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Die Baubranche hat einen grossen Einfluss auf unseren Energieverbrauch beim Wohnen. Wir sprachen mit Tanja Lütolf, der Fachspezialistin für nachhaltiges Bauen bei der Metron AG. Wir befragten sie zu den Chancen und Hindernissen für eine nachhaltigere Gebäudeinfrastruktur.


Tanja Lütolf studierte Architektur an der ETH und arbeitete unter anderem für „Novatlantis – Nachhaltigkeit im ETH-Bereich“. Seit anfangs 2009 ist sie als Fachspezialistin für nachhaltiges Bauen bei der Metron AG tätig, einem unabhängigen Dienstleistungsunternehmen für die Fachbereiche Architektur, Raumentwicklung, Verkehr, Landschaft und Umwelt. Metron entstand 1965 aus der Überzeugung, dass ganzheitliche Lösungsansätze eine intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit bedingen. Zudem ist Tanja Lütolf Geschäftsführerin der Innovationsförderung „Plattform Zukunft Bau“ und unterrichtet an der Hochschule für Technik Zürich und an der Hochschule Luzern, Technik & Architektur.


Studio!Sus: Frau Lütolf, was motiviert Sie zu Ihrem Engagement für nachhaltiges Bauen?

Tanja Lütolf: Die Stabilisierung des Klimas auf eine maximale Erwärmung von 2° erfordert sofortige Massnahmen. Gleichzeitig gehen die Reserven an fossilen Energieträgern zurück, während der weltweite Bedarf ständig steigt. Die ungleiche Verteilung der kostbaren Energiequelle Erdöl führt bereits heute zu wirtschaftlichen und politischen Spannungen. Für unser Land könnte die Abhängigkeit von fossilen Energien fatal werden.
Rund die Hälfte des gesamten Energiebedarfs der Schweiz wird für Herstellung, Heizung und Betrieb von Gebäuden benötigt. Die Bauwirtschaft sitzt also an einem entscheidenden Hebel. Das Energieeffizienzpotenzial von Gebäuden ist mit 80% sehr gross.


Studio!Sus: Wie plant man einen solchen energieeffizienten Bau?

Tanja Lütolf: Der erste Schritt beginnt bereits bei der Standortwahl. Es muss möglichst von Beginn weg die Gesamtbilanz der Energie betrachtet werden, dazu gehört auch die Mobilität. Baut man ein Einfamilienhaus auf dem Land, fernab vom Anschluss an den öffentlichen Verkehr, von Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten, ist der Energiebedarf für das benötigte Auto schnell grösser als die Einsparungen, die durch energieeffizientes Bauen möglich sind. Verdichtetes Bauen in der Nähe bestehender Zentren hingehen wäre nachhaltiger.
Ist der Standort festgelegt, geht es darum, den Wärmebedarf eines Gebäudes möglichst tief zu halten. Eine kompakte Gebäudeform und die Ausrichtung eines Gebäudes gegen Süden reduzieren den Heizenergieaufwand entscheidend. Grundsätzlich gilt: möglichst grosse und einfache Volumen, Hauptöffnungen nach Süden, um die Solarenergie passiv zu nutzen. Ausserdem gehört um das Haus eine isolierende Schicht: Eine gute Wärmedämmung trägt entscheidend dazu bei, dass ein Bau effizient betrieben werden kann.
Die Restenergie, die das Gebäude noch benötigt, sollte möglichst über lokale und erneuerbare Quellen gedeckt werden. Heute sind Wärmepumpen eine gute Lösung: Sie nutzen Umwelt- oder Abwärme für das Heizen von Gebäuden und weisen einen sehr guten Wirkungsgrad auf. Vor allem an lärmbelasteten Standorten lohnt sich der Einbau einer Komfortlüftung. Sie sorgt automatisch für genügend Frischluft und trägt dank Wärmerückgewinnung entscheidend zur Energieeffizienz bei. Sonnenkollektoren für die Erwärmung des Wassers und/oder Photovoltaik zur Stromproduktion sind Optionen, die zusätzliche Autonomie generieren. Aber auch Holz kommt in unserem Land als Energiequelle in Frage, wird es doch heute noch viel zu wenig genutzt.
Zu guter Letzt sollte nicht vergessen werden, dass Energie auch in den verbauten Materialien steckt. Bei der Konstruktion von Gebäuden muss darauf geachtet werden, dass Bauteile mit unterschiedlicher Lebensdauer einfach trennbar sind. Ausserdem stehen lokale, unterhaltsarme und gut rückbaubare Materialien bei der Wahl im Vordergrund.


Studio!Sus: Genügt der Fokus auf die Energiefrage, dass man von Nachhaltigkeit sprechen kann?

Tanja Lütolf: Natürlich nicht. Ein nachhaltiger, also ein langlebiger Bau ist einer, der gut auf veränderte Bedürfnisse eingehen kann und seinen Wert möglichst lange behält. Dazu gehört, dass sich die Bewohner mit dem Gebäude identifizieren können. Gute Architektur, Nutzungsdurchmischung, Partizipation der Beteiligten an den Entscheidungsprozessen oder hindernisfreies Bauen sind Stichworte, die von den Planenden unbedingt berücksichtigt werden sollten. Ein wichtiges Thema ist auch die Gesundheit der Bewohner: Die Nutzung von Tageslicht und ein schadstofffreies Innenraumklima tragen massgeblich dazu bei.
Ein zu geringes Gewicht wird heute in der Schweiz dem Thema Wasser zugestanden. Auch in einem Land, in dem Trinkwasser vermeintlich unbeschränkt zur Verfügung steht, ist der sorgfältige Umgang mit dieser kostbaren Ressource wichtig. Wassersparende Armaturen und die Nutzung von Regenwasser zur Bewässerung der Aussenanlage, für WC-Spülungen oder für Waschmaschinen sind Massnahmen, die heute einfach und relativ kostengünstig umgesetzt werden können. Waschen mit kalkfreiem Regenwasser schont zudem die Waschmaschine.


Studio!Sus: Das klingt zwar anspruchsvoll, aber nicht unmöglich. Wieso wird heute nicht alles so gebaut?

Tanja Lütolf: Das ist tatsächlich eine gute Frage. Man weiss eigentlich, wie's geht und die entsprechenden Technologien sind heute schon vorhanden. Gebäude, die kaum Energie für Heizung und Warmwasser benötigen oder sogar mehr Energie produzieren, als sie benötigen, sind machbar. Allerdings werden solche Bauten noch zu wenig umgesetzt. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe.
Bei vielen Bauträgern stehen immer noch die Investitionskosten im Vordergrund. Dieser Betrachtungshorizont greift jedoch zu kurz. Während in energieeffizienten Gebäuden für die Herstellung von zusätzlicher Dämmung und allfällige zusätzliche Gebäudetechnologien zwar etwas mehr „Graue Energie“ aufgewendet werden muss, wird dies durch massive Einsparungen an Betriebsenergie längst wett gemacht. Auch kostenmässig amortisieren sich die Mehrinvestitionen bereits innert weniger Jahre – je höher die Preise für Erdöl und Erdgas ansteigen, desto schneller. Das Denken in so genannten Lebenszykluskosten ist jedoch noch immer die Ausnahme.


Studio!Sus: Könnte man das Problem denn lösen, wenn ab morgen nur noch hocheffiziente Neubauten erstellt würden?

Tanja Lütolf: Leider nein. Die grösste Herausforderung liegt nicht im Neubau, sondern in der Erneuerung des Gebäudebestands. In der Schweiz sind knapp eineinhalb Millionen Gebäude energetisch zu sanieren. Sie beanspruchen den Grossteil der für den Gebäudebereich benötigten Energie. Hier tut man sich aber noch schwer. Nicht nur bei denkmalgeschützten Bauten, sondern überhaupt bedeutet eine Aufrüstung der Gebäudehülle mit Dämmungen ein grosser Eingriff in den Ausdruck einer Baute und muss sorgfältig geplant werden.


Studio!Sus:Sind energetische Sanierungen überhaupt finanzierbar?

Tanja Lütolf: Noch mehr als bei Neubauten gilt es bei Sanierungsprojekten, immer wieder neue, auf das einzelne Projekt bezogene Lösungen zu finden. Das ist teuer. Eine energetische Sanierung heisst deshalb nicht nur reparieren und instand setzen, sondern nachhaltiges Aufwerten einer Liegenschaft. Bestehende Qualitäten müssen mit neuen Herausforderungen wie Komfort, Energieeffizienz und dem Einsatz von erneuerbaren Energien kombiniert werden. Hier liegt das grosse Potenzial: Die Aufwertung – beispielsweise das Vergrössern von Räumen durch Zusammenlegung einzelner Zimmer oder der Ausbau eines Dachgeschosses zu einer zusätzlichen Wohnung, also zu zusätzlich vermietbarem Raum – kann zur Quersubventionierung der Kosten für die energetische Sanierung benutzt werden
Eine Chance liegt auch in der Entwicklung von modulhaften Ansätzen, wie Sie das Projekt Retrofit des CCEM (Competence Center for Energy and Mobility) in Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmern aufzeigt. Durch die Standardisierung von Sanierungslösungen für typische Nachkriegsbauten wird auf die Reduktion der Kosten hingearbeitet.


Studio!Sus: Was sind die Hindernisse für eine entschiedenere Umsetzung?

Tanja Lütolf: Bei vielen institutionellen Investoren findet langsam ein Umdenken statt. Aber über 70% der Eigentümer von Immobilien in der Schweiz sind Private. Diese können eine aufwändige Sanierung oft nicht finanzieren, weil sie die nötigen Rückstellungen nicht getätigt haben. Hier helfen steuerliche Erleichterungen und das Zulassen der Überwälzung der Kosten für energetische Sanierungen auf die Mieter. Häufig werden die erhöhten Mieten bereits bei heutigen Energiepreise durch niedrigere Nebenkosten neutralisiert.
Auch Fördermittel sind ein wichtiges politisches Instrument. Das nationale Gebäudesanierungsprogramm von Bund und Kantonen löst dieses Jahr das Programm der Stiftung Klimarappen ab. Energetische Massnahmen im Bereich der Gebäudehülle werden mit Fördermitteln unterstützt, die aus der Teilzweckbindung der CO2-Abgabe stammen. Zu diesen bereits zugesagten 200 Mio. CHF des Bundes pro Jahr kommen noch die kantonalen Förderprogramme hinzu. Insgesamt kann während der nächsten Jahre mit jährlich insgesamt 280-300 Mio. CHF gerechnet werden. Mit diesen Mitteln können Bauherrschaften bis zu 20% der Kosten für energetische Sanierungen decken. Auch für erneuerbare Energien gibt es mittlerweile in fast allen Gemeinden und Kantonen Fördermittel.


Studio!Sus: Was braucht es sonst noch für einen stärkeren nachhaltigen Wandel?

