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Eine Kolumne von Peter de Haan

 

Das Wanken der Regimes in einer ganzen Reihe von erdölproduzierenden Staaten (auch die saudische Herrscherfamilie hat die Förderungsbeiträge für ihre Untertanen scheinbar spontan um acht Milliarden Dollar erhöht) durfte ich von den Skiferien aus mitverfolgen – von der Riederalp, eines jener hoch gelegenen Schweizer Skigebiete, die auch unter der Klimaerwärmung wohl noch schneesicher sein werden. Die Anreise? Natürlich vorbildlich mit dem Zug, trotz drei Kleinkindern, die ihre Skiausrüstung nicht selber tragen. Wenn man ein öV-Profi ist, geht das wunderbar: An einem solchen Grossanreisetag die Sonderzüge nehmen, nicht die regulären – weiss man einfach. Aus welchem Wagen man in Brig am schnellsten in die Unterführung und zu den überforderten MGB-Bähnli gelangt – weiss man einfach. Wo die Kinderwagen reinpassen, je nachdem, ob man IC, Dosto oder ICN fährt – weiss man einfach.

 

Wieder zuhause in einer Zürcher Agglogemeinde, einkaufen – mit dem Auto (Busse verkehren am Wochenende nur noch stündlich). Und den Hund wieder aus dem Hundeheim abholen – mit dem Auto (Hundeheime sind wohngebiets- und damit öV-fern). Und das am Samstagnachmittag via Brüttiseller Kreuz: Stau. Weiss man einfach – ich leider nicht. Die Autofahrer hinter mir verlieren die Nerven, scheren aus, überfahren Sperrflächen und Sicherheitslinien, denn 500m weiter vorne müssen sie nach rechts, der Stau ist immer nur für Linksabbieger – weiss man einfach, wenn man hier jeden Samstag steht. Mittendrin im Stau. Und mittendrin in jenem Sektor, der als einziger statt einer Reduktion eine Zunahme der Treibhausgasemissionen ausweist, in der Schweiz wie in der EU. Noch extremer ist nur der Luftverkehr. Unterwegs sein macht offensichtlich mehr Spass, als wir zuzugeben bereit sind. Dem Stau ausweichen lässt sich wohl gar als sportliche Herausforderung ins Selbstbild integrieren. Lässt sich unsere motorisierte Mobilität denn reduzieren? Eine korrekte Antwort ist, dass Mobilität unvermeidlich ist in einer arbeitsteilenden Gesellschaft. Wir sind eine solche sich ständig weiter spezialisierende Dienstleistungsgesellschaft. Ist mehr Mobilität unumgänglich für mehr Wohlstand? Es scheint so, trotz aller Raum- und Verkehrsplanung, welche zwar zum massiven Ausbau der Zürcher S-Bahn geführt hat, den Strassenverkehr aber nicht reduzieren konnte.

Aber mein Stau ist ja am Samstagnachmittag. Sind das alles arbeitsteilende Dienstleister? Nein, es ist die nahe Einkaufsmeile, welche das Autobahnkreuz lahm legt. Die Linksabbieger wollen in die Ikea, das machen sie nämlich jeden Samstag, und profitieren vom günstigen Kaffee für nur einen Franken (ein Stück Schwedentorte dazu? Nur zwei Franken!). Bereits entfallen zwei Drittel aller Wege auf den Freizeitverkehr. Wir haben also die tragische Situation, dass die Umweltverbände, welche doch den einen oder anderen Einkaufstempel auf der grünen Wiese zu verhindern wussten, damit die Funktionsfähigkeit der entsprechenden Autobahnabschnitte gewährleistet haben. Dort, wo Einkaufsmeilenverkehr, lokaler Stadtverkehr und der Langstreckenverkehr alle den gleichen Autobahnabschnitt verwenden möchten, sehen wir hingegen den Kollaps. Was also tun? Mobilität muss teurer werden. Die Erhöhung wird wohl höher sein müssen als was wir unter «externe Kosten des Verkehrs» im engeren Sinne (Unfälle, Auswirkungen auf Umwelt, Tier- und Humangesundheit) verstehen. Ohnehin lassen sich die Kosten des Klimawandels schlecht monetarisieren: Wenn 100 Mio. Menschen, die von weniger als 1 USD pro Tag leben, ihre Heimat verlassen müssen, verursacht das «Schäden» von läppischen 0.365 Mrd. USD pro Jahr. Was sich nicht monetarisieren lässt, lässt sich auch nicht internalisieren, die Verteuerung der Mobilität muss stattdessen so ausgerichtet sein, dass sich das Mobilitätsverhalten ändert. Im Gleichschritt müssten auch die Tarife des Öffentlichen Verkehrs angehoben werden.

Was passiert, wenn man die Treibstoffpreise verdoppelt? In den Medien gäbe das viel Aufregung, auf den Strassen nicht. Die Treibstoffkosten machen aktuell ca. 15% der Kilometerkosten aus, nachher wären es dann also 30%. Wenn man beim Neuwagenkauf den effizientesten Motor wählt, kann man die Treibstoffkosten aber wiederum nahezu halbieren. Der Verkehr wird damit zwar deutlich energie- effizienter, mengenmässig jedoch gar nicht so stark abnehmen. Aber vielleicht reicht es ja, um Freizeitfahrten mit geringer Wertschöpfung, wie die Einfrankenkaffeefahrten, zu reduzieren.

Wenn die höheren Dieselpreise auch noch bewirken, dass auf der Riederalp nicht mehr jeder Quadratmeter Piste jede Nacht planiert wird, wäre mir das auch recht (PistenBully 600W: 12.8 Liter Hubraum, 400 PS, Tankvolumen 220 Liter Diesel für 4–5 Stunden Einsatz). Um das zu feiern, wäre ein Einfrankenkaffee im nahegelegenen Einrichtungshaus gerade richtig.