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Standardisierte Schnittstellen und Dateiformate sind die Basis für Interoperabilität und Austauschfähigkeit, was wiederum die Grundlage für nachhaltige Systeme mit hoher Investitionssicherheit bildet. Was das denn heissen soll, das erfahren wir im Interview vom Spezialisten für offene Dateiformate, Norbert Bollow.

(kursiv=im Heft weg gekürzter Teil)

Studio!Sus: Zunächst einmal ganz grundsätzlich die Frage: Was ist der Nutzen von Standards?

Norbert Bollow: Standards sind absolut notwendig, damit Produkte in vernünftiger Weise miteinander kombiniert werden können, und damit es ohne unvertretbar grossen Aufwand möglich ist, ein Produkt eines Herstellers durch ein konkurrierendes Produkt eines anderen Herstellers zu ersetzen.

Ein gutes Beispiel aus dem Alltag sind die genormten sogenannten "Edisongewinde" als Sockel für Glühlampen. Es gibt einen internationalen Standard, in dem verschiedene Standard-Grössen von Schraubgewinden definiert sind, wie zum Beispiel die ganz weitverbreitete Grösse E27 oder die kleinere Grösse E14. Wenn ich etwa ein Nachttischlämpchen kaufe, sehe ich mit einen Blick auf die Fassung, welche Grösse ich verwenden kann. Ich weiss sofort, dass alle grossen 230V-Leuchtmittel mit E27-Gewinde in die Schraubfassung hineinpassen oder bei der deutlich kleineren Version passt E14. Es ist auch kein Problem, zu diesen normierten Fassungen passende Energiesparlampen zu bekommen. Passende Leuchtmittel werden in grossen Stückzahlen günstig produziert, und die wirksame Konkurrenz verschiedener Anbieter sorgt dafür, dass die Endverbraucherpreise nicht unverhältnismässig hoch sind.


Norbert Bollow hat an der ETH Zürich Mathematik und Physik studiert. Er ist im Bereich der Informatikberatung (http://adaptux.ch) tätig und ist Vorsitzender des Komitees der Schweizerischen Normenvereinigung SNV für Dokumentenformate. Bei in diesem Interview geäusserten Meinungen und Einschätzungen handelt es sich um seine persönlichen Ansichten.


Ganz anders sieht es bei Tintenpatronen für Drucker aus. Die sind nicht genormt und die Hersteller von Druckern wollen auch über die zum Teil horrend teuren Patronen verdienen. Bei den Drucker-Modellen mit den niedrigsten Preisen wird sogar ganz offensichtlich der Kaufpreis des Druckers mit den Einnahmen aus dem Verkauf von Patronen quersubventioniert. Die ökonomischen Auswirkungen sind einerseits, dass Drucken insgesamt teurer ist als es sein müsste. Andererseits machen es die Marktverzerrungen schwieriger, vernünftige Kaufentscheide zu fällen. Aus langfristigerer Perspektive gibt es noch einen wichtigen Unterschied: Schon viele etwas ältere, aber noch voll funktionstüchtige Drucker mussten ersetzt werden, weil die speziellen, dazu passenden Tinten- oder Toner-Patronen nicht mehr erhältlich waren. Im Gegensatz dazu können Nachttischlämpchen mit E27 oder E14 Normfassung völlig unabhängig vom ursprünglichen Hersteller weiterverwendet werden. Das gilt sogar für Nachttischlämpchen die produziert und angeschafft wurden, bevor man dabei an irgendetwas anderes als an herkömmliche Glühlampen dachte.

 

Wenn wir von "digitaler Nachhaltigkeit" sprechen, also eine mittel- bis langfristige Perspektive betrachten wollen, stellt sich die Frage: Gibt es auch im Bereich der digitalen Welt solche Punkte, wo es wichtig ist, dass Produkte verschiedener Hersteller gut zusammen funktionieren? Diese Frage möchte ich ganz klar bejahen. Ein Beispiel, das mir besonders am Herzen liegt, ist dass man Texte und andere Daten, die heute geschrieben werden, auch in zehn, zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren noch lesen können sollte. Bei gedruckten Büchern ist das der Fall. Bei digitalen Formaten ist es gar nicht so selbstverständlich, dass sie noch zu öffnen sein werden; da muss man aufpassen und bewusst ein gutes, zukunftskompatibles Format wählen.

Noch viel unmittelbarer ist das Bedürfnis, jegliche Komponenten der Informatik-Infrastruktur einer Organisation austauschen zu können (wenn sie wichtige Bedürfnisse nicht mehr erfüllt), ohne deswegen andere Software- und Hardware-Komponenten auch austauschen zu müssen. Das ist im Einleitungstext mit "nachhaltige Systeme mit hoher Investitionssicherheit" gemeint. Davon sind wir in der real existierenden Welt der kommerziell verfügbaren Software noch weit entfernt, sowohl im Bereich der proprietären Software als auch im Bereich der Freien und Open Source-Software.

Studio!Sus: Standard ist nicht gleich Standard. Welche Arten von Standards gibt es?

Norbert Bollow: Einerseits gibt es Spezifikationen, die in jeder Hinsicht alle Erwartungen an einen Standard erfüllen. Andererseits ist es aber auch so, dass es mehr oder wenig sorgfältig erstellte Spezifikationen gibt, die nicht alle berechtigten Erwartungen erfüllen, aber trotzdem in der realen Welt die Rolle eines Standards spielen. Solche Standards werden als "nicht offene Standards" oder "de-facto Standards" bezeichnet. Diese Bezeichnungen reden jedoch eine Situation schön, die eigentlich nicht toleriert werden sollte. Wenn von der Verwendung einer Spezifikation abzuraten ist, weil sie wesentliche Eigenschaften eines Standards nicht erfüllt, sollte man deutliche Worte gebrauchen und diese Pseudo-Standards benennen.

Der Begriff "offener Standard" ist auch problematisch, insbesondere deshalb, weil es allzu viele, sich voneinander unterscheidende Definitionsvorschläge gibt. Je nachdem, mit wem Sie reden, werden natürlich verschiedene Aspekte von Standards und Standardisierung als besonders wichtig betrachtet, und dabei ist es andererseits zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht realistisch, alles total zu verwerfen, was nicht alle Erwartungen an einen guten Standard erfüllt.)

Studio!Sus: Welchen Kriterien muss ein offener Standard erfüllen?

Norbert Bollow: Mein Definitionsvorschlag ist unter http://siug.ch/ostandards/def zu finden. Dort empfehle ich, statt des bereits von miteinander in Konflikt stehenden Definitionen geprägten Begriffs "offener Standard" den Begriff "strikt offener Standard" zu verwenden und darauf aufbauend dann den anwendungsorientierten Begriff "offene Interfaces". In den Auseinandersetzungen der politischen Diskussion geht es zur Zeit meistens in erster Linie darum, dass Interoperabilitätsinformationen offen gelegt werden sollen, und darum dass nicht mittels Patenten versucht werden darf, die Erstellung von interoperabler freier Software zu verhindern. Langfristig gesehen sind meiner Meinung nach jedoch die anderen Kriterien wie Stringenz und technische Qualität der Spezifikation und die Möglichkeit der verlustfreien Migration von älteren Standards aber ebenso zentral. Sonst erreichen wir mit der Forderung nach offenen Standards nur, dass sich die Tricks und Mechanismen vom Lock-In ändern, ohne dass das Problem selber gelöst oder auch nur wesentlich verringert wird.

Studio!Sus: *Microsoft hat mit der Office Open Extensible Markup Language (OOXML) auf die Nachfrage nach offenen Dokumentformaten reagiert. Sind damit die Probleme gelöst?

Nein, es sind zusätzliche Probleme hinzugekommen: Einseits weil mit OOXML eine zweite, konkurrierende Familie von Dokumenten-Formaten zum bereits von den internationalen Standardisierungs-Organisationen ISO und IEC akzeptierten Dokumentenformat-Familie ODF (OpenDocument-Format) hinzugekommen ist. Die Konkurrenz von verschiedenen Dokumentenformaten löst keine Probleme, sondern schafft zusätzliche Interoperabilitätsprobleme: Die Übersetzung zwischen den Formaten kann sehr problematisch sein. Und andererseits ist die OOXML-Spezifikation m. E. aus technischer Sicht wegen allzu grosser Komplexität und wegen vielen Detailproblemen nicht als Standard geeignet.

Studio!Sus: Wo braucht es dringend noch offene Standards und wie setzen Sie sich dafür ein?

Norbert Bollow: Überall wo es für viele Anwender praktisch relevante Schnittstellen zwischen verschiedenen Software- und/oder Hardwarekomponenten oder Bedürfnisse des Datenaustauschs mit anderen Anwendern gibt, braucht es dringend strikt offene Standards. Das ist praktisch überall! Ich kann mich da unmöglich überall engagieren. Konkret aktiv bin ich im Bereich Software Asset Management und im Hinblick auf das OOXML-Format, in der Hoffnung, dass wenigstens die gröbsten Probleme, die ich im Hinblick auf diese Spezifikation sehe, bereinigt werden können. Als Vertreter der Swiss Open Systems User Group bin ich da jeweils Mitglied des zuständigen Normen(unter)komitees der Schweizerischen Normenvereinigung SNV und auch in den internationalen Arbeitsgruppen aktiv.

Noch wichtiger ist jedoch, alle Arten von Organisationen davon zu überzeugen, dass es bei verschiedensten Informatik-Projekten wichtig ist, auf der Verwendung von offenen Interfaces zu bestehen. Sobald dies in grösserem Mass geschieht, stimmen die ökonomischen Anreize für Anbieter von Informatik-Lösungen, so dass dann die jetzt noch fehlenden strikt offenen Standards relativ rasch entweder von Grund auf neu entwickelt werden oder durch Überarbeitung aus bereits bestehenden Spezifikationen hervorgehen werden.


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