Tanja Lütolf: Das Wichtigste ist ein ausgewogener Mix aus verschiedenen Massnahmen. Die Ausbildung der Fachleute muss auf allen Stufen auf nachhaltiges Bauen ausgerichtet werden. Dies gilt für die Architekten, Bauingenieure, Gebäudetechniker und Unternehmer in gleichem Masse.
Als ich vor fünfzehn Jahren an der ETH studierte, war Nachhaltigkeit für die angehenden Architektinnen und Architekten noch kaum ein Begriff. In den Medien und in vielen Fachzeitschriften hat das Thema mittlerweile zwar einen hohen Stellenwert, aber in der Ausbildung führt es immer noch ein Schattendasein und ist zu wenig in die Studiengänge integriert.
Nachhaltigkeitsplanung beginnt ganz am Anfang einer Projektplanung, wenn Grundsatzentscheide gefällt werden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit sollte bereits in der Ausbildung viel gezielter gefördert werden. Neue Ideen entstehen meist an den Schnittstellen der Disziplinen, da wo verschiedene Sichtweisen aufeinander prallen. Ein spannendes Beispiel für die Zusammenarbeit von Studierenden und Unternehmern ist der Solar Decathlon. Bereits zum dritten Mal wurde 2007 der Wettbewerb im solaren Zehnkampf vom U.S. Energieministerium ausgeschrieben. Angesprochen sind Studierende, die während einiger Semester einen rein durch Sonnenenergie betriebenen Pavillon mit etwa 70m² Grundfläche zu entwickeln und zu bauen haben. Die Konkurrenz liefert Beispiele für zukünftiges energiesparendes Wohnen und macht dieses Thema weltweit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Die Studierenden erhalten die einmalige Gelegenheit, vom Entwurf bis zur Produktentwicklung zusammen mit Unternehmern an einem Prototypen zu arbeiten. Leider haben sich Schweizer Hoch- oder Fachhochschulen meines Wissens bisher nie am Wettbewerb beteiligt.


Studio!Sus: Und ausserhalb der Ausbildungsstätten, was braucht es da, um einen Wandel hin zu nachhaltigerem Bauen voranzutreiben?

Tanja Lütolf: Die Forschung ist weiterhin gefordert neue energieeffiziente Technologien und Lösungen insbesondere für den Baubestand zu entwickeln. Fortschritte sind insbesondere in den Bereichen Energie, Bau, Mobilität und Produktion nötig. Spannend sind Ansätze, die an die Grenze des Machbaren gehen und komplett neue Wege aufzeigen. Prof. Hansjürg Leibundgut, der den angehenden Architektinnen und Architekten der ETH Zürich Wissen im Bereich der Gebäudetechnik vermittelt, setzt mehrere Neuheiten in seinem eigenen Wohnprojekt B35 um. Viele dieser Technologien sind hoffentlich in ein paar Jahren in der Praxis breit anwendbar.
Damit ein wirtschaftliches Umdenken von Investitions- zu Lebenszykluskosten und die Internalisierung externer Kosten praxisfähig werden, müssen die Bewertungsmethoden für Immobilien die Kriterien der Nachhaltigkeit integrieren. Hier gibt es zum Glück ebenfalls vielversprechende Ansätze aus der Schmiede des CCRS (Center for Corparate Responsibility and Sustainability) an der Uni Zürich.
Auch die Raumplanung ist gefragt. Hier braucht es griffige Gesetze, um der Zersiedelung Einhalt zu gebieten und Voraussetzungen für eine nachhaltige Siedlungs- und Verkehrsplanung zu schaffen.


Studio!Sus: Sie sind auch Geschäftsführerin der Plattform Zukunft Bau. Der Verein hat sich der Innovationsförderung in der Bauwirtschaft verschrieben. Wo steht die Bauwirtschaft? Ist sie für den Wandel bereit?

Tanja Lütolf: Ich hoffe es und bin zuversichtlich, wenn ich sehe, wie das Interesse an der Thematik wächst. Nimmt man einen Zeithorizont von 50 Jahren, in dem man alle 1.5 Millionen Bauten der Schweiz energetisch erneuern müsste, stünden 80 Gebäude pro Tag zur Renovation an. Das ist eine Goldgrube für die Bauwirtschaft! Die Plattform Zukunft Bau setzt sich dafür ein, dass alle – Unternehmer, Investoren, Planende und Politiker – am gleichen Ende des Stricks ziehen, damit wir in die richtige Richtung weiterkommen und möglichst rasch mit der konsequenten Umsetzung einer nachhaltigeren Zukunft beginnen.


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