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"Eco" ist sexy! Eco-Drive, Eco-Tourism, Eco-House... Eco-Design! Doch was bedeutet es wirklich, sich beim Design dem "Eco" zu widmen? Ein Bericht über den ökologischen Entwurf eines Holzstuhles: ECODESIGN!

Pascal Hendrickx, Master-Student Architektur ETH Zürich

 

Ein schweizer Klassiker eines Stuhls, wie er in mancher Dorfbeiz steht, ein neuerer Designer-Stuhl sowie ein preisgünstiger Stuhl aus Massenproduktion. Alle drei Stühle sind Holzstühle. Alle drei haben vier Beine, eine Sitzfläche und eine Rückenlehne. Auf allen dreien sitzt man. Sind also alle drei einfach Holzstühle und betreffend ihrer Nachhaltigkeit an den selben Kriterien messbar?

Eine nähere Betrachtung der Gegenüberstellung dieser drei Referenzen zeigt schon schnell die Komplexität einer effektiven Beurteilung von «Nachhaltigkeit» eines Gegenstandes. Das preisgünstige Massenprodukt des populären Möbelhauses aus dem hohen Norden kennen viele von uns, es steht wohl in der einen oder anderen Küche einer Studenten-WG. Doch über die Zeit in einer Studenten-WG hinaus wird dieses Möbelstück die wenigsten begleiten. Und noch unwahrscheinlicher während dreissig Jahren. Das Klassiker-Modell erreicht eine solche Lebensdauer in einer Hotellobby oder bei einer Familie zuhause viel wahrscheinlicher (mit allfälligem Abschleifen und Auffrischen der Lackierung). Aber wer würde schon einen zwanzigfränkigen Ikea-Stuhl abschleifen und neu lackieren? Wie bereits erwähnt haben alle drei besprochenen Modelle auf den ersten Blick ähnliche äussere Merkmale. Und doch sprechen sie komplett andere Nutzerbedürfnisse an. Entsprechend unterscheiden sie sich stark in ihrer vorgesehenen Lebensdauer. Somit auch in ihren Anforderungen an Reparaturfähigkeit. Ein Modell wurde aus Vollholz bester Qualität gefertigt. Das andere aus Produkten wiederverwerteter Holzabfälle. Ein Modell wird weltweit ransportiert und verkauft. Ein anderes nur lokal. Der eine Stuhl ist handgemacht. Der andere nicht. Etc. Der Stuhl, ein einziges Produkt – und doch gibt es unterschiedlichste Nutzungsanforderungen an ihn.

Die Summer School for Sustainability der ETH widmete sich im Sommer 2011 dem Thema «All Just Rubbish?». Im Fokus standen Aspekte wie Abfall, Produktlebenszyklen und nachhaltiges Produktdesign. Dabei wurde im Rahmen von Workshops das ökologische Produktdesign auch angewandt, unter anderem am Beispiel eines Holzstuhls. Es trafen sich 30 Studierende und Doktorierende der ETH sowie ausländischer Universitäten mit unterschiedlichster Herkunft: geographisch als auch fachlich. So diskutierten, analysierten und entwarfen u.a. Studenten des Produktdesigns, verschiedener Ingenieurwissenschaften, der Architektur und Ökonomie während drei Wochen miteinander. In einer ersten Woche wurde Wissen über Materialflüsse, Prozesse der Abfallentsorgung, Lebenszyklusanalysen, «grünes» Produktdesign und Biomimetik ausgetauscht und vermittelt.

Anschliessend wurde das gesammelte Wissen während zwei Wochen in einem von drei Workshops in die Praxis umgesetzt. Einer der Workshops befasste sich mit dem ökologischen Design eines Holzstuhls. Im Rahmen dieses Workshops suchten wir ausgehend von den drei anfangs erwähnten Referenzstühlen nach Optimierungen und Alternativen hinsichtlich der verwendeten Materialien und Komponenten, als auch der entwerferischen Konzeption.

hendrickx

Pascal Hendrickx Master-Student in Architektur an der ETH Zürich, nahm an der Summer School 2011 zum Thema „All Just Rubbish?“ teil. In seiner Gruppe befassten sie sich mit dem Thema „Wooden Furniture“ und tüftelten an einem Konzept für nachhal- tige Holzstühle. Pascal Hendrickx Master-Student in Architektur an der ETH Zürich, nahm an der Summer School 2011 zum Thema „All Just Rubbish?“ teil. In seiner Gruppe befassten sie sich mit dem Thema „Wooden Furniture“ und tüftelten an einem Konzept für nachhal- tige Holzstühle.

 

In einem ersten Schritt «sezierten» wir die Referenzstühle. Eine Zerlegung in Einzelteile sollte Aufschluss geben über die Konstruktion des Stuhls, die Art und Anzahl der Komponenten. Wir zählten Schrauben und eruierten verwendete Materialien. Ebenso wurden die Teile auf ihre Möglichkeiten der materiellen Trennung und Demontage geprüft. Wir untersuchten alternative Holzwerkstoffe und verglichen deren Stabilität, Bearbeitbarkeit, Haptik, Ästhetik und natürlich Umweltverträglichkeit.

