragen?

HRH: „Ökologischer Landbau kann und muss zum System erster Wahl auf der ganzen Welt werden. Wie bereits gezeigt wurde, kann Biolandbau sowohl auf kleinen wie auch auf grossen Flächen betrieben werden. In vielen Gegenden der Welt, wo die Erträge heute klein sind, gibt es ein grosses Potenzial für die sofortige Steigerung der Produktivität. Dies würde die Notwendigkeit von US- und EU-Importen reduzieren und gleichzeitig mehr Einkommen generieren in den Regionen, welche diese Nahrungsmittel und den Gewinn aus der Produktion brauchen. Dadurch, dass die biologische Landwirtschaft arbeitsintensiver und lukrativer ist als die industrielle, wird es mehr und besser bezahlte Arbeitsplätze geben. Biologische Landwirtschaft ist ausserdem viel weniger von externer Energiezufuhr abhängig, es wird Kohlenstoff aufgenommen statt produziert. So wird die Landwirtschaft beim Klimawandel Teil der Lösung und nicht des Problems.“


Studio!Sus: Dem Biolandbau wird vorgeworfen, nicht genügend produktiv zu sein, um die ganze Welt ernähren zu können. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

NA: „Ich halte sie für korrekt. Der Biolandbau ist extensiv, erfordert einen höheren Arbeitseinsatz als beispielsweise die Integrierte Produktion (IP) und ist daher kostenintensiver.“

HRH
: „Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das nicht stimmt: In Kenia am ICIPE (International Centre of Insect Physiology and Ecology) haben wir es geschafft die Maiserträge auf nachhaltige und biologische Weise langfristig zu verdrei- und verfünffachen. Die Bodenfruchtbarkeit wurde durch Mischkulturen und den Einbezug von Tieren wiederhergestellt. Defizite bei den Schlüsselelementen im Boden müssen in Angriff genommen werden. Beispielsweise besteht häufig ein Phosphat-Mangel, welcher durch die Zufuhr von Rohphosphat behoben werden kann. Stellen Sie sich vor, wie die biologische Landwirtschaft heute aussehen würde in Bezug auf Bodenfruchtbarkeit und Produktivität, wenn sie nur einen Bruchteil der Forschungsgelder bekommen hätte, welche in die industrielle Landwirtschaft investiert wurden. Die Leute müssen realisieren, dass durch die Produktion von billigem Essen Kosten entstehen. Diese Kosten sind beim biologischen Landbau bereits integriert, weil dieser geringere Externalitäten hat.“



Nebst den bestehenden Problemen der Welternährung sind bereits heute viele Bauern in verschiedenen Regionen mit zunehmenden Auswirkungen der Klimaerwärmung (Dürren, Überschwemmungen etc.) konfrontiert. Um diesen Auswirkungen entgegen zu wirken, braucht es gemäss Nikolaus Amrhein vor allem „gemeinsame Anstrengungen und keine ideologischen Grabenkämpfe“. Für Hans Rudolf Herren besteht die Lösung in einem System, welches „sich selbst Sorge trägt und welches nicht die limitierten Ressourcen ausbeutet, sondern natürliche Kreisläufe schafft“. Dies könne nur durch biologische und ökologische Methoden erreicht werden. Forschungsbedarf besteht seiner Meinung nach vor allem bei der (Wieder)herstellung und Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, der Schädlings- und Krankheitsbekämpfung, der Vergrösserung der Diversität sowie bei der Entwicklung von besseren, stärkeren und nährstoffreicheren Pflanzen. Für den Bereich der Gentechnologie sieht er kaum Möglichkeiten. Er befürchtet sogar, dass durch die Begrenzung der Diversität (da es sehr teuer ist, eine grosse Anzahl Arten zu erzeugen), die Situation noch verschlechtert wird. Auch sonst ist er gegenüber der Gentechnologie sehr kritisch eingestellt: „Durch Schnellverfahren und kurzfristige Lösungen, was GV-Organismen sind, setzen wir sowohl die Bauern als auch die Konsumenten einem langfristigen Risiko aus, statt die Risiken zu minimieren und die Resilienz und Nachhaltigkeit des globalen Ökosystems zu gewährleisten. Es braucht ernsthafte und unparteiische Forschung zu den Aspekten der Sicherheit für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen sowie zu den wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen”. Anders sieht das Nikolaus Amrhein. Für ihn braucht es nebst der Forschung an den Methoden der Gentechnologie – wie beispielsweise der Plastidentransformation zur Verhinderung der Auskreuzung sowie der Weiterentwicklung der „dritten Generation“ der GV-Pflanzen – vor allem „adäquate Zulassungsverfahren“ sowie einen „rationalen Umgang mit der Thematik in der Öffentlichkeit“. Er weist darauf hin, dass beispielsweise bei Bt-Nutzpflanzen keine Pestizide mehr gebraucht werden, was ja den Prinzipien des Biolandbaus entspricht. Die Frage „Gentechnologie ODER Biolandbau“ stellt sich für ihn also nicht: „Solange man dogmatisch Gentechnik als "Nicht-Bio" deklariert, wird es nicht zu einem Verständnis kommen. Ich halte hier die Gentechniker, von denen ich viele als begeisterte Biologen und Naturfreunde kenne, für wesentlich aufgeschlossener und diskussionsbereiter.“


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