sustainability – your responsibility.

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Ich denke, also bin ich, cogito ergo sum. Oder müsste es doch eher heissen: Ich esse, also bin ich? Essgewohnheiten stellen ein Abbild unserer Selbst dar und widerspiegeln wiederum, wie wir Nahungsmittel wahrnehmen. In einer Welt, in der die Zeit für die Nahrungsaufnahme immer knapper wird und der Verfügbarkeit der Lebensmittel bei uns keine Grenzen mehr gesetzt sind, nimmt der individuelle Bezug zum Essen stetig ab. Versuchen wir, der Bedeutsamkeit des Essens genauer nachzugehen.

Der berühmte Satz des Gastrosophen Brillat Savarin (1755 – 1826) „Sag mir, was du isst und ich sag dir, wer du bist“ impliziert den Zusammenhang zwischen Essen und menschlichen Charaktereigenschaften auf eine selbstverständliche Art und Weise. Doch individualisieren wir uns wirklich durch unsere Essgewohnheiten? Und beeinflussen Geschmackserlebnisse unser Wesen? Dies würde bedeuten, dass die Lebensmittelindustrie einen wesentlichen Einfluss auf unsere Gesellschaft hätte. Denn durch den Einsatz einer Vielzahl von Zusatzstoffen werden Lebensmittel geschmacklich, farblich, olfaktorisch und in ihrer Textur weitgehend verändert. Die Nahrungsmittelindustrie beeinflusst dadurch unsere Wahrnehmung des Essens.

Homo sapiens – schmecken mit Verstand
Der Geschmackssinn spielt beim Essensgenuss eine zentrale Rolle. Der Begriff homo sapiens, der vernunftbegabte Mensch, verbindet das Wesen des Menschen mit dem Geschmackssinn. Das lateinische Wort sapiens (verständig, einsichtsvoll) leitet sich nämlich vom Wort sapio, zu Deutsch „schmecken“, ab. Der Begriff homo sapiens beinhaltet also neben dem vernunftbegabten auch den schmeckenden Menschen. Den Geschmack des Essens nehmen wir aber nicht nur durch die Geschmacksknospen wahr. Beim Essen wird neben dem eigentlichen Geschmackssinn auch der Geruchs- und Hautsinn im Mund- und Rachenbereich stimuliert. Der Geruchssinn spielt beim Geschmackserlebnis sogar eine grössere Rolle als der Geschmackssinn an sich.
Die Geschmackswahrnehmung verbindet verschiedene Aspekte des Essens, wie physiologische Funktionen, die kulturelle Vorgeschichte eines Menschen sowie soziale und emotionale Erfahrungen. Soziale Umgangsformen werden während der Essensaufnahme täglich vermittelt. Ein gemeinsames Abendessen unter Freunden und Verwandten kann zum Beispiel eine wichtige Form der Konfliktbewältigung bedeuten. Ob und wie wir beim Essen kommunizieren, beeinflusst unser Geschmackserlebnis zum Teil erheblich. Soziale Aspekte des Essens werden mit emotionalen Erfahrungen verbunden. Ein bestimmtes Gericht kann dadurch auf Lebzeiten mit einer gewissen Situation in Verbindung gebracht werden und zum Beispiel den gleichen „bitteren Nachgeschmack“ wie damals hervorrufen. Somit spielt bei der Essens-Wahrnehmung nicht nur die Nahrung an sich, sondern auch der Essensakt eine wesentliche Rolle.
Bei der Nahrungsaufnahme gibt es auch Gebräuche und Tabus, welche charakteristisch für eine Kultur sind. Essenspräferenzen werden dadurch bereits im Kindesalter durch Erziehung und die Gesellschaft geprägt. Das gesellschaftliche Umfeld schreibt einem durch das Essensangebot vor, welche Nahrungsmittel und Mahlzeiten anerkannt sind und welche nicht. Somit kann es eine Art Mutprobe sein, ein ungewohntes Nahrungsmittel in der Öffentlichkeit zu verzehren. Wenn wir uns über die gewohnte Essenskultur hinauslehnen, kann dies aus Notwendigkeit geschehen oder aber Charaktereigenschaften, wie den Drang nach Selbstbestimmung oder reine Neugier, zum Ausdruck bringen.