Im Anschluss an die kollektive Analyse der erhaltenen Referenzstühle wurde eine Serie von Projekten in kleineren Teams weiterverfolgt. Entsprechend des Mixes unterschiedlicher fachlicher Kompetenzen der Teilnehmenden entstanden in kurzgefasster aber intensiver Arbeit Studien, welche sich mit Eco-Design auf ebenso unterschiedlichen Ebenen der praktischen Anwendung befassten.

Mehrere Studien untersuchten Möglichkeiten zur materialsparenden Produktion der Stuhlbestandteile. So wurde unter anderem ein modulares Stuhl-Design entwickelt, dessen Produktion der Komponenten möglichst wenig Holzverschnitt anfallen lässt. Ebenfalls im Fokus stand das Anstreben optimierter Transportfähigkeit durch kompakteste Packform und eine simple Montage. Eines der Designs untersuchte ausserdem das Potential der Verwertung von Holzabfällen zur Herstellung der Stuhl-Komponenten, indem diese aus Holzspänen gegossen werden analog Spanplatten. Durch Giessen gleich in die benötigte Form wird aufwendiges CNC-Fräsen erspart sowie kein Restabfall produziert. Hierzu wurde mit Bioharz experimentiert. Eine weitere Konzept-Studie widmete sich der emotionalen Bindung zu Produkten. Wie kann in der durch kurzlebigen Konsum geprägten Wegwerfgesellschaft die emotionale Bindung zu Gegenständen erhöht und somit deren Lebenszyklus verlängert werden? Hierzu wurde ein Vermarktungsszenario sowie eine Informationsdienstleistung für einen Stuhl entworfen.

Wir erkannten zwei Ebenen der Nachhaltigkeitsbetrachtung. Einerseits eine konzeptionelle, welche sich auf die Art der Nutzung und daraus folgende Objekt-Eigenschaften bezieht. Hierbei stellen sich u.a. die Fragen: Soll das Objekt einer kurzen oder langen Nutzungsdauer genügen? Wird es lokal, regional oder global vermarktet? Soll der Gebrauchsgegenstand nach Ablauf seiner eigentlichen Lebensdauer primär in seinen Materialien gut rezyklierbar sein oder als Ganzes renoviert und für eine weitere Periode fit gemacht werden können? Oder soll er gar kompostiert werden können? Den «Fünfer und 's Weggli» gibt es bekanntlich selten. Dies ist auch beim Design und insbesondere Eco-Design meist nicht anders. Beim Definieren der Anforderungen an ein Produkt gibt es nebst vielen Abhängigkeiten auch Unvereinbarkeiten und daraus folgende Kompromisse zu erkennen. Eine zweite Ebene ist andererseits die rechnerische Betrachtung der Umweltverträglichkeit eines Gegenstandes. Anders als die eben angesprochene konzeptionelle Ebene beruht diese nicht auf subjektiven Wertungen, sondern auf Zahlen, harten Fakten. Eine aussagekräftige Wertung beruht auf einer gesamtheitlichen Betrachtung des Produktlebenszyklus. Im Bezug auf den Holzstuhl macht dessen Produktion in der Fabrik nur einen beschränkten Anteil an Emissionen aus. So weitet sich die Betrachtung der verwendeten Materialmengen und Produktions-Energie auf die Fragen der Herkunft der Materialen und Energie aus. Ist das Holz lokal oder importiert? Wie wurde es aufgeforstet? Werden die Maschinen mit Solarstrom oder Atomstrom betrieben? Ebenso gilt es zu beantworten, in welchem Radius ein Produkt vertrieben wird und mit welcher Art Fahrzeug und Verpackungsmaterial es transportiert wird, um nur einen vieler weiterer Aspekte zu nennen. Eine Belegung der eben genannten Faktoren eines Produktes mit Zahlen lässt die Produktlebenszyklus-Analyse schnell an Komplexität anwachsen. Nebst einem nicht lückenlosen Vorliegen der Zahlen und der Unsicherheit angenommener Werte lässt ebenfalls die Wahl der Bewertungsmethode und der Gewichtung einzelner Faktoren dieses Verfahren Grenzen erreichen. Eine absolute und gesamtheitliche Bewertung gibt es nicht. Weder der drei Refrenzmodelle noch unseres eigenen Entwurfs. Dies mussten auch wir Teilnehmer des Wooden Furniture Workshops erkennen.

Doch obwohl unser anfänglicher Enthusiasmus für Eco-Design während des Workshops von einer gewissen Ernüchterung über die Komplexität eingeholt worden ist, ist er ihr keineswegs gewichen! Wie klar wurde, dass es für nachhaltiges Design kein Kochbuch-Rezept gibt, wurde ebenso klar, dass wir uns weiterhin mit Enthusiasmus und Seriosität dem nachhaltigen Design widmen werden, so dass der Begriff «Eco» auch künftig nicht lediglich auf ein Marketinginstrument und Garanten für den «ECOnomic benefit» von Eco-Design-Produkten reduziert wird!

holzstuhl

 

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