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Auch bei den Nahrungsmitteln regiert die "unsichtbare Hand" von Angebot und Nachfrage. Aber nicht nur: Erdölpreise, Exportverbote, Klimawandel, Landhunger, Währungseffekte, Spekulation, fallende Lagerbestände und geringe Investitionen in Agrarforschung haben alle einen entscheidenden Einfluss. Wenn wir verstehen wollen, wie die Preise für Nahrungsmittel entstehen, müssen wir uns die Abhängigkeiten anschauen: z.B. zwischen Wirtschaftswachstum und Lebensstilen oder zwischen Teller und Tank.

Vor knapp zwei Jahren schraubten einige der wichtigsten Getreideexportländer, wie Russland und Argentinien, ihre Getreide-Ausfuhr herunter. Gleichzeitig stiegen damals die Weltmarktpreise massiv an. Zwischen 2002 und 2008 sind die Preise für Agrarrohstoffe wie Weizen, Reis und Mais geradezu explodiert und erreichten im ersten Halbjahr 2008 ihr Höchstniveau - teilweise mit massiven regionalen Folgen für die Bevölkerung, die sich die teuren Nahrungsmittel nicht mehr leisten konnte.
Aus einer langfristigen Perspektive relativiert sich die Preisentwicklung etwas: Seit den 70er Jahren sind die realen Preise für Agrarrohstoffe gefallen; beispielsweise erreichte Reis im April 2008 immer noch nicht das Preisniveau von 1973. In den vergangenen Monaten wurden die Preise an den Agrarmärkten stark von den Ereignissen der Finanz- und Wirtschaftskrise überlagert. Und noch etwas fällt auf: Das Sinken der Nahrungsmittelpreise seit 2008 verläuft parallel zum Erdölpreis, der ebenfalls wieder stark gefallenen ist. Was und wer bestimmt, wie gross das Angebot an Nahrungsmitteln weltweit ist und wie viel wir für die Nahrung ausgeben müssen?

Luxusgut: Land wird knapp
Die weltweit nutzbare Fläche für die Nahrungsmittelproduktion ist knapp. Auf nur 10% der Erdoberfläche kann Ackerbau betrieben werden. Bei steigendem Bevölkerungswachstum nimmt die Ackerfläche pro Einwohner seit den 1930er Jahren kontinuierlich ab. Dies beschränkt das Angebot an Agrarprodukten und lässt die Preise steigen.
Als Ausweg aus der Knappheit erschien die Steigerung der Produktivität: Mit der "grünen Revolution" wurden die Ernten durch neuartiges Saatgut, mit Hilfe von Herbiziden, Insektiziden und Dünger stark gesteigert. In den letzten Jahren hat sich das Wachstum der Flächenproduktivität jedoch abgeschwächt. Manche Länder hoffen auf eine "zweite grüne Revolution" mit Hilfe der Gentechnik. In Europa wird die Gentechnik jedoch skeptisch betrachtet und die Entwicklung ist noch ungewiss.

Knappe Ressourcen: Boden und Wasser

Boden und Wasser bilden überall die Grundlage der Landwirtschaft. Durch die intensive Bewirtschaftung der letzten 40 Jahre wurden diese stark strapaziert. Der Boden ist vermehrt von Degradation und Erosion betroffen, zum Teil durch zu intensiven Ackerbau und Überweidung. Für eine funktionierende Landwirtschaft braucht es genug Wasser. Besonders viel davon wird für die Landwirtschaft genau in den Gebieten verbraucht, welche bereits heute unter Wasserknappheit und vor allem unter Trinkwassermangel leiden. Besonders problematisch ist die intensive Grundwassernutzung in Küstengebieten. Wird zu viel Wasser entnommen, fliesst Meerwasser in die leeren Grundwasserreservoirs nach und führt zu Versalzung.

Klimawandel: Mehr Unsicherheiten
Ob Reis, Tomaten oder Spargeln gedeihen, hängt immer auch vom saisonalen Wetter ab. Witterungsbedingte Produktionsausfälle in wichtigen Lieferländern, wie z.B. die grossen Verluste bei der Weizenernte in Australien durch Trockenheit im Jahr 2007, führen zu Angebotsverknappung. Langfristig wird die Nahrungsmittelproduktion zunehmend vom Klimawandel beeinflusst. Die Auswirkungen werden für viele Regionen als negativ eingeschätzt. Auf Grund der Zunahme der globalen Temperatur werden Degradation von Wasserressourcen und die Zunahme von Sturm- und Flutkatastrophen vorausgesagt. Dadurch würde das Angebot weiter verknappt. Einzelne Regionen dürften sich aber auch auf längere Vegetationsperioden freuen.

Wachstum: Mehr Menschen essen mehr Fleisch
Die Nachfrage verändert sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Zunehmender Wohlstand in bevölkerungsreichen Schwellenländern verändert die traditionellen Ernährungsgewohnheiten: steigender Fleisch- und Milchkonsum erhöht die Nachfrage nach pflanzlichen Futtermitteln. Die Fleischproduktion ist im Vergleich zur Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel wenig effizient. Kann aus einem Kilo Weizen ein Kilo Brot hergestellt werden, muss für die Produktion von einem Kilo Fleisch die siebenfache Menge an Getreide als Viehfutter eingesetzt werden. Am wenigsten Fläche verbrauchen Agrarprodukte, die ohne weitere Verarbeitungsstufen vom Mensch als Nahrungsmittel verwendet werden. Die Fleischproduktion verbraucht deshalb auch deutlich mehr Fläche als pflanzliche Nahrungsmittel.

Verzahnt: Energie- und Agrarmarkt
Der Agrarmarkt ist zudem eng mit dem Energiemarkt verknüpft. Sobald die Erdölpreise steigen, wird auch die Nahrungsmittelproduktion teurer, denn die Landwirtschaft ist sehr energieintensiv. Erdöl wird zudem als Rohstoff für die Produktion von Dünger benötigt. Wenn Erdöl teurer wird, dann steigen also auch die Düngerpreise und folglich die Preise für Agrarprodukte. Auch die Transportkosten, die beim Handel mit Agrarrohstoffen anfallen, sind natürlich abhängig vom Erdölpreis.

Konkurrenz: Teller und Tank

Andererseits: je mehr das Erdöl und damit der konventionelle Treibstoff kosten, desto grösser werden die Anreize, auf Biotreibstoffe umzusteigen. Weltweit werden heute ein bis zwei Prozent der Ackerflächen für die Produktion von Biotreibstoffen genutzt. Der grösste Teil der heute zur Energieproduktion genutzten Flächen in der EU wird für die Biodieselproduktion verwendet. Die zum Teil durch Subventionen bedingte steigende Nachfrage nach Biotreibstoffen ist mitverantwortlich für Preissteigerungen bei den Nahrungsmitteln.
Eine direkte Konkurrenz zur Nahrungs- und Futtermittelproduktion besteht vor allem bei Treibstoffen, die aus Agrarrohstoffen wie Mais oder Getreide hergestellt werden. Eine indirekte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion entsteht, wenn auf den vorhandenen Landwirtschaftsflächen Energiepflanzen (Palmöl, Zuckerrohr, etc.) anstelle von Nahrungsmitteln angebaut werden.
Wie gross der Einfluss von Biotreibstoffen auf die Nahrungsmittelpreise absolut ist, ist heftig umstritten. Exportverbote, Währungseffekte, Spekulation, fallende Lagerbestände und geringe Investitionen in Agrarforschung und Agrartechnologieentwicklung verkomplizieren die Beurteilung zusätzlich. Simon Johnson (Chefökonom des IWF) geht davon aus, dass die steigende Nachfrage nach Biotreibstoffen 20-30 Prozent der steigenden Nahrungsmittelpreise erklärt.
Eine Möglichkeit zur Entschärfung der Konkurrenzsituation sind technologische Fortschritte: Die Konkurrenz um Fläche soll reduziert werden, indem der Ertrag pro Fläche maximiert wird. Beispielsweise erzielen Zuckerrüben und Zuckerrohr höhere Flächenerträge als Getreide oder Raps. Die sogenannten biogenen Treibstoffe der zweiten Generation setzen auf Rohstoffe, die kaum in Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion stehen, idealerweise auf die Verwertung von landwirtschaftlichen Reststoffen. Ein anderes Beispiel ist die Brechnuss (Jatropha curcas). Diese Pflanze wächst auch auf degradierten trockenen Böden. In Indien soll Jatropha entlang von Bahnlinien angebaut werden, in den Philippinen auf Böden, die vom Bergbau belastet sind und in Ägypten auf Böden, die durch Abwasserbelastung nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion geeignet sind.

Sicherheit durch Landbesitz?
Die geschilderten Entwicklungen und Abhängigkeiten zeigen: Nahrungsmittelsicherheit wird in Zukunft ein zentrales Thema bleiben. Länder, die stark auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind, kamen durch den letzten massiven Preisanstieg stark unter Druck und entwickeln heute neue Strategien: Zunehmend setzten wohlhabende Länder aus dem Nahen Osten, aber auch China oder Südkorea darauf, selber landwirtschaftliche Nutzfläche zu besitzen, anstatt Lebensmittel zu importieren. So hat Saudi Arabien bereits zwei Millionen Hektaren in Indonesien gepachtet und China soll fünf Milliarden US Dollar für Land in Afrika bereitgestellt haben. Diese Entwicklung wird kontrovers diskutiert. Gehen die einen davon aus, dass mit dem Landkauf ein Wissenstransfer über Anbaumethoden beispielsweise zum Reisanbau von China nach Afrika erfolgt, sind andere Stimmen skeptischer bezüglich der sozialen Auswirkungen dieser Entwicklungen. Der UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter, fordert einen Verhaltenskodex für den Landhandel, der bis anhin wenig transparent ist. Die Befürchtungen gehen dahin, dass Entwicklungsländer durch den Landverkauf Mühe haben könnten, genug Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.

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Quellen und weitere Informationen zum Thema:
→ OECD-FAO, Agricultural Outlook, 2008-2017
→ FAO, Bioenergy, food security and sustainability -, towards an international framework
→ http://seedmagazine.com/content/article/hungry_for_land
→ http://www.bio-sprit.ch/
→ Mind the Future abstracts, W.I.R.E, Ausgabe 2, 2009 http://www.thewire.ch/wire/index