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Christian Wasserfallen, Co-Präsident und Gründungsmitglied der Parlamentarischen Gruppe für Digitale Nachhaltigkeit, schildert im Interview, weshalb und wie sich die Mitglieder der Gruppe konkret engagieren.

Studio!Sus: Die Parlamentarische Gruppe fördert einen innovativen und nachhaltigen Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien und setzt sich für den öffentlichen Zugang zu Wissensgütern ein. Die Gruppe umfasst Politiker/Innen der FDP, SP, CVP, SVP, Grüne, GLP und EVP, warum setzen sich Politiker/Innen aller couleur für das Thema ein? Wie kommt das bei den übrigen Parlamentariern an? Und warum engagieren Sie sich persönlich?

Christian Wasserfallen: Eine Parlamentarische Gruppe ist keine offizielle Vertretung im Parlament, sondern ein fraktionsübergreifender Zusammenschluss von Politikern der Bundesversammlung mit gemeinsamen Zielen - eine breite Abstützung gibt unserer Gruppe daher Gewicht. Den einen Grund, bei der Gruppe dabei zu sein, gibt es allerdings nicht. Gegründet haben wir sie nach einem Vortrag von Matthias Stürmer von /ch/open. Er hat uns in einer schlüssigen Präsentation dargelegt, dass ein verstärkter Einsatz von Open Source in der öffentlichen Verwaltung gute Gründe hat. Das Thema Digitale Nachhaltigkeit kommt ganz unterschiedlich bei den übrigen Parlamentariern an. Manche kennen das Problem schlichtweg nicht, andere sind überzeugte Mac-User, und wieder andere, dazu zähle ich auch mich, kommen von der Anwenderseite her und sind im Job mit hohen Lizenzgebühren für Computerprogramme konfrontiert und entsprechend interessiert, auch mit anderen Oberflächen zu arbeiten.


Christian Wasserfallen ist Maschinen-Ingenieur FH, seit 2007 Nationalrat FDP, sowie Co-Präsident und Gründungsmitglied der Parlamentarischen Gruppe für Digitale Nachhaltigkeit. (Er ist im Vorstand der Schweizer Jungfreisinnigen und als Nationalrat in mehreren Parlamentarischen Kommissionen vertreten.) Gemeinsam mit Edith Graf-Litscher hat Christian Wasserfallen den CH Open Source Award 2010 in der Kategorie Advocacy für ein engagiertes Kopräsidium der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit erhalten. Wir gratulieren!


Seit Beginn meiner politischen Tätigkeit bin ich am Thema Open Source interessiert. Vor der Gründung der Parlamentarischen Gruppe für Digitale Nachhaltigkeit war Open Source auf Nationalratsebene kaum ein Thema. Bereits zu meinen Stadtratszeiten, zwischen 2003 und 2007, habe ich mich für e-government und e-voting eingesetzt, und so quasi bottom-up versucht, Lösungen bereitzustellen. Damals wurde mir jedoch gesagt, dass die Kompetenz für solche Applikationen hauptsächlich beim Bund liegt. Seit 2007 bin ich Nationalrat und versuche von der anderen Seite her, top-down, etwas zu bewirken. Doch heute höre ich aber oft, dass die Gemeinden Keimzelle für diese Bewegung sein sollen. Es scheint beinahe, als ob das Thema wie eine heisse Kartoffel hin- und hergereicht wird.

Studio!Sus: Ihre Arbeit baut auf auf den vier Pfeilern "Förderung von Open Source Software", "Standards bei Daten", "Freier Wissenszugriff" und "Freie Verwendung von Inhalten" auf, denen wir in dieser Ausgabe jeweils Schwerpunktartikel gewidmet haben. Wie verfolgen Sie diese Ziele im politischen Alltag?

Christian Wasserfallen: Unsere Vorstösse orientieren sich an diesen vier Pfeilern, allerdings sind die Antworten auf unsere Vorstösse bis anhin sehr ernüchternd ausgefallen. Die Bundesverwaltung verhält sich passiv, obwohl die e-government Strategie vor rund dreieinhalb Jahren verabschiedet wurde. Die konkrete Umsetzung harrt bis jetzt leider der Dinge. Wir haben bei unserer Arbeit aber auch sehr gute Erfahrungen mit Bundesstellen gemacht. Die swisstopo beispielsweise ist der Idee positiv gegenübergestellt, ihre Geodaten durch Mobilapplikationen den Anwendern zur Verfügung zu stellen. Auch die Open Standards-Strategien des Bundesgerichts werten wir als positiv.

Da das Schreiben von Vorstössen nur wenig kreativ ist, organisieren wir nebst Öffentlichkeitsarbeit, die uns ebenso wichtig ist, auch sogenannte Parlamentarische Dinners. Wir sehen uns in einer Vermittlerfunktion und möchten verschiedene Stakeholder gemeinsam an einen Tisch bringen. Während des ersten Dinners haben wir Vertreter des Kantons Solothurn und einen Vertreter der Stadt München eingelden, in deren Verwaltung Open Source-Software eingesetzt wird, und auch Vertreter des Bundesgerichts zu einem Referat geladen. Uns ist es aber ebenso wichtig, dass an diesen Anlässen nebst Open Source auch die proprietäre Welt vertreten ist und so haben wir bei der letzten Veranstaltung eine Podiumsdiskussion mit Vertretern von Day, Fabasoft, HP, Microsoft, Novell und Oracle veranstaltet. Unser Ziel ist es, miteinander eine Lösung zu finden. Insbesondere stellt sich bei der Umstellung auf Open Source die Frage zum Ablösungsprozess. Wie ist eine Umstellung auf Open Source am einfachsten und günstigsten machbar? Was ist überhaupt sinnvoll? Für diesen Prozess sind all diese Partner wichtig. Zum nächsten Dinner planen wir, Bund, Kantone und Städte einzuladen. Es bestehen nämlich erstaunlicherweise kaum Kontakte zwischen den verschiedenen Ebenen. Nur schon innerhalb des Departements VBS beispielsweise laufen drei Windowsversionen, da kommt einiges an Lizenzgebühren zusammen.

Wir sind auch gerne an Open Source-Anlässen vertreten. Schweizer Firmen können spezialisierte Lösungen für KMU anbieten und dadurch die IT-Branche in der Schweiz stärker verankern, worin ein gewichtiger Vorteil von Open Source-Unternehmungen liegt. Unsere Open Source-Firmen sind professionell und erwirtschaften namhafe Beträge.

Studio!Sus: Kann eine Umstellung der öffentlichen Verwaltung erreicht werden?

Christian Wasserfallen: Eine sofortige, komplette Umstellung ist nicht machbar und auch nicht sinnvoll. Es ist wichtig, dass wir uns vor Augen halten, dass die Leute in den öffentlichen Verwaltungen Anwenderkentnisse haben und nicht mit IT aufgewachsen sind. Deshalb ist es nötig schrittweise vorzugehen und auf keinen Fall eine Umstellung Knall auf Fall anzustreben.

Studio!Sus: Zum Abschluss nimmt mich noch wunder, ob Sie persönlich mit Open Source-Programmen arbeiten?

Christian Wasserfallen: Wenn ich auf einem neuen Computer arbeite, starte ich immer gleich den Standardbrowser und lade Mozilla Firefox herunter. Meine persönliche Webseite www.cewe.ch läuft auf einem Apache-Server von Linux SuSe und erstellt habe ich die Seite mit Joomla!. Zu Studentenzeiten habe ich OpenOffice verwendet - besonders nützlich finde ich bei diesem Programm die eingebaute pdf-Funktion. Ebenso benutze ich Dropbox, um online Dateien auszutauschen und Filezilla um Dateien auf einen Server zu laden.

Studio!Sus: Herr Wasserfallen, wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen für das Gespräch. 



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