Die Politik des Essens
Auch sind Essgewohnheiten zum Teil mit politischen oder ethischen Vorstellungen verbunden. Politische Entwicklungen, wie die Bio- oder Slow Food Bewegung, bringen dies zum Ausdruck. Betrachten wir das Beispiel der Slow Food Bewegung etwas genauer: Diese gemeinnützige Organisation hat ihre Ursprünge Mitte der 80er Jahren im Piemont. Mehrere Ereignisse, wie der Methanol-Skandal 1985/86 oder die Eröffnung einer Mac Donalds Filiale in Bra, einer kleinen Stadt inmitten des Piemont-Gebietes, führten zur Gründung von Arcigola. Arcigola wurde 1989 zur Slow Food Bewegung und fand so internationale Verbreitung. Die Botschaft von Slow Food ist vielfältig. Im Vordergrund steht dabei der Genuss von gutem Essen. Und genussvolles Essen soll gelernt sein, zum Beispiel durch Geschmacksschulung. Ausserdem soll jeder Mensch Verantwortung für seine Essgewohnheiten übernehmen. Dies kann unter anderem durch die Unterstützung von regionalen Produzenten oder einer naturnahen Erzeugung geschehen.
Lebensmittel können in einem Menschen auch das Gefühl von Zugehörigkeit und Heimat bzw. von Fremdsein hervorrufen. Diese Essens-Wahrnehmung kann mannigfaltig aufgefasst werden. In England läuft zum Beispiel seit über einem Jahr ein Programm, welches der Bekämpfung von Rassismus im Kindergarten dient. Wenn sich ein Kind während dem Mittagessen negativ über eine bestimmte Mahlzeit, wie zum Beispiel über ein Curry-Gericht, äussert, soll dies fortan der Schulbehörde gemeldet werden. Eine abschätzige Äusserung über eine „kulinarische Tradition“ könne nämlich ein Anzeichen für Rassismus im Frühstadium sei. Ob dieses Vorgehen wirklich der Bekämpfung gegen Fremdenfeindlichkeit dient, sei dahingestellt.

Genussvolles Essen – ein Weg zurück zur Natur
Wie wir die Natur wahrnehmen, beeinflusst unsere Essgewohnheiten wesentlich. Beim Kauf von regionalem und saisonalem Gemüse können zum Beispiel ökologische Einstellungen zum Vorschein kommen. Oder einfach zeigen, welches Wissen wir über die Natur der Nahrungsmittel besitzen. Durch Verbesserungen in den Anbautechniken und die Globalisierung des Nahrungsmittelmarktes scheint es allerdings heutzutage nicht mehr nötig zu sein, sich dieses Wissen anzueignen. Auch der Ekel vor dem Konsum von „Fleisch mit Gesicht“ ist ein Ausdruck jenes Wissensverlustes. Die Nahrung wird zur Selbstverständlichkeit, wobei unser Geschmackssinn auf der Strecke bleibt. Die Nahrungsmittelindustrie fördert diese Entwicklung zunehmend und entfremdet uns nicht nur vom Tier, sondern allgemein von der Natur. Nahrungsmittel sollen stets den gewünschten Geschmack, die entsprechende Farbe und eine angenehme Konsistenz aufweisen. Dadurch verlieren wir den Bezug zu dem, was Essen wirklich ist, nämlich eine Erlebnisreise.
Unsere Essgewohnheiten sind ein Ausdruck unserer Kultur, Erziehung, Erfahrungen; kurz gesagt, unseres Umfeldes. Unser Charakter widerspiegelt sich somit in unseren Essgewohnheiten. Andererseits kann eine Mahlzeit neue Erfahrungen bringen. Das Geschmacksempfinden ist schliesslich eine subjektive Wahrnehmung und setzt einen gewissen Lernprozess voraus. Essgewohnheiten wirken sich folglich auf unsere Essens-Wahrnehmung aus. Doch wie sehr sind wir uns dieser Wahrnehmung bewusst? Die Natur unserer Nahrungsmittel geht durch deren Abstrahierung fortwährend verloren. Geschmackswahrnehmung und Verstand werden voneinander losgelöst. Denn wer braucht schon seinen Kopf beim Essen, wenn wir gar nicht mehr erkennen, was wir da genau zu uns nehmen. Doch Essen kann uns die Essenz des Seins, die Natur der Dinge vermitteln. Der Autor Bill Buford drückt dies so aus: „Gutes Essen ist eine Möglichkeit, eine Beziehung zur Natur aufzubauen.“

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Weitere Informationen und Quellen:
http://www.slowfood.com/
http://www.foodwatch.de
http://dasmagazin.ch/index.php/du-bist-was-du-isst/