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Wir legen heutzutage immer längere Strecken völlig selbstverständlich zurück und verbringen immer weniger Zeit am Zielort. Pendler verbringen täglich Stunden auf ihrem Arbeitsweg. Der Supermarkt auf der grünen Wiese, zu dem man mit dem Auto fährt, ist für die Meisten attraktiver als der Einkaufsladen um die Ecke. Woher aber kommt diese Rastlosigkeit?

Christian Hoffmann im Interview mit Susanne Dröscher

 

Für ein Wochenende nach Paris, für zwei Wochen Ferein in der Karibik, für eine Woche zu einer Konferenz nach Tokyo und zwischendurch noch einige kürzere Fahrten innerhalb der Schweiz. Das ist heute keine ungewöhnliche Liste der jährlichen Reisen eines ETH-Studenten. Noch vor 20 Jahren war das undenkbar. Wie kam es zu dieser rasanten Entwicklung?

Als einer der Auslöser des Trends kann die Globalisierung von Lebensstilen genannt werden, die mit der Verbreitung des Internets einherging und die auch zu einem veränderten Mobilitätsverhalten führt. Informationen über Reiseziele sind leichter zu erhalten, Buchen ist unkomplizierter möglich und durch die Werbung werden wir zum Konsum angeregt.

Natürlich spielt der ökonomische Aspekt hier eine grosse Rolle. Vor zwei Jahrzehnten hat eine Flugreise in die USA noch beinahe ein durchschnittliches Monatsgehalt gekostet. Durch das Aufkommen von Billigfliegern wurden Reisen sehr gut erschwinglich und mehr und mehr zum Lifestyle-Bestandteil. Dass die tiefen Preise nur durch die starke Subventionierung der Billigflieger und die fehlende Besteuerung des Kerosins zustande kommen, stört den Konsumenten in der Regel nicht.

Erst als die Entwicklung im Flugverkehr schon in vollem Gange war, kamen zunehmend Bedenken aufgrund der Umweltschädlichkeit von Flugreisen auf. Die Bewusstseinsbildung findet auch dank Institutionen wie myclimate oder atmosfair statt, hinkt trotz starker Zuwächse dem Trend zu vieler Flugreisen aber immer noch hinterher. 

Die Zahl der Wochenendpendler nimmt stetig zu. Sind wir es selbst, die mobil sein wollen oder werden wir von der Gesellschaft dazu gedrängt?

Es werden generell immer weniger unbefristete Arbeitsverhältnisse vergeben und gerade jüngere Arbeitnehmer werden gerne mit Zeitverträgen eingestellt. Häufig erscheint es aufgrund der zeitlichen Befristung oder dem unsicheren Anstellungsverhältnis nicht sinnvoll, den Lebensmittelpunkt an den Ort des Arbeitsplatzes zu verlagern. In einigen Fällen werden auch Anstellungen bzw. Aufträge in verschiedenen Städten angenommen, die das Pendeln unerlässlich machen. Diese Flexibilisierung des Arbeitsmarktes kommt aus der Wirtschaft bzw. der Gesellschaft und die damit verbundene Mobilität ist daher gefordert und nicht frei gewählt.

Wie ist das Verhältnis zwischen der Mobilität, die wir für den Beruf aufbringen, und der Mobilität in der Freizeit?

Hier ist es interessant, eine Statisktik zu bemühen. Die MiD-Studie 2008 (Mobilität in Deutschland: http://www.mobilitaet-in-deutschland.de) zeigt deutlich, dass die Anzahl der Fahrten pro Tag in den letzten Jahren nicht nur leicht gewachsen ist. Im Durchschnitt sind das 3,4 Fahrten pro Person, was zwei Arbeitswegen und dem Weg zum Einkauf bzw. zur Freizeitaktivität entspricht. Gewachsen sind allerdings die zurückgelegten Strecken – u.a. aufgrund der Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz. Einen Einfluss haben hier auch städtebauliche Massnahmen, die oft für Einkauf oder durch Trennung von Wohnen und Arbeiten zu längeren Wegen zwingen.

In der Kommunikationsbranche ist die Entwicklung nahezu ebenso schnell vonstatten gegangen wie im Transportsektor. Mittels Internet und Telefon wäre es durchaus möglich, Verhandlungen in Videokonferenzen zu führen. Warum wird dieses Mittel bisher kaum genutzt und sehen sie eine Zukunft für soche Alternativen?

Firmen sind heute deutlich kostenbewusster und greifen daher auch vermehrt auf Alternativen zu Geschäftsreisen zurück. Neben dem finanziellen Aspekt ist hier auch der zeitliche Faktor ausschlaggebend. Die Verhandlungspartner sitzen in vielen Fällen weiter voneinander entfernt und ein persönlicher Austausch ist nicht immer möglich. Bisher werden die neuen Kommunikationstechnologien hauptsächlich in multinationalen Grosskonzernen für die Korrespondenz zwischen unterschiedlichen Standorten eingesetzt, Klein- und Mittelständischen Unternehmen fehlen oft die Ressourcen für (immer noch teure) sichere Video-Verbindungen. Eine wichtige Voraussetzung für geschäftlichen Austausch per Video ist auch das gegenseitige Vertrauen. Um dieses zunächst aufzubauen, reicht eine Videokonferenz allerdings nicht immer aus. Daher werden reale Treffen wohl auch in Zukunft notwendig sein.

Andererseits sind die jungen Generationen vertraut im Umgang mit Skype und Facebook und haben diese Medien selbstverständlich in ihre Freizeit integriert. Mit dem demographischen Wandel ist es daher gut möglich, dass auch geschäftliche Kommunikation anstelle von realen Treffen in Zukunft vermehrt über diese Kommunikationskanäle durchgeführt werden kann.

Die sekundäre Mobilität (Transport von Waren usw.) nimmt stetig zu. Warum lehnen wir uns also nicht in unseren Sessel zurück und bewegen uns weniger, wo doch alles zu uns Transportiert wird?

Prinzipiell könnten wir uns heute nach Hause beliefern lassen. Allerdings ist das von den meisten Menschen gar nicht immer erwünscht und wird auch vom (Einzel-)Handel nicht in allen Fällen unterstützt. Im Gegenteil werden Einkaufsmärkte zu Erlebniswelten ausgebaut, in denen viele Menschen auch ihre Freizeit gerne verbringen (auch dies eine Frage des Lebensstils, hier gibt es starke Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungssegmenten).

Eine Verstärkung der sekundären Mobilität ist durchaus zu beobachten, hauptsächlich aber bei der Herstellung der Waren. So hat beispielsweise ein Becher Joghurt bis er im Warenregal steht manchmal schon über 2000 Kilometer zurückgelegt. Das liegt an der Dezentralisierung der Produktion, bei der jeder Schritt an einem anderen Ort ausgeführt wird. Die letzten wenigen Kilometer von einer Lieferung anstelle eines eigenen Einkaufs beeinflussen diese Statistik dann nicht mehr merklich.

In der Gruppe der Besserverdiener gibt es durchaus ein Bewusstsein für diese Problematik und eine verstärkte Nachfrage regionaler Produkte. Gleichzeitig sind aber gerade diese Konsumenten auch interessiert an Spezialitäten aus aller Welt, mit deren Import die CO 2-Bilanz wohl wieder ähnlich aussehen dürfte, wie bei einem Normalkonsumenten.

Ist die Entwicklung zu immer grösserem Mobilitätsbedürfnis noch umzukehren? Und wenn ja, was würde die Menschen dazu bringen, sich weniger zu bewegen?

Hier muss zwischen den einzelnen Mobilitätsabereichen getrennt werden:

  1. Eine Ursache für die ausgeprägte Reisekultur ist auch der Wunsch nach einem Kontrast zur Alltagskultur. Diese Mobilität in der Freizeit drückt eine gewisse Unzufriedenheit mit der Alltagskultur aus. Wenn wir es also schaffen, das Wohlbefinden im Alltagsumfeld signifikant zu steigern und eine starke Ortsidentität zu schaffen, würde sich diese Flucht erübrigen. Zunächst ist die Möglichkeit zur Mobilität und dem Reisen an sich nichts Schlechtes. Der persönliche Austausch zwischen Menschen und Kulturen wird gefördert, der Entdeckergeist befriedigt und der Erfahrungshorizont erweitert.
  2. Ein weiterer Beitrag zu unserem Verkehrsaufkommen, das Berufspendeln, könnte zum einen durch grössere Verlässlichkeit im Anstellungsverhältnis verringert werden (s. oben). Zum anderen liegt es aber auch in den Händen der Raumplanung, Wege zu verkürzen.
  3. Bezogen auf Einkaufsverhalten ist zu hoffen, dass der Trend zu regionaleren Produkten anhält und sich auf weitere Bereiche ausweitet.

Eines der grossen Ziele muss es aber insgesamt sein, ökologisch sinnvollere Transportmittel bzw. Antriebsarten zu finden, z.B. Elektromobilität (wenn hierfür Ökostrom genutzt wird).

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Dr. Christian Hoffmann absolvierte das Studium der Psychologie in Konstanz und Osnabrück mit Schwerpunkten in Klinischer-, Umwelt- und Organisationspsychologie. Während seinen Tätigkeiten sowohl in der Wirtschaft als auch in der Wissenschaft und Lehre hat er breite Erfahrungen in den Bereichen Mobilität, umweltgerechtes Verhalten und umweltpsychologische Dienstleistungen gesammelt. Er ist Mitarbeiter am Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin. Seine Dissertation schrieb er zu Einflussfaktoren auf die Kundenbindung bei nachhaltigen Mobilitätsdienstleistungen.