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Wie entsteht ein Nachhaltiges Stück Stadt? Ein Projekt an der Züricher Kalkbreite zeigt uns, wie Ecodesign im Raum funktioniert.

Annina Coradi, PhD-Studentin ETH Zürich

 

Heute lebt und verbraucht ein durchschnittlicher Schweizer Bürger Rohstoffkapazitäten in der Menge, als würde ihm die Erde vier Mal zur Verfügung stehen. Es ist offensichtlich, dass ein solch hoher Ressourcenverbrauch längerfristig nicht tragbar ist. Die Divergenz immer knapper werdender Ressourcen und ständig steigender Nachfrage macht es notwendig, unsere Lebensweise zu reflektieren. Wie sieht die zukunftsfähige Stadt aus? Wie werden wir wohnen und leben? Möglicherweise gelingt es uns in den nächsten 100 Jahren, mittels Space Mining die nötigen Ressourcen auf dem Mars zu beschaffen und damit eine unersättliche Menge an Ressourcen zu decken. Oder können wir uns auf eine baldige, globale Energiewende verlassen? Beides enorm ressourcen- und technologieintensive Lösungsansätze. Eine andere Möglichkeit, unsere Lebensweise nachhaltig auszugestalten, welche uns auch bereits heute zur Verfügung steht, ist das systemorientierte Konzept: Ecodesign. Insbesondere sollten die Entwicklungen von urbanen Lebensräumen analysiert werden. Das Ergebnis einer Studie (Global-City-Index), die das US-amerikanische Beratungsunternehmen A.T. Kearny zusammen mit dem Magazin Foreign Policies erstellt hat, zeigt, dass seit kurzem mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt. Daher «ist deren Einfluss auf die Entwicklung unseres Planeten gross wie nie zuvor», sagen die Verantwortlichen der Studie. Hinzu kommt, dass der Pro-Kopf-Energieverbrauch eines Städters überdurchschnittlich hoch ist. Damit wird noch deutlicher, dass urbane Lebensräume nachhaltig designt werden sollten. DasKonzept des Ecodesigns zielt auf eine dynamische, holistische Ausgestaltung der Räume ab und entwickelte diese gleichermassen vor den Hintergründen der Gesellschaft, Kultur, Umwelt und Wirtschaft. Voraussetzung ist, dass Räume so exakt als möglich untersucht und verstanden werden. Wie werden Räume belebt und bewirtschaftet? Was sind die Erwartungen der Menschen an ihre Lebensräume? Was sind ihre Bedürfnisse? Das ist die Grundlage für gutes Ecodesign im Raum. Ein Pilotprojekt auf dem Kalkbreite-Areal in der Stadt Zürich (Global-City-Index: Rang 24) zeigt modellhaft, wie das Konzept von Ecodesign operationalisiert werden kann.

WOHNEN AUF DEM TRAMDEPOT

Zwischen Badenerstrasse, Kalkbreitestrasse und der Zugschneise am Seebahngraben bildet die Stadt Zürich eine städtebauliche Lücke: Das Kalkbreite-Areal. Die Kalkbreite, Fläche einer Tramabstellanlage aus dem 19.Jh, wird von den Quartierbewohnern als Lebensraum mit Potenzial wahrgenommen. Zwei übergeordnete Trends im städtischen Raum geben schliesslich Anlass zur Gründung einer Bottom-up Bewegung: Einerseits der äusserst angespannte und hochspekulative Wohnungsmarkt der Stadt Zürich, andererseits eine gesellschaftliche Bewegung, welche den nachhaltigen und bewussten Lebensstil ins Zentrum stellt. Aus dem Bedürfnis heraus, langfristig günstigen Wohn- und Lebensraum zu sichern und diesen nachhaltig auszugestalten, beginnen die Kalkbreit'ler, ihr Pilotprojekt aufzubauen. Die Gleisanlage der Kalkbreite wird überdacht, wodurch eine 2500 m2 grosse Terrasse entsteht. Auf dem Areal hat es gleichzeitig Platz genug, um eine sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltige Gewerbe- und Wohnsiedlung für fast 500 Personen zu errichten, welche den Ansprüchen des Ecodesigns gerecht wird:

  1. Das ökologische Bauwerk geht nachhaltig mit Dichte, Fläche und Ressourcen um.
  2. Die Lebenszyklusbetrachtungsweise internalisiert sämtliche Kosten, unter Einbezug aller Phasen – Planung, Realisation und Nutzung.
  3. Die soziale und stabile Einheit garantiert eine Nutzungsmischung und -vielfalt.

PHYSISCHE UND METAPHYSISCHE ZIELKONFLIKTE

Als Pilotprojekt im Bereich Ecodesign gleicht die Kalkbreite einem Versuchs-
labor, bei welchem es vorderhand darum geht, die Ziele und Zielkonflikte herauszukristallisieren. In aufwändigen partizipativen Verfahren unter Beteiligung von fast 50 GenossenschafterInnen wurden von 2010 bis 2011 geeignete Mittel definiert und Spannungsfelder herausgearbeitet. Durch ein ökