sustainability – your responsibility.

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Dank dem Internet und immer kompakter werdenden Kameras ist es ein Leichtes, Freunde und Verwandte auf der ganzen Welt am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Sei es eine Aufnahme der eigenen Hochzeit, vom Fallschirmsprung aus luftiger Höhe oder der Zielankunft nach dem ersten Marathon, mit wenigen Clicks ist diese bearbeitet, mit Musik unterlegt und auf Youtube oder Facebook hochgeladen.

Obwohl das bei den Wenigsten ethische oder moralische Bedenken auslöst, wurde hier sehr wahrscheinlich gegen das Urheberrecht verstossen. Das zieht zwar selten rechtliche Konsequenzen nach sich, ist aber heikel.

Im schweizer Urheberrecht gelten alle "geistige Schöpfungen der Literatur und Kunst, die individuellen Charakter haben" als geschützt. Dazu braucht es keine Copyright-Zeichen, das passiert ganz automatisch. Jegliche Weiterverwendung durch Dritte ist bis auf sehr beschränkte Ausnahmen untersagt, und das bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Damit kann keiner deiner Texte, kein Lied, kein Foto und kein Video in diesem Jahrhundert legal weiterverwendet werden, ausser du gibst deine explizite Erlaubnis dazu.

Da ein Gesetz, das jeden, der einen Artikel aus einer Zeitschrift kopiert, zum Kriminellen macht wohl nicht durchsetzbar wäre, gibt es eine Ausnahme für den Eigengebrauch. Im Privaten darf man z.B. durchaus ein Video mit fremder Musik untermalen und man darf es auch legal im engen Verwandtschafts- und Freundeskreis weitergeben. Reine Facebook-Freundschaften zählen hier nicht.

Noch bis vor kurzem war diese Rechtssprechung dann auch auf einer Linie mit dem allgemeinen Rechtsempfinden. Aber wo früher ein USB-Stick umständlich, aber legal im Freundeskreis von Computer zu Computer gewandert ist, übernimmt heute ein Youtube-upload die gleiche Rolle. So wird die Aufnahme aber jedem Internetnutzer zugänglich, obwohl im Endeffekt in den meisten Fällen genau die gleichen Personen das Video tatsächlich anschauen. Dieser Zustand ist zweifellos unbefriedigend, aber leider nicht einfach zu verbessern. Das Verständnis der Gesellschaft ist zwar gering, wenn user saftig gebüsst werden, andererseits ist es praktisch unmöglich, für das Internet einen sinnvollen Privatrahmen festzulegen. Durch die neuen technischen Möglichkeiten ist weiter der Aufwand, digitale Inhalte zu kopieren, verschwindend klein geworden. Die Grenze zwischen Privatnutzern und Raubkopierern verschwimmt dadurch: Früher hatte Letzterer ein Lager mit 10'000 kopierten Kassetten, heute ist er nur noch schwer von jedem anderen Internetnutzer unterscheidbar.

Die Tatsache, dass man gratis und ohne jeglichen Aufwand digitale Daten kopieren und verarbeiten kann, hat aber auch eine komplett neue Art geschaffen, mit unserer Kultur umzugehen. Mash-ups, also im weitesten Sinne irgendein Zusammenfügen von Inhalten, stehen auf der digitalen Tagesordnung. Eine Karte vom Golf von Mexiko welche Satelliten- und Flugzeugbilder der Ölverschmutzung mit Standorten von Schutzwällen und Vogelkolonien verbindet, ist genauso ein Mashup wie die Samplings des amerikanischen Künstlers Girl Talk. Seine Lieder bestehen aus Teilen von etwa 15 bis 30 Songs aus allen Ecken der Musikgeschichte, verzerrt, zerstückelt und virtuos wieder aufeinandergelegt. Es werden nie mehr als ein Paar Sekunden verwendet. Musik als Musikinstrument.

Obwohl hier ein Künstler enormes Talent beweist, und in seinen Werken wohl genauso viel Schöpfungskraft steckt wie bei einer Band mit traditionelleren Instrumenten, hat sein Schaffen in der Musikindustrie keinerlei Freude ausgelöst. Eine Rechtsordnung, welche Girl Talk und seinen kulturellen Beitrag fassen, und seine Werke klar als legal oder illegal bezeichnen kann, ist noch in weiter Ferne, denn sie erfordert eine grundsätzliche Diskussion darüber, wie wir als Gesellschaft mit unserem kulturellem Reichtum und moderner Technik umgehen wollen. Die Einen sehen in Mash-ups parasitisches Profitieren vom Werk anderer, andere das moderne Äquivalent zu den Werken Andy Warhols.

Viele Künstler, auch solche von Weltruf, haben nichts dagegen, wenn ihre Werke weiterverwendet werden, ganz im Gegenteil. Oft haben sie aber keine Ahnung, wie man das rechtlich präzis sicherstellt, oder das Problem ist ihnen überhaupt nicht bewusst. Das hat auch der amerikanische Rechtsprofessor Lawrence Lessing erkannt und die Stiftung Creative Commons (CC) ins Leben gerufen. Diese Stiftung mit Ablegern in der ganzen Welt bietet einen eine Vielzahl Lizenzen an, mit denen man unter gewissen, einfach verständlichen Regeln gewisse Rechte abtreten kann. So steht dann z.B. auch eine Weiterverwendung eines Artikels, ob modifiziert oder nicht, oder das Samplen aus einem Musikstück rechtlich auf solider Basis. Ob damit auch kommerzielle Nutzung erlaubt ist, wird stets explizit angegeben. Wie wir das seit dem Herbst 2006 im Studio!Sus handhaben, lässt sich auf Seite 54 nachlesen.

Das wohl bekannteste CC-lizenzierte Werk ist Wikipedia. Ohne dass die Autoren ihre Rechte an den Artikel abgeben, wäre das kollaborative Modell dieser Enzyklopädie gar nicht möglich. Nur dank dieser freien Lizenzierung ist es auch möglich, Artikel aus der Wikipedia weiter zu verwenden, sei es zur Information über in Google Maps angezeigte Ortschaften oder über die Bands in deinem Musicplayer.

Andere Webseiten, wie zum Beispiel Flickr, erlauben es auf einfache Art und Weise, eigene Werke hochzuladen und mit einer CC-Lizenz zu versehen. So eröffnet sich eine fantastische Quelle von Bildern zur Illustration eines Vortrags oder der eigenen Webseite ohne sich gleich rechtlich ins Fettnäpfchen zu setzen.

Musik unter CC-Lizenzen gibt es auf Portalen wie jamendo.com oder dem Schweizer restorm.com zuhauf. Damit wäre auch endlich das Youtube-Problem gelöst: einfach einen Song mit der passenden CC-Lizenz auswählen, daran denken, den Autor zu nennen und schon ist man vollkommen legal im Web vertreten.

Lizenzen wie die von Creative Commons erlauben es uns, aktiver mit unserem Kulturgut umzugehen. Digitale Daten lassen sich beliebig und auf neue, fortschrittliche Arten zusammenfügen und auch wieder auseinandernehmen. Je mehr Bilder, Texte, Videos oder Musik frei lizenziert sind, desto einfacher ist es für einen Dokumentarfilmer, die passende Musik für sein Projekt zu finden, oder für einen Musiker, das passende Coverbild für sein Album. Wikipedia legt davon Zeugnis ab, dass man frei lizenzierte Werke mit enormem Nutzen kombinieren kann. Welche Webangebote in den nächsten 10 Jahren gleichsam erfolgreich sein werden, ist schwer zu sagen. Die Chancen stehen aber gut, dass einige auf freien Inhalten basieren werden.

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