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Die Schweizer Landwirtschaft kämpft an vielen Fronten ums Überleben und in gewissem Sinn auch für mehr Nachhaltigkeit. Die Landwirtscchaft ist sowohl teilweise Mitverantwortliche des Klimawandels als auch von dessen Auswirkungen betroffen. Prof. Fuhrer zeichnet uns ein differenziertes Bild der Folgen des Klimawandels für die Schweizer Landwirtschaft.

Zur Person: Prof. Dr. phil. nat. Jürg Fuhrer leitet die Gruppe Lufthygiene/Klima an der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon ART. Er doziert an der Universität Bern und ist im Leitungsgremium des NFS Klima (Nationaler Forschungsschwerpunkt der Nationalfondstiftung). Zudem ist er Chefredakteur des international bedeutenden Journals „Agriculture, Ecosystems & Environment“.

Studio!Sus: Herr Fuhrer, Sie erforschen die Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweizer Landwirtschaft. Von welchen Veränderungen des Klimas in der Schweiz gehen Sie in Ihrer Forschung aus? Wie verändern sich die Bedingungen für die Landwirtschaft?
Jürg Fuhrer: Wichtig ist, dass keine einfache Antwort möglich ist. Es gibt verschiedene Szenarien, die wir von Klimamodellen übernehmen. Je nach angenommenen zukünftigen Emissionen und Klimamodell ergibt sich eine grosse Bandbreite von Änderungen, die wir dann auf die Schweiz herunterskalieren. Zudem kommt es auf den betrachteten Zeithorizont an. Die meisten Modelle beziehen sich auf die nächsten 100 Jahre. Für Investitionsentscheide in der Landwirtschaft sind jedoch die nächsten 20-30 Jahre entscheidend. Bis im Jahr 2020 oder 2050 ist das Klimasignal noch sehr klein. Der mittlere Erwartungswert bis 2030 ist etwa +2°C, es kann jedoch auch einiges mehr oder weniger sein. Da wir in einer eher kalten Klimazone leben, wäre eine Erwärmung von 2°C für die Schweizer Landwirtschaft kein Problem und hätte durchaus einen positiven Effekt. Die Vegetationszeit wäre ein paar Tage länger und erlaubte eine längere Nutzung der Wiesen. Zudem können Kulturen angebaut werden, die ein höheres Ertragspotential haben oder noch durch die Temperatur eingeschränkt sind. Man erwartet tendenziell weniger Niederschlag im Sommer. Dies ist nur für diejenigen Regionen schlimm ist, die bereits jetzt sehr trocken sind, wie das Wallis. Im Durchschnitt 20% weniger Niederschlag im Raum Zürich wäre kein Problem. Problematisch ist es, wenn dieser Mittelwert durch Jahre mit hoher Fluktuation zu Stande kommt. Die Wahrscheinlichkeit für extrem hohe Temperaturen und Trockenheit im Sommer steigt. Nach den aktuellen Klimamodellen ist die Spannweite von Möglichkeiten jedoch sehr gross.

Studio!Sus:: Was heisst das für die Landwirtschaft in der Schweiz?
JF: Es ist eine Frage des Risikomanagements der Betriebe. Einerseits gibt es taktische Anpassungen an die mittleren Veränderungen. Sie geschehen laufend im Rahmen der jährlichen Anbauentscheidungen, wie etwa bei der Wahl des Zeitpunkts der Aussaat oder der Sorte. Dadurch können positive Auswirkungen auf den Ertrag erzielt werden.
Andererseits gilt es, sich strategisch auf Extremereignisse vorzubereiten. Der extrem trockene Sommer 2003 wird oft als Modell für ein zukünftig häufigeres Ereignis verwendet. Eine Studie der ETH kam zum Schluss, dass dieser Fall am Ende dieses Jahrhunderts jeden zweiten Sommer auftreten könnte. Die Wahrscheinlichkeit von 1:5000 wäre dann plötzlich 1:2. Diese Risiken sind mit starken Ertragsausfällen und wirtschaftlichen Verlusten verbunden. Auch die Produktionskosten erhöhen sich, sei es durch vermehrte Bewässerung oder Schädlingsbekämpfung. Gerade letzteres ist wahrscheinlich, da Insekten zu den Gewinnern der Erwärmung gehören, ebenso viele Unkräuter. Eine wichtige Rolle spielen dabei milde Winter, die Insekten und Unkräuter tendenziell begünstigen. Bei den Krankheiten gibt es solche, die durch erhöhte Temperaturen begünstigt werden, andere, die durch Trockenheit vermindert werden oder sich neutral verhalten. Bleibt die Erwärmung unter 2°C, ist die Entwicklung eher positiv, da diese negativen Auswirkungen noch zu schwach sind. Wird es aber noch wärmer, nehmen die positiven Folgen ab und die negativen immer stärker zu. Dazu kommt die Zunahme der Extreme mit grossem wirtschaftlichem Schaden. Wir arbeiten nun an der Frage, wie der Bauer mit diesen Risiken umgehen soll; wie verringert man Hitzeschäden in Trockenjahren, Sturmschäden oder Erosionsprobleme? Das Restrisiko, das nicht mit konkreten Anpassungsmassnahmen abgefangen werden kann, versucht man mit Versicherungen abzudecken. Die Verwaltung entscheidet zudem, welche Massnahmen mit Subventionen gefördert werden. Zurzeit werden kaum Massnahmen gegen die Folgen des Klimawandels umgesetzt. Die Bauern warten im Moment noch ab. Man ist nun aber endlich so weit, dass der Klimawandel von der Praxis und der Verwaltung als „gegeben“ akzeptiert wird. In den letzten 10 Jahren wurde das Problem oft als Hirngespinst heruntergespielt. Die Diskussion dreht sich nun endlich um Anpassungsszenarien auf die möglichen Klimaentwicklungen.

Studio!Sus
: Wie sehen die Perspektiven aus, wenn wir über das Jahr 2030 und eine Erwärmung von 2°C hinaus gehen?
JF: Auf jeden Fall wird die Schmerzgrenze von 2°C Erwärmung überschritten! Die Schwankungen werden grösser und es gibt immer mehr Jahre mit grossen Produktionsausfällen. Heute kann ein Bauer beim Mais mit einer Wahrscheinlichkeit von 20% die Produktionskosten nicht decken. Gemäss unseren Berechnungen wird dieses Risiko im Jahr 2070 ohne Anpassung bei 80% liegen. Bei Kartoffeln ist es noch viel schlimmer, da schon heute mit steigender Erwärmung der Ertrag sinkt. Bei vielen Pflanzen gibt es ein grosses Anpassungspotential bei der Sortenwahl. Da Kartoffeln, im Gegensatz zum Mais, aus kühlem Klima kommen, sind die genetischen Möglichkeiten limitiert. Beim Grasland sind 2°C Erwärmung noch kein Problem, solange genügend Wasser vorhanden ist. Im Jahr 2070 sind die Bedingungen jedoch auch für die in der Schweiz wichtigen Graslandflächen kritisch.

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