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Die Formel 3V - nicht zu verwechseln mit V8 - steht für Verkehr vermeiden, verlagern und verträglich gestalten. Die Formel setzt auf unterschiedlichen Ebenen an mit dem Ziel das Bedürfnis nach Mobilität mit anderen gesellschaftlichen Zielen wie Umweltschutz oder Lebensqualität zu verbinden.

Regula Rytz, Berner Gemeinderätin

 

Wer pro Tag mindestens einmal unterwegs ist, gilt als mobil. Junge Männer sind sogar «hochmobil»: Sie legen im Schnitt 4.2 Wege pro Tag zurück. Die meisten Menschen sind Tag für Tag vom Wohnort zur Arbeit, von der Arbeit zum Sport, zum Einkaufen, zum Freizeitver gnügen unterwegs. Doch sind sie immer klug unterwegs?

Seit über 30 Jahren ist in der Schweiz die Anzahl der zurückgelegten Wege pro Person in etwa konstant (ca. 3.5 Wege pro Tag). Doch die tägliche Unterwegszeit pro Person hat zwischen 1984 und 2005 um knapp 40% zugenommen (1984: ca. 70 Minuten, 2005 knapp 100 Minuten). Und die täglich pro Person zurückgelegte Distanz hat zwischen 1984 und 2005 um rund 30% zugenommen (1984: 29.4 km, 2005: 38.4 km).

Die zwei Seiten der Mobilität
Eine Ursache dafür liegt im Ausbau der Verkehrsinfrastruktur (S-Bahnen, Bahn 2000, Ausbau Nationalstrassennetz) und den raumplanerischen Folgen: Das Zusammenwachsen der Regionen zu einem schweizerischen Arbeits- und Freizeitmarkt. So ist es heute problemlos möglich, in Bern zu wohnen und für Arbeit oder Freizeit nach Zürich zu pendeln. Diese Entwicklung hat durchaus einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen, bringt aber auch Nachteile. Sie führt zur Zersiedelung der Landschaft und zu einem Verlust an Effizienz und Lebensqualität vor allem für die Menschen, die an den grossen Mobilitätsachsen wohnen.

Immer mehr Zeit wird heute «on the road» verbracht, auf verstopften Strassen, im Stau oder in überfüllten Bahnen und Bussen. Vor allem im städtischen Raum kommt man zu Fuss oder per Velo oft schneller voran als auf vier Rädern. Das ist nicht neu. Der amerikanische Philosoph Ivan Illich rechnete bereits anfangs der 1970er-Jahre vor: «Der typische amerikanische arbeitende Mann wendet 1600 Stunden pro Jahr auf (für die Finanzierung und Pflege seines Autos, für den Weg von und zum Auto), um sich 7500 Meilen fortzubewegen: Das sind weniger als fünf Meilen pro Stunde.» Damit das zunehmende Bedürfnis nach Mobilität nicht die Bewegungs freiheit lahm legt, müssen neue Strategien gefunden werden.

Verkehr vermeiden, verlangern und verträglich gestalten
Um der Negativspirale der Mobilität zu entgehen, haben sich Stadt und Kanton Bern auf die Formel «Verkehr vermeiden, verlagern und verträglich gestalten» verpflichtet. Die drei «V» setzen auf unterschiedlichen Ebenen an und verbinden das Bedürfnis nach Mobilität mit anderen gesellschaftlichen Zielen wie Umweltschutz oder Lebensqualität.

Verkehr vermeiden:
Auf oberster Ebene setzt die Raum- und Nutzungsplanung an. Durch eine gezielte Siedlungsentwicklung soll das Wachstum an Wohnungen und Arbeitsplätzen nur noch dort ermöglicht werden, wo bereits eine gute Verkehrserschliessung und «urbane Dichte» vorhanden sind. Durch planerische Instrumente können zudem Anreize für die Vermeidung von motorisierter Mobilität geschaffen werden. In der Region Bern sind verschiedene «autoarme» Wohnsiedlungen im Bau und im Rahmen der kantonalen Richtplanung werden strenge Auflagen für die Erschliessung von neuen Arbeitsplätzen durch den öffentlichen Verkehr festgelegt (Modalsplitvorgaben und Fahrtenmodelle).

Verkehr verlagern:
Verkehr verlagern heisst, den motorisierten Individualverkehr so weit wie möglich durch umweltverträgliche Verkehrsmittel zu ersetzen. Dies lässt sich sowohl durch Anreize (pull) wie auch mit Lenkungsmassnahmen (push) erreichen. Zur «Pull-Strategie» gehören benutzerfreundliche öV-Angebote und ein attraktives Velo- und Fussverkehrsnetz. Zur «Push-Strategie» gehören eingeschränkte Routen für den motorisierten Verkehr in den Wohnquartieren oder die gezielte Parkplatzbe wirtschaftung. Sehr wichtig sind in diesem Zusammenhang leicht zugängliche Informationen über vorhandene Angebote (Mobilitätsberatung) und die Förderung der kombinierten Mobilität durch Umsteigeplattformen (zum Beispiel Bike & Ride). Wer das richtige Verkehrsmittel am richtigen Ort einsetzt, spart nicht nur Zeit, sondern auch viel Geld.

Verkehr verträglich gestalten:
Da sich nicht jeder motorisierte Verkehr vermeiden oder verlagern lässt, sind insbesondere in den Wohnquartieren Massnahmen zur Koexistenz von Mobilität und Lebensraum nötig. Zu einem «rücksichts vollen» Verkehr gehören tiefe Geschwindigkeiten in dicht bebauten Gebieten, sichere Schulwege, Begegnungszonen in den Wohnquartieren und Flanierzonen in den Zentren. Auch die Beseitigung von Hindernissen für Menschen mit eingeschränkten Bewegungs möglichkeiten ist ein grosses Bedürfnis. Die Städte können hier viele positive Praxisbeispiele vorweisen. Moderne Mobilität setzt also nicht auf möglichst viele Pferde stärken, sondern auf die kluge Verknüpfung von Kopf, Muskeln und sparsam eingesetzter Fremdenergie – die nächste Benzinpreiserhöhung kommt bestimmt!

 


Regula Rytz ist seit Januar 2005 Berner Gemeinderätin und leitet die Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün. Nach ihrer Ausbildung am Lehrerseminar Thun studierte sie and der Universität Bern Geschichte und war Zentralsekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Regula Rytz ist Mitglied des Grünen Bündnis Bern. Sie ist in der Stadt Bern meistens mit dem Velo unterwegs.