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Nachhaltigkeitspionier Albin Kälin spricht mit uns über Vorteile und Anwendung des Cradle to Cradle (C2C)-Ansatzes im Produktionsdesign.

Albin Kälin im Interview mit Lukas Egetemayer

 

SEHR GEEHRTER HERR KÄLIN, WAS IST «CRADLE TO CRADLE (C2C)», UND WAS IST ES NICHT?

"Cradle to Cradle® ist ein Denken in Kreisläufen. Man sollte nur Produkte erzeugen, deren Materialien so definiert sind, dass sie für biologische oder technische Kreisläufe sicher sind. Wir dürfen keine Rohstoffe verlieren, geschweige denn vernichten und insbesondere die Qualität der Rohstoffe muss erhalten bleiben, nichts darf jemals Abfall werden. Das bedingt, dass wir auch ein anderes Wirtschaften gestalten müssen.

c2c   
Die zwei Arten von Cradle to Cradle 

Die Philosophie besteht darin, dass Abfall gar nicht existiert. Wir reden nicht einmal von Abfall, wir reden von Nährstoffen. Biologischen Nährstoffen oder technischen Nährstoffen. Da stellen sich neue Herausforderungen in allem: Design, Engineering, Produktion, Marketing, Vertrieb, Kommunikation. Wenn Rohstoffe sich in ewigen Kreisläufen bewegen, dann müssen die Produkte nachihrer Verwendung vom Konsumenten zurückkommen. Sonst gehen sie für den Kreislauf verloren.

Wie schwierig es für ein Unternehmen ist, in direkten Dialog mit den Konsumenten zu treten, das wissen wir alle. Es erweist sich, dass Cradle to Cradle® somit auch die Unternehmenskommunikation ändert. Das Unternehmen wird eine andere Partnerschaft eingehen mit den Kunden, weil man wissen muss, wohin die Produkte verkauft werden. Und von den Lieferanten muss man wissen, welche Inhaltstoffe sie in ein Produkt verarbeiten.

Wenn man in Kreisläufen denkt und sein eigenes Produkt zum Wiederverwerten zurück erhält, dann muss man nicht mehr unbedingt den billigsten Rohstoff einsetzen, sondern kann jenen verwenden, der sich am besten für Kreislaufwirtschaft eignet und die Qualität über mehrere Leben beibehält.

Es geht nicht darum, die Chemie rauszukriegen. Das ist genau der Punkt. Wir müssen die richtige Chemie einsetzen. Also Chemie, die für Mensch und Umwelt, für biologische und technische Systeme sicher ist. Wenn eine Substanz sicher ist für ein biologisches System, dann ist es richtig. Dann ist es vereint mit der Natur. Dann braucht es theoretisch keine Regulierungen mehr. Wir alle sind erzogen worden, immer das Negative in den Vordergrund zu rücken, und das ist genau das Interessante an Cradle to Cradle®. Es ist positiv definiert. Zudem sind wir alle erzogen worden, linear zu denken statt in Kreisläufen."

HAT C2C DAS POTENTIAL, UNSERE WEGWERFGESELLSCHAFT ZU RETTEN? WO LIEGEN DIE GRENZEN DES ANSATZES?

"Das Herausragende an Cradle to Cradle® ist, dass man plötzlich verschwenderisch sein kann. Stoffe werden in Kreisläufen geführt, also kann man nach Lust und Laune damit umgehen, es kommt immer wieder zurück und es richtet keinen Schaden an, weil es positiv definiert ist und die Rohstoffqualität hoch bleibt.

Das Potential dafür, dass wir den Paradigmenwandel schaffen und die Wertigkeit unserer Rohstoffe für immer erhalten, ist da. Ob uns die Zeit dazu bleibt, ist jedoch fraglich: wir müssen es bald schaffen.

Die Stoffströme müssen vernetzt gesehen, die ganze Lieferkette systemisch betrachtet werden. Es genügt eben nicht, nur einen Partner zu überzeugen,man braucht die ganze Kette. Die Vernetzung der Partner ist komplex. In einem Produkt vereinen sich oft über ein Dutzend und mehr Unternehmen, die in der gleichen Konzeption arbeiten müssen. Der Handel und der Konsument müssen mit einbezogen werden. Es gibt schon erfolgreiche Beispiele in über 80 Industrien. Wir stehen aber trotzdem am Anfang."

DIE GRUNDIDEE SCHEINT EINLEUCHTEND. WARUM HAT SICH EINE BERÜCKSICHTIGUNG DER C2C-PRINZIPIEN BISHER NICHT STÄRKER DURCHGESETZT?

"In Kalifornien, einem ganzen Bundesstaat der USA! Mit Holland in einem ganzen Land! Sie haben sich dem C2C-Gedanken verschrieben und das kann man durchaus eine gewaltige Bewegung nennen. In Holland hat die Regierung entschieden, ihre Einkaufsrichtlinien, und da geht es um 40 Mrd. Euro, so zu verändern, dass Cradle to Cradle®-Produkte bevorzugt werden. Wir lernen aus diesen Erfahrungen, dass wir jedoch ganz schnell in die Situation kommen, wo wir wirklich etwas Wesentliches verändern müssen, weil die Probleme immer unkontrollierbarer auf uns zu rollen. Wir müssen das Umdenken beginnen, insbesondere unseren Kindern zuliebe.

Die Notwendigkeit, Veränderungen zu erkennen und zuzulassen, war schon immer eines der Kernprobleme der Menschen. Die nahe Geschichte lehrt uns jedoch, dass Umkehrungen unverhofft plötzlich und mit viel Macht geschehen können - never give up!"

kaelin

Albin Kälin hat mit der textilen Produktlinie Climatex® 1993 in Zusammenarbeit mit Professor Michael Braungart das weltweit erste Produkt nach dem Cradle to Cradle®-Konzept entwickelt. Heute arbeitet er als CEO einer international tätigen Forschungsfirma daran, das Konzept in alle Industriezweige zu tragen. Albin Kälin hat mit der textilen Produktlinie Climatex® 1993 in Zusammenarbeit mit Professor Michael Braungart das weltweit erste Produkt nach dem Cradle to Cradle®-Konzept entwickelt. Heute arbeitet er als CEO einer international tätigen Forschungs- firma daran, das Konzept in alle Industriezweige zu tragen.

 

SIE FÜHREN C2C-DESIGNPROJEKTE DURCH. WIE GEHEN SIE EINEN AUFTRAG AN, UND WELCHE KOMPETENZEN BRAUCHT ES IN IHREM TEAM?

"Einerseits werden wir direkt von potentiellen Kunden angesprochen oder wir gehen strategisch auf spezifische Kunden zu. Projekte zu akquirieren ist in der heutigen Zeit nicht einfach, insbesondere, wenn die Unternehmen die Kosten selber tragen müssen. Unsere Projekte werden in der Regel nicht gefördert, weil es für unsere Kunden zentral ist, dass das «geistige Eigentum» bei den Unternehmen bleiben kann. Die EPEA Internationale Umweltforschung in Hamburg betreut Projekte auf der ganzen Welt, EPEA Switzerland ist im Alpenraum tätig, sowie in der Textilindustrie weltweit.

Es geht in unseren Projekten vorwiegend darum, die Industrie so zu verändern, dass die produzierten Produkte eine neue Qualitätsdimension erhalten, wobei die Rohstoffqualität erhalten bleibt. Hierzu benötigen wir einerseits spezielle Kompetenzen, für die wir Wissenschaftler engagieren, sowie andererseits die Kenntnis der Praxis, die erfahrene Industriemanager einbringen. Neben den Praktikern sind Chemiker, Biologen, Physiker, Umweltingenieure, und teilweise auch Designer, Soziologen und Architekten für uns tätig.

Die Chancen sind auf den ersten Blick oft schwierig zu erkennen, weil es ein Denken in Kreisläufen erfordert. Man muss sehr früh in einem Prozess an das Ganze denken. Wenn man aber diese vermeintliche Komplexität überwunden hat, dann wird vieles einfacher - und meistens stellen sich dann plötzlich die Erfolge ein. Insbesondere bei der Produktqualität und bei der Wirtschaftlichkeit kommt man zu beeindruckenden Ergebnissen."

EINE FRAGE, DIE UNS IM HEFT STARK BESCHÄFTIGT, IST DIE NACH C2C-GESCHÄFTSMODELLEN. SIND C2C-PRODUKTE TENDENZIELL LANGLEBIGER UND / ODER GÜNSTIGER IN DER HERSTELLUNG? EIN MODULARER AUFBAU DER PRODUKTE, MIT AUSWECHSELBAREN VERBRAUCHS- ODER DESIGNKOMPONENTEN, SCHIENE MIR NAHELIEGEND, IST ABER BISHER EHER NICHT IM FOKUS DER PRODUKTDESIGNER. SPÜLT EINE SERVICEKOMPONENTE DAS GELD IN DIE KASSEN? ODER BEZAHLEN DIE KUNDEN VON SICH AUS EINEN AUFPREIS?

"Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sind die Produkte meistens kostengünstiger, da wir oft auch in die Prozessstruktur eingreifen und diese verschlankt oder teilweise weggelassen werden können. Jeder Kunde wählt seinen Weg der Vermarktung. In den Projekten generieren wir Know-How in den Firmen, das in neue Entwicklungen Eingang findet. Daraus entstehen Konzepte, die neue Geschäftsmodelle erfordern, neue Prozessmodule oder Produktsegmente. Der Trend geht aber klar vom Produktverkauf zu Dienstleistungskonzepten. Eine Transformation der Industrie. Spannend und fordernd sind deshalb alle Projekte.

Durch die Differenzierung im Markt steigern die Kunden ihre Chancen. Sie achten weniger darauf, wie man am meisten Gewinn generiert, als den heutigen, grossen Umwälzungen auf den Märkten, mit neuen Lösungen – vor allem Servicedienstleistungen – entgegen zu treten. Die Firma Backhausen zum Beispiel verlangt 2% mehr für die Produkte, gibt aber eine Rücknahmegarantie, und beim erneuten Kauf nach der Rücknahme erhält der Kunde 5% Rabatt."

WIE SIND SIE PERSÖNLICH ZU DEM THEMA GEKOMMEN?

"Als ehemaliger Geschäftsführer eines Textilunternehmens in der Schweiz habe ich die Grenzen der Wirtschaft, der Umwelt und der sozialen Faktoren erkannt und bereits Ende der 80er Jahre neue Managementansätze entwickelt, wie Oeko-Oeko im Gleichgewicht, ökologische Buchhaltungssysteme, Regenwassersammlung, Dachbegrünung, Schwingungsreduzierungen, etc.

Es ging dort um das Überleben des Unternehmens, eine Problemstellung, die heute als Fallstudie im Unterricht des IMD in Lausanne genutzt wird (unter dem Titel «Surviving the impossible, leveraging sustainability»). Mit den üblichen Konzepten war dies nicht zu schaffen. Dann traf ich Anfang der 90er Jahre Professor Michael Braungart und William McDonough und wir entwickelten das erste Cradle to Cradle®-Produkt. Dies hat mein Leben verändert."

AUCH HIER IM ERGEBNIS EIN NÄHRSTOFF, MIT PÄDAGOGISCHEM WERT SOZUSAGEN. HERZLICHEN DANK FÜR DAS GESPRÄCH.

 

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