sustainability – your responsibility.

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In Mittel- und Nordeuropa halten wir uns sehr viel in Innenräumen auf. Die Gestaltung dieser Umgebung trägt entscheidend zu unserem Wohlbefinden bei und daher sollte die Wahl der Einrichtung gut durchdacht sein. Dass man vor allem Wert auf langlebige Einrichtung legen und Trends daher bewusst sparsam folgen sollte, erfahren wir im Gespräch mit Jaqueline Rondelli.

Jacqueline Rondelli hat Architektur, Innenarchitektur und Szenografie studiert und führt seit einigen Jahren ein Innenarchitekturgeschäft in Zürich (www.dieinnenarchitektin.ch). Dort finden Konzept-Beratungsgespräche statt, wo mit den neusten und verschiedensten Mustern wie Tapeten, Bodenbelägen, Hölzern, Glas, Teppichen, Leder etc. experimentiert werden kann. Hinter ihren Projekten steht die Philosophie, dass jedem Menschen gutes Wohnen ermöglicht werden sollte – selbst bei kleinem Budget.

Studio!Sus: Frau Rondelli, als Innenarchitektin gestalten Sie Restaurants, Ladenlokale und auch Büroräume. Wie schaffen Sie es, dass sich eine Vielzahl verschiedener Menschen darin wohlfühlt?

Jaqueline Rondelli: Es gibt im Grunde nur sieben verschiedene Charaktergruppen, denen Menschen zugeordnet werden können. Dieses Wissen nutzen nicht nur Innenarchitekten sondern auch Medienforscher, Marketingleute usw. Für jedes Lokal entwickelt man dann ein entsprechendes Konzept, je nachdem, welchen Menschentypus man ansprechen möchte. In der Raumgestaltung gibt es für mich fünf Elemente: die Funktion, die Form, das Material, die Farbe und das Licht. Dazu kommen der Duft und die Temperatur. Diese fünf Elemente müssen sowohl im Immobil, also dem Haus selbst, als auch im Mobil, der Einrichtung, im Gleichgewicht sein. Gibt es in einem Raum beispielsweise sehr viel Holz und ist er zusätzlich ausschliesslich mit Holzmöbeln eingerichtet, so kann das im ersten Moment attraktiv sein, auf die Dauer wird es aber eher öde und ermüdend. Diese Dinge empfinden nahezu alle Menschen gleich und Innenarchitekten nutzen das für ihre Arbeit.


Studio!Sus: In den eigenen vier Wänden hat jeder Mensch individuelle Vorlieben. Wie gehen Sie vor, wenn Sie die Räume von Privatpersonen umgestalten?

Jaqueline Rondelli: Der Unterschied zwischen Privat- und Geschäftsraum ist, dass ich sehr bestimmt auf die entsprechende Person bzw. Personen eingehen kann. Ich bin praktisch wie ein Arzt und mache in einem Gespräch eine Amnese ihrer Wohnvorlieben. Dabei gibt es Menschen, die sehr ehrlich sind und andere verstecken etwas. Auch das ist aber eine Charaktereigenschaft und ich kann das für meine Analyse verwenden. Anhand dieser Erkenntnisse entwickle ich dann gemeinsam mit meinen Kunden ein Konzept, bei dem ich als ausgebildete Innenarchitektin Vorschläge mache. Es kommt durchaus auch vor, dass ich Kunden von Ideen abrate. Wichtig ist dabei, dass ich gezielt auf die Vorstellungen meiner Kunden eingehe und mir nicht meinen eigenen Tempel baue. Das macht einen guten Innenarchitekten aus.


Studio!Sus: Sie wenden sich mit Ihrem Angebot bewusst auch an Personen mit dünnerem Portemonnaie. Müssen Sie in diesen Fällen Abstriche bei der Qualität der Einrichtungsgegenstände machen?

Jaqueline Rondelli: Zuerst achte ich darauf, dass eine gewisse Grundausstattung vorhanden ist. Dazu gehören eine ordentlich eingerichtete Küche und ein Wohnraum mit einem guten Bett. Ein separates Bad und Schlafzimmer sind schon Luxus und die Einrichtung dieser Räume folgt erst an zweiter Stelle. Generell sind teure Produkte natürlich nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit guter Qualität. Es kommt bei einem Möbelstück nicht nur auf das Material und die Verarbeitung an, sondern auch auf die Gestaltung. Bei IKEA sind derzeit beispielsweise die besten Designer angestellt, die sich sehr viele Gedanken machen zu Form und Funktion ihrer Produkte. Das Ergebnis sind sehr formschöne und funktionelle Gegenstände, die vor allem auch aufgrund ihrer Schlichtheit lange verwendet werden und auch in der nächsten Generation noch den Geschmack treffen. Qualität ist also auch durch das Design bestimmt.


Studio!Sus: Was bedeutet für Sie “Nachhaltigkeit in der Innenarchitektur”?

Jaqueline Rondelli: Es ist sehr wichtig, mit dem, was vorhanden ist, zu arbeiten und es sinnvoll in die neue Gestaltung einzubinden. Das gilt sowohl für die Einrichtungsgegenstände als auch für das Gebäude an sich. Bei der Einrichtung ist zu beachten, dass naturbelassene Möbel nicht unbedingt nachhaltig sind. Ein Klavier aus Schleiflack beispielsweise kann gut 200 Jahre alt werden und ist damit sehr nachhaltig. Ein schlecht gelagerter Naturholzstuhl hingegen kann nach 5 Jahren ersetzt werden müssen und entspricht damit absolut nicht den Kriterien für nachhaltige Produkte. Es kommt hier also sehr stark auf die Qualität der Gegenstände an. Die Einbindung der vorhandenen Infrastruktur ist am besten an einem Beispiel zu veranschaulichen: Früher hatte man in jedem Büro ein Lavabo, um sich dort die Hände waschen zu können und etwas zu trinken. Dadurch wurde die Arbeit nicht durch Hinausgehen unterbrochen und war effizient. Heute werden diese Lavabos bei einem Umbau meist herausgenommen. Da eine Wasserquelle aber dennoch benötigt wird, werden Kunststoffwasserspender angeschafft. Dies ist meiner Meinung nach ein negatives Beispiel für den Umgang mit bestehender Ausstattung. Viele der alten Häuser in einer Stadt wie Zürich sind sehr solide gebaut, sehr funktionell und entsprechen damit meiner Vorstellung von einem nachhaltigen Gebäude. Wir können dort viel für die heutige Architektur und Innenarchitektur lernen und alte Traditionen mit neuen Erkenntnissen kombinieren.


Studio!Sus: Gibt es in der Schweiz innenarchitektonische “Leuchtturmprojekte”, in denen besonders auf Nachhaltigkeit Wert gelegt wurde?

Jaqueline Rondelli: Es gibt viele gute Beispiele, wo Kulturzentren beispielsweise in Gewerbehallen aufgebaut wurden. In den letzten Jahren wurden auch einige Klöster umgestaltet und werden heute anderweitig genutzt.
Wichtige Projekte sind für mich die, wo Einrichtungen, die vor die Tore der Stadt verbannt waren, in die Zentren zurückgeholt werden. In Bern ist die Gefängniszentrale in ein Gebäude im Stadtkern gezogen. Dadurch werden die Menschen, die in Untersuchungshaft bzw. nur kurzzeitig inhaftiert sind, nicht gänzlich aus der Gesellschaft gerissen . Ein weiterer, ähnlicher Punkt sind Amtsgebäude, in denen häufig administrative Dinge erledigt werden, die keine Nähe zum Stadtzentrum erfordern. Diese Räumlichkeiten könnte man ideal in Alterswohnheime umbauen, um den Kontakt zwischen den Generationen zu fördern und die älteren Menschen so länger am Alltag teilnehmen zu lassen.
In diesem Bereich gilt es aber noch, viel Aufklärarbeit zu leisten.


Studio!Sus: Haben Sie ein Traumprojekt, das Sie besonders reizen würde?

Jaqueline Rondelli: Gerne würde ich ein Gefängnis gestalten. Die Häftlinge, die dort ankommen und häufig nicht wissen, wo sie sind und wie lange sie bleiben, werden natürlich sehr von dieser Umgebung beeinflusst. Die Zellen sind karg eingerichtet und der Häftling kennt nach einigen Tagen jeden Riss in der Wand. Dort kommen wieder Farbe und Material ins Spiel, mit denen man den Gesamteindruck stark verändern kann. Ich denke, wir sind heute über den Punkt hinaus, dass ein Verbrecher auf keinen Fall auf einer ordentlichen Matratze schlafen darf und können diese Einstellung auch mit Ergebnissen aus der Psychologie stützen.


Studio!Sus: Sie sind seit ca. 25 Jahren als Innenarchitektin tätig. Hat sich die Nachfrage Ihrer Kunden in Bezug auf Nachhaltigkeit in der Einrichtung verändert?

Jaqueline Rondelli: Leider nicht! Es gibt einige wenige Ausnahmen unter den Akademikern, die gezielt nach einer solchen Einrichtung suchen. Bewusst gehen allerdings vor allem die über Generationen hinweg sehr wohlhabenden Familien mit dem Thema um. Dort wird aus Tradition sehr grosser Wert auf hochwertige und langlebige Einrichtung gelegt und nicht blind jedem Trend gefolgt.
Generell versuche ich, bei meinen Kunden das Bewusstsein zu schärfen. Häufig ist mir dabei innerhalb der ersten paar Minuten eines Gespräches klar, ob mir das bei der entsprechenden Person gelingen wird oder nicht. Im Verlauf der Zusammenarbeit kann ich das Thema dann immer wieder einbringen und so die Leute zum Nachdenken anregen.


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