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"Mit Freiem Wissen - und damit auch mit Freier Software - lässt sich kein Geld verdienen" lautet eine weit verbreitete Meinung. Doch ist das wirklich so?

Ein einfaches Beispiel: Der Modeladen von nebenan verkauft seine Produkte über einen Webshop, der mit einer Freien Software betrieben wird, die ihn günstiger und wartungsfreier kommt. Der Student, der den Webshop für das Geschäft erstellt hat und damit etwas fürs Studium verdient, profitiert ebenfalls. Hinzu kommt der Internet Service Provider, der Abo-Gebühren verlangt um den Webshop zu hosten, und dessen Server ebenfalls mit Freier Software funktionieren. Dies wäre auch mit proprietärer Software möglich. In vielen Fällen wären aber die auf allen Stufen anfallenden Lizenzkosten so hoch, dass ein kleines Unternehmen es sich nicht mehr leisten könnte, zusätzlich diesen Webshop zu betreiben.

Grundlage für neue Produkte und Dienstleistungen

Das noch grössere Potential liegt aber nicht in der einfachen Nutzung Freier Software. Der wahre Vorteil ist, dass sich ein Unternehmen aus einem riesigen Pool von Wissen – Software – bedienen und auf Grundlage dieses Wissens eigene Produkte und Dienstleistungen entwickeln kann. Dies ist besonders für kleine Unternehmen interessant, die meist über wenig Anfangsbudget für Produkteentwicklung verfügen. In der Open Source-Welt wird dies auch "standing on the shoulder of giants" genannt. Das Prinzip ist nicht neu. In der Wissenschaft, wo das Zitat ursprünglich herkommt, wird seit jeher auf bestehenden Erkenntnissen aufgebaut um die Forschung voranzutreiben und neue Erkenntnisse zu gewinnen ohne jedes Mal die Grundlagen neu erarbeiten zu müssen (siehe auch unser Artikel zum Freien Wissenszugriff).


Pascal Mages ist MSc ETH in Umweltnaturwissenschaften und war langjähriges Aktivmitglied von [project 21]. Heute arbeitet er Teilzeit bei ETH Sustainability und ist Inhaber der avertas GmbH, die Produkte und Dienstleistungen rund um Open Source und Nachhaltigkeit anbietet. FreeBeer ist eines davon.


Ein Beispiel ist das ETH Spin-off Wuala. Auf Basis von Open Source haben sie ein neues Produkt entwickelt und bieten heute verschlüsselten online-Speicherplatz an. Geld verdienen sie mit dem Verkauf von zusätzlichem Speicherplatz. Die eigene Software ist leider erst teilweise Open Source.

Die grossen Firmen aus der IT- und Internetbranche haben Freie Software schon lange entdeckt, und sind heute auf die eine oder andere Art an freier Software beteiligt. Dies tun sie, weil es sich für ihr Business auszahlt und nicht aus gemeinützigen Überlegungen. Die folgenden Beispiele zeigen einen kleinen Ausschnitt aus der Vielzahl von Geschäftsmodellen, die sich um Freie Software gebildet haben.

Google – der Werbegigant

Das wohl bekannteste Beispiel aus der Welt der grossen Konzerne ist Google. Google hat 21'800 Angestellte und verdient sein Geld grösstenteils mit Internetwerbung, 2009 betrug der Gewinn der Firma 6.5 Milliarden US-Dollar. Auch Google bediente sich von Beginn an im Pool der freien Software, um die Suchmaschine und weitere webbasierte, für den Nutzer meist kostenlose Angebote zu entwickeln. Hätten die Gründer in der Anfangszeit nicht auf Linux & Co zurückgreifen können, hätten sie wegen den hohen Kosten für Lizenzen das erste Geschäftsjahr wohl nicht überlebt. Hinzu kommt, dass nur freie Software es ermöglicht, tiefgreifende Anpassungen vorzunehmen und diese exakt auf die eigenen Bedürfnisse abzustimmen.

Auch Android, ein auf Linux basierendes Open Source-Betriebsystem für Smartphones wird aus geschäftlichen Überlegungen vorangetrieben. Google sichert sich damit den Zugang zum immer grösser werdenden Werbemarkt auf mobilen Geräten: Gemäss eigenen Angaben übersteigen die Werbeeinnahmen, die von mobilen Nutzern generiert werden, die Kosten für die Entwicklung von Android deutlich.

Red Hat – der Dienstleister

Red Hat dürfte den Wenigsten bekannt sein, ist aber mit über 3'000 Angestellten vermutlich der weltweit grösste Anbieter von ausschliesslich freien Softwarelösungen. Alles was Red Hat (mit-)entwickelt, ist gratis und Open Source und steht somit jedem, auch der Konkurrenz, frei zur Verfügung. Ihren Kunden verkauft Red Hat nicht Nutzungslizenzen sondern Dienstleistungen. Dies ist vergleichbar mit dem Beispiel des Studenten. Weil der Aufwand für Planung, Umsetzung und Betrieb von Softwarelösungen einen grösseren Teil der Kosten ausmacht als die eigentliche Software, kann Red Hat an diesen Dienstleitungen verdienen. Dass die eigentliche Software – weil kostenlos – eine grössere Verbreitung findet, ist auch im Sinne von Red Hat. Denn auch Nutzer, die die Software selbstständig einsetzen, sind potentielle Kunden, sobald die Komplexität der benötigten Lösung deren Können übersteigt. Dank des Open Source-Modells fallen für Red Hat tiefere Kosten an, da man sich den Entwicklungsaufwand mit der Konkurrenz teilt. Im Jahre 2009 hat Red Hat mit dieser Strategie 650 Millionen USD umgesetzt und dabei einen Gewinn von fast 80 Mio. USD erwirtschaftet.

Intel – der Hardwarehersteller

Bekannt ist Intel unter anderem als weltweit grösster Hersteller von Computer-Prozessoren, Grafikkarten und weiterer Hardware. Intel gehört aber auch zu den Unternehmen, die einen grossen Entwicklungsbeitrag zu Linux & Co leisten. Die Motivation dahinter besteht primär darin, sicherzustellen, dass ihre Produkte mit Linux-basierten Betriebssystemen funktionieren. Intel verdient also nicht direkt mit freier Software, sondern kann – Linux hat in einigen Bereichen bedeutende Marktanteile – einen grösseren Markt für seine Produkte erschliessen, weil sie gut mit freier Software funktionieren.

Apple...

Apple verwendet gleich mehrere Technologien aus dem Open Source-Biotop und ist damit äusserst erfolgreich. So nutzt zum Beispiel das Mac OS X Teile von FreeBSD, einem freien Betriebssystem. Der Einsatz von freier Software als Grundlage ihrer eigenen Produkte reduziert nicht nur die Kosten, sondern auch die Entwicklungszeit deutlich. Hätte Apple OS X von Grund auf neu entwickeln müssen, hätte dies enorme finanzielle und personelle Ressourcen gebunden. Diese Ressourcen hätten dann nicht in die Entwicklung guter Benutzerschnittstellen fliessen können, dank denen Apple heute so erfolgreich ist. Auch WebKit, ein wichtiger Bestandteil des eigenen Browsers Safari, ist Open Source und wurde von Apple adoptiert, um nicht das Rad neu erfinden zu müssen. Unschön allerdings ist, dass Apples Geschäftspraktiken nicht viel mit der Grundidee von Open Source zu tun haben. So sorgt Apple z.B. bei iTunes und iPod dafür, dass diese nur mit Apple-Software funktionieren und schliesst generell regelmässig Freie Software aus.

Der Linux Kernel – gemeinsam Grösseres schaffen

Der Linux Kernel, das Herzstück des freien Betriebssystems, ist das bekannteste und erfolgreichste Freie Software-Projekt schlechthin. Linux läuft nicht nur auf Millionen von Internetservern, so bei Google und Facebook, sondern ist dank seiner Flexibilität auch das Betriebssystem von WLAN-Routern, modernen Fernsehern und Laptops - bis hin zu Supercomputern.

An Linux lässt sich die Zusammenarbeit verschiedener, auch sich konkurrierender Firmen zeigen. Im Gegensatz zu früher, als Linux noch ein reines Freiwilligenprojekt war, wird heute 75% der Arbeit von bezahlten Entwicklern geleistet. Dazu gehören unter anderem Programmierer, die von Firmen wie Red Hat, Intel, Google, Nokia, IBM und sogar Microsoft angestellt sind. Aber auch kleinere Firmen und freiwillige Entwickler arbeiten weiterhin an Linux mit. Jede Firma und jedes Individuum trägt den Teil bei, der für die eigenen Projekte wichtig ist. Gemeinsam erschaffen sie ein grösseres Ganzes und profitieren auch von den Entwicklungen der Konkurrenz. Linus Torvalds, der Erfinder von Linux, waltet als oberste Instanz über die Entwicklung. Keiner der Beteiligten hätte nur annähernd die Ressourcen, alleine etwas Vergleichbares zu schaffen. Diese scheinbare Harmonie heisst aber nicht, dass es keine Konkurrenz mehr gäbe. Diese findet nach wie vor statt, einfach auf einer anderen Ebene.

Freies Wissen und Nachhaltigkeit

Freies Wissen ist aus der Nachhaltigkeitsperspektive aus mehreren Gründen vorteilhaft. Das Wissen steht allen uneingeschränkt zur Verfügung und jeder kann darauf aufbauend neue Ideen entwickeln. Dies ist insbesondere auch für Entwicklungsländer interessant. Es können an lokale Bedürfnisse angepasste Lösungen entstehen ohne gleichzeitig Lizenzgebühren an weltweit tätige Unternehmen bezahlen oder auf illegale Raubkopien zurückgreifen zu müssen. Weil das Wissen der Allgemeinheit gehört, besteht auch keine Gefahr, sich von einem einzelnen Anbieter abhängig zu machen. Wenn ein Anbieter ausfällt, kann ein anderer in die Lücke springen. Der grösste Vorteil dürfte jedoch sein, dass Ressourcen in die Weiterentwicklung von Bestehendem investiert werden, anstelle das Rad immer wieder neu erfinden zu müssen. Dies führt gesamthaft zu einer rascheren Entwicklung und erhöht damit wiederum den Nutzen für die Allgemeinheit.

Nicht auf Software beschränkt

Auch wenn der Open Source-Gedanke heute in der Software-Welt erfolgreich und weit verbreitet ist, bleibt er nicht darauf beschränkt. OpenStreetMap oder das OScar-Projekt markieren den Übergang in die "reale" Welt abseits von Software. Bei greifbaren Produkten sind die Beispiele zwar erst spärlich, aber doch vorhanden. So gibt es das Open Prosthetics-Projekt, das Prothesen in einem offenen Prozess entwickelt, Open Chord oder FreeBeer. Die entsprechenden Geschäftsmodelle stecken noch in der Experimentierphase; es zeichnet sich aber ab, dass das offene Entwicklungsmodell langsam, aber stetig in weitere Bereiche vordringt. Dass sich mit freiem Wissen Geld verdienen lässt, ist unbestritten; wie das im einzelnen erreicht wird, hängt nur von der Fantasie und Innovationskraft des Menschen ab.

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