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Wohnen findet nicht nur in den eigenen vier Wänden statt, sondern auch der Standort spielt eine wichtige Rolle. Hier kommt die Raumplanung ins Spiel. Studio!Sus unterhielt sich mit Heidi Haag über den Einfluss der Raumplanung auf unser Wohnen, die Notwendigkeit der Verdichtung nach innen und dass wir Abschied nehmen müssen vom Traum des Einfamilienhauses im Grünen.

Heidi Haag ist Geografin mit einem MAS-Raumplanung ETH. Seit 2003 ist sie bei der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung in Bern (www.vlp-aspan.ch) tätig und befasst sich dort mit Beratung, Information und Weiterbildung.

Studio!Sus: Das Thema der aktuellen Studio!Sus-Ausgabe ist "Wohnen", Sie befassen sich mit Raumplanung – der Zusammenhang ist für den Laien nicht unbedingt offensichtlich. In welchen Bereichen und durch welche Mechanismen nimmt die Raumplanung Einfluss darauf, wo und wie wir wohnen?

Heidi Haag: Aus raumplanerischer Sicht umfasst der Begriff "Wohnen" mehr als nur das Gebäude; es geht nicht nur um die Wohnung oder das Haus selbst, sondern es ist wichtig auch das Wohnumfeld zu betrachten. Der Standort eines Wohnhauses spielt eine grosse Rolle und diesem Zusammenhang z.B. Verkehrsflächen, die Erschliessung, der öffentliche Raum und verschiedene Immissionen. Durch die Instrumente der Raumplanung können die Standorte des Wohnens gesteuert werden.
Auf der untersten Stufe in einer Gemeinde regelt der Zonenplan, wo überhaupt gewohnt werden kann. Er trennt Baugebiet und Nichtbaugebiet und bestimmt, wo mehr Gewerbe oder mehr Wohnen stattfindet. Zudem kann über die Nutzungsziffer oder die maximale Gebäudehöhe gesteuert werden, wie dicht gewohnt wird; dichtere Zentrumsgebiete können von Einfamilienhausquartieren unterschieden werden. Die Raumplanung bestimmt also wo wir wohnen. Auf das Wie nimmt sie weniger Einfluss. Es gibt jedoch das Instrument des Sondernutzungsplans[1]. Dort können Vorschriften zur (Verkehrs-)Erschliessung gemacht werden, zum Aussenraum, der Parkierung (z.B. unterirdisch), Energievorschriften wie z.B. Minergie oder der Anschluss an ein Fernwärmenetz, oder es kann beispielsweise eine gewisse Anzahl altersgerechter Wohnungen vorgeschrieben werden. Der Einfluss, den eine Gemeinde durch einen Sondernutzungsplan ausüben kann, variiert je nach Kanton.
Als weiteres Instrument gibt es den Richtplan oder Entwicklungskonzepte, mit denen eine Gemeinde die zukünftige Entwicklung ihrer Siedlungsgebiete beeinflussen kann. Wo ist wohnen sinnvoll? Welche Gebiete müssen auch in den nächsten 15 Jahre freigehalten werden? Solche Richtpläne mit langfristiger Sicht werden mehr und mehr nötig, vor allem dort, wo der Siedlungsdruck relativ gross ist.


Studio!Sus: Die Schweiz ist ein kleines Land, im Raumplanungsgesetz ist dementsprechend auch ein haushälterischer Umgang mit dem Boden vorgeschrieben. Dem gegenüber steht ein zunehmender Wohnflächenbedarf (Zunahme um ca. 10% zwischen 1990 und 2000 gemäss ARE), bei gleichzeitig sinkender Nutzungsintensität. Wie geht die Raumplanung damit in der Praxis um? Der Staat kann ja keine Wohnformen vorschreiben – gibt es dennoch Einflussmöglichkeiten?

Heidi Haag: Es ist tatsächlich so, dass der Wohnflächenbedarf massiv zugenommen hat, er liegt bei über 45m2 pro Person; 1950 waren es noch 25m2. Die Raumplanung kann aber nicht sagen, wie die Leute wohnen sollen. Es ist unter anderem ein Phänomen des Wohlstands, dass wir grosszügige Wohnräume wollen, ein zusätzliches Spielzimmer für die Kinder, einen Hobbyraum usw. Die Raumplanung kann hier nur indirekt Einfluss nehmen, indem sie dafür sorgt, dass sich die Siedlungsflächen gegen innen ausdehnen. Gemeinden müssen verdichten und vermehrt in die Höhe bauen. Trotz des Raumplanungsgesetzes wurde hier bisher nicht genug erreicht. Im Moment ist eine Revision des Raumplanungsgesetztes am Laufen; dabei geht es unter anderem um diese Entwicklung nach innen, nicht nach aussen.
Ein Problem bei der Innenentwicklung bildet die Baulandhortung. Es ist nicht so, dass es keine Baulücken gäbe. In der Schweiz wäre im bestehenden Siedlungsgebiet noch Platz für rund zwei Millionen Menschen. Aber wie geht man damit um, wenn ein Landbesitzer nicht bauwillig ist? Trotzdem kann gesagt werden, dass die Verdichtung zumindest in den städtischen Gebieten recht gut funktioniert. Es gibt Kantone, die recht starken Einfluss nehmen auf die Siedlungsentwicklung. So setzt beispielsweise der Kanton Zürich in seinem Richtplan das Siedlungsgebiet fest. Die Gemeinden müssen diese Grenzen respektieren und sich gegen innen entwickeln.


Studio!Sus: Sehen sie auch Möglichkeiten, dass die Raumplanung "alternative" Wohnformen fördern kann? Ich denke da z.B. an autofreie Siedlungen oder Hausgemeinschaften wie das Karthago (s. Artikel "Soziales Wohnen").

Heidi Haag:
Auf Wohnformen hat die Raumplanung eigentlich keinen Einfluss. Da muss der Markt spielen, wenn es darum geht, was ein Bauherr baut. Was sie tun kann, ist z.B. Zwischennutzungen von Industriebrachen zulassen oder mit ihren Instrumenten den gemeinnützigen oder behindertengerechten Wohnungsbau fördern. Und durch unterschiedliche Rahmenbedingungen zieht man natürlich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen an. In eine reine Wohnzone mit vielen Einfamilienhäusern werden wohl eher Familien ziehen, andere Gruppen fühlen sich von anderen Bedingungen angesprochen.


Studio!Sus: Es ist natürlich tatsächlich so, dass der Staat uns nicht vorschreiben kann, wie wir zu wohnen haben. Das ist wie bei anderen umweltrelevanten Verhaltensweisen – ich entscheide, ob ich in die Ferien fliege, ob ich Auto fahre etc. Nun haben wir uns in gewissen Bereichen daran gewöhnt, der Umwelt zuliebe unser Verhalten zu ändern und bündeln zum Beispiel unser Altpapier. Müssten wir konsequenterweise auch unsere Wohnform anpassen und den Traum des eigenen Häuschens aufgeben? Wie würde nachhaltiges Wohnen in der Schweiz aus raumplanerischer Sicht aussehen?

Heidi Haag:
Diese Thematik wird uns in Zukunft sicher vermehrt beschäftigen. An der Baumesse in Basel im Januar war das nachhaltige Bauen und Wohnen ein zentrales Thema. Das Minergie P-Einfamilienhaus im Grünen, das schlecht mit dem ÖV erschlossen ist, ist jedenfalls nicht nachhaltig. Es geht eben nicht nur um das Gebäude an sich, sondern auch um dessen Standort. Wichtig ist eine optimale Standortwahl, eine kompakte Siedlung sowie eine gute ÖV-Anbindung. Siedlungen im Grünen generieren Verkehr. Die Leute wollen aufs ruhige Land ziehen und verursachen dann aber selbst Verkehr und Emissionen. Hinzu kommt, dass, wenn man ohnehin das Auto nehmen muss um z.B. einkaufen zu gehen, man eben nicht unbedingt in den nächsten Dorfladen fährt, sondern gleich in ein Einkaufszentrum. Immer mehr Läden in Dörfern müssen schliessen. Siedlungen brauchen aber eine gewisse Grundversorgung, um motorisierten Individualverkehr zu vermeiden. Insbesondere eine Anbindung an den öffentlichen Verkehr erachte ich als sehr wichtig. Je weiter hinaus man baut, desto schwieriger wird diese Erschliessung.


Studio!Sus: Dem Monitoring urbaner Raum des ARE (Bundesamt für Raumentwicklung) lässt sich entnehmen, dass 56% der Siedlungsfläche in der Schweiz im städtischen Raum liegen und 73% der Bevölkerung dort leben, das ARE spricht von einer zunehmenden Verstädterung der Schweiz – ist die Stadtwohnung die Wohnform der Zukunft in der Schweiz?

Heidi Haag:
Ich denke, viele Leute haben heute noch ein Problem mit dem Wort "Stadt". Nehmen Sie als Beispiel den Agglomerationsraum des Limmattals: Die meisten Menschen dort leben im "städtischen Raum", aber sie empfinden das nicht so. Für viele Limmattaler ist Zürich die "Stadt". Aber es ist tatsächlich so, dass Dreiviertel der Bevölkerung im städtischen Raum leben. Wichtig scheint mir, dass im gesamten Agglomerationsraum viel Wert auf eine hohe Wohn- und Siedlungsqualität gelegt wird.


Studio!Sus: Um das Positive nicht aus den Augen zu verlieren:. Wo steht die Schweiz im Zusammenspiel von Raumplanung und Wohnen besonders gut da, auch im internationalen Vergleich?

Heidi Haag:
Im internationalen Vergleich steht die Schweiz tatsächlich super da. Natürlich haben wir auch unsere Probleme, an denen es zu arbeiten gilt, aber es ist Klagen auf hohem Niveau. Internationale Rankings zeigen klar, dass die Siedlungsqualität in der Schweiz hoch ist.


Studio!Sus: Können Sie erläutern, was Sie unter Siedlungsqualität verstehen?

Heidi Haag: Ein Bereich sind die Immissionen. Wir haben z.B. strenge Lärmvorschriften, und Lärmsanierungen sind vielerorts am Laufen. Wohngebiete werden auch zunehmend vom Verkehr entlastet. Zürich beispielsweise hat flächendeckend Tempo 30-Zonen in den Wohnquartieren, das erhöht auch die Sicherheit. Es gibt auch immer mehr Begegnungszonen. Der gesamte öffentliche Raum gewinnt an Bedeutung, insbesondere in den Städten. Je dichter gewohnt wird, desto wichtiger wird der öffentliche Raum und desto intensiver wird er genutzt. Ein grosses Gewicht hat auch der Nah- und Nächsterholungsraum. Zur Unterscheidung Nah- und Nächsterholung: In Zürich wäre z.B. der Uetliberg ein Naherholungsraum, ein Nächsterholungsraum wäre die Limmat mit ihren Spazierwegen. Es gibt starke Bemühungen diese Räume zu erhalten und zu ergänzen. Die Leute wohnen eben nicht nur, sondern sie leben auch in ihrem Umfeld.


Studio!Sus: Gibt es noch etwas, das Sie gerne ansprechen würden und unseren studentischen Lesern vielleicht auf den Weg geben möchten?

Heidi Haag: Ja! Ich möchte noch mal auf das Einfamilienhaus im Grünen zurück kommen. Das letzte Mal, als ich in einer Kantonsschule einen Kurs gegeben habe, gaben 19 von 20 Schülern an, dass die Wohnform, die sie sich für ihre Zukunft vorstellen, das Einfamilienhaus im Grünen ist. Hier ist ein Umdenken nötig! Die heutigen Studierenden werden diejenigen sein, die sich ein Einfamilienhaus später wahrscheinlich tatsächlich leisten können. Dass wir hier umdenken müssen, möchte ich gerne mit auf den Weg geben. Natürlich ist auch die Raumplanung gefordert, um wohnliche Siedlungen im Agglomerationsraum bereit zu stellen. Dabei muss man eben auch das Umfeld im Auge haben, nicht allein das Wohngebäude.



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