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Mit dem Thema „Wohnen“ ist eine Vielzahl an Aspekten verbunden. Die Wohnungsnot v.a. in der Stadt Zürich bewegt die Gemüter derzeit am meisten. Kann man familienfreundlichen Wohnraum an guter Lage überhaupt noch bezahlen? Nicht nur der Mangel bewirkt eine grosse Dynamik im Wohnungsbau, sondern auch die Tatsache, dass sich die Wohnbedürfnisse verändern und neue Wohnformen gelebt werden wollen. Einen wahren Umbruch erfährt derzeit die Frage nach dem „Wohnen im Alter“. Bei all diesen Fragen spielen grundsätzliche Überlegungen zu Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit eine grosse Rolle.

„Knapp“ ist wohl das angemessenste Wort für den Zürcher Wohnungsmarkt. Jedenfalls ist das die Meinung der meisten, die schon eine Wohnung suchen mussten. Bei genauerer Betrachtung muss man allerdings sagen, dass von einer eigentlichen Not nur bei gewissen Gruppen die Rede sein kann. Laut einer Studie der Stadt Zürich sind dies Arbeitslose, Leute mit Betreibungsregistereinträgen und Ausländer „gewisser Länder“ . Die meisten anderen Wohnungssuchenden haben wahrscheinliche auch sehr hohe Ansprüche im Bezug auf Wohnfläche, Preis und Lage.


Moderne und nachhaltige Genossenschaften: ein Zukunftsmodell?

Die Wohnbaudynamik ist in der Stadt entsprechend gross und nicht immer sind die Bauten nur für zahlungskräftige Mieter bestimmt. Trotzdem ist der Bedarf an erschwinglichem Wohnraum und alternativen Wohnformen gestiegen. Anders als auf dem Land, gibt es zahlreiche Genossenschaften, gemeinnützige Organisationen und die Liegenschaftsverwaltung der Stadt selbst, die dem Trend der Verteuerung des Wohnraums entgegenwirken. Zu diesen gehört auch eine relativ junge und „moderne“ Wohn- und Baugenossenschaft Kraftwerk1 in Zürich West. Interessant an ihr ist, dass sie in einer Charta zu der Gemeinnützigkeit noch bestimmte Werte dazu formuliert, die das Zusammenleben charakterisieren sollen. Dazu gehören, dass Synergien von Wohnen und Arbeiten genutzt werden und eine gewisse Souveränität der Siedlung dadurch erreicht werden soll, dass Grundbedürfnisse nach Möglichkeit selbst gedeckt werden. Die Solidarität und Gleichberechtigung unter den Bewohnern soll gefördert und gefordert werden und es wird eine grundsätzliche Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensentwürfen geübt. Im Weiteren sollen sich die Mieter nicht abschotten, sondern offen gegenüber der Stadt sein und Umweltverträglichkeit vorleben ohne aus allen Mietern „Ökomärtyrer“ zu machen.

Das Einzigartige dieser Siedlung, die aus vier Häusern besteht, liegt auch in der Architektur: es wurden verschiedenste Wohnungen hergestellt, von kleinsten Wohnungen bis zu 11-Zimmer-Wohngemeinschaften, die selbstverwaltet werden und wohlklingend „Suiten“ heissen. Insofern ist diese Genossenschaft wirklich offen für die verschiedensten Wohnformen und hat nichts mehr von dem etwas verstaubten Image anderer Genossenschaften. Werte wie Umweltverträglichkeit haben sich die Genossenschafter nicht nur auf die Fahne geschrieben, sie sind bei Wasser- und Energieverbrauch auch tatsächlich weit unter dem schweizerischen Durchschnitt. Die Solidarität mit finanziell schlechter Gestellten zeigt sich gemäss den Autoren der Evaluation darin, dass auch ausländische Grossfamilien dort wohnen können.

Ein ähnliches Projekt ist Karthago, das aber einen deutlich „sozialistischeren“ Einschlag hat. Die rund fünfzig Bewohner des ehemaligen Bürokomplexes an der Zentralstrasse bilden zusammen einen Grosshaushalt. Aufgeteilt auf neun Wohnungen führen sie ein Leben, das vom Geist des Sozialaktivisten P.M. inspiriert ist. Das Abendbrot wird zwar von einer professionellen Köchin zubereitet, aber gegessen wird gemeinsam und alle sind regelmässig fürs Abwaschen zuständig.


Wohnen im Alter: die neue Herausforderung

Auch die grösste Zürcher Genossenschaft, die ABZ, engagiert sich für familienfreundliches und fortschrittliches Bauen. 2007 eröffnete sie die erste grosse Alterswohngemeinschaft, womit sie einem Trend im Wohnbereich folgt. Wie Studien belegen, befindet sich das Thema Wohnen im Alter im Wandel. François Höpflinger nennt zwei wichtige Punkte, die das Thema „Wohnen 55+“ charakterisieren: erstens „Alter ist nicht gleich Alter“, was heissen soll, dass man nicht vom chronologischen Alter auf die Einschränkungen schliessen darf, die mit dem Alter zusammenhängen. Zweitens sind Wohnbedürfnisse sehr unterschiedlich und abhängig einerseits von der sogenannten Schichtzugehörigkeit und andererseits vom Lebensweg der betroffenen Personen. Entgegen der Meinungen von jüngeren Generationen, so Höpflinger, leben prozentual nur sehr wenige Menschen in einem Alters- oder Pflegeheim: In der Altersgruppe der 60-69-Jährigen sind es nur 1%, bei den 70-79-Jährigen 3% und erst bei den über 80-Jährigen wohnen 19% der Bevölkerung in einer solchen Institution. Alle anderen nutzen eine andere Wohnform, die meisten davon leben in einem Kleinhaushalt. Dadurch, dass die Lebenserwartung und auch die sogenannte „behinderungsfreie Lebenserwartung“ deutlich gestiegen ist, wird es in Zukunft immer vielfältigere Wohnformen im Alter benötigen, zumal auch das Bedürfnis bei seinen eigenen Angehörigen zu wohnen immer kleiner wird. Deshalb sind solche Alterswohngemeinschaften mehr und mehr im Gespräch. Trotzdem hat die Age-Studie ergeben, dass der Bedarf an dieser Wohnform noch verschwindend klein ist.

Höpflingers Studie zeigt deutlich, dass sich der Wohnraum der alten Generation (75+) seit dreissig Jahren von durchschnittlich 70 auf 90 Quadratmeter erhöht hat, die Grösse der Haushalte und die Grösse der Wohnungen älterer Menschen haben sich gegenläufig entwickelt. Was die Zimmerzahl pro Person angeht, liegt die Schweiz im europäischen Vergleich deutlich über dem Durchschnitt. Hinsichtlich der Nachhaltigkeit zeigen sich grosse Wohnungen und Häuser für kleine Haushalte als wenig effizient.

Eine Möglichkeit drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, bildet das neue Wohnkonzept „Wohnen für Hilfe“ von Pro Senectute. Studenten sind üblicherweise stark von der Wohnungsknappheit betroffen und leben auch deshalb oft in Wohngemeinschaften. Das beschränkte Budget und die „jugendliche Offenheit“ begünstigen dies. Die älteren Menschen hingegen haben viel Wohnraum zur Verfügung, aber ihre Kraft ist unter Umständen begrenzt. Eine grosse Wohnung zu unterhalten ist viel Arbeit. Zusätzlich werden sie natürlicherweise einsamer werden, was bis zur sozialen Isolation führen kann. Aus diesen beiden Begebenheiten entstand die Idee des Homesharing (in den Achtzigerjahren in London) oder „Wohnen für Hilfe“: Junge Menschen in Ausbildung können sich bei Älteren einmieten. Statt einer Miete bezahlen die Studenten mit Arbeit (üblicherweise eine Stunde Hausarbeit pro Quadratmeter). So profitieren die betagten Personen davon, dass sie möglichst lange zu Hause bleiben können und die Studenten erhalten günstigen Wohnraum und drittens ist es umwelttechnisch effizienter. Es profitieren also im Idealfall Student, Senior und Umwelt gleichermassen.

Eine Wohngemeinschaft funktioniert nie reibungslos und es ist zu erwarten, dass dies auch bei generationenübergreifenden Wohngemeinschaften nicht anders ist, ja sogar noch verschärfter zu Tage treten kann. Höpflinger betont, dass die Wohnung im Alter zum Lebensmittelpunkt wird und es damit zentral ist, dass die Gemeinschaft harmonisch gelebt werden kann. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen vermittelt die Stiftung Pro Senectute für ihre Projekt„Wohnen für Hilfe“ zwischen den Beteiligten und begleitet diese auch während der Wohnpartnerschaft, damit allfällige Unstimmigkeiten unverzüglich beigelegt werden können.


Es ist schwierig abzusehen, ob sich eine neue Wohnform durchsetzen wird oder nicht, heute hat man aber eine Vielzahl an Möglichkeiten seine Wohnwunschform zu leben, auch ohne massive Eigenmittel.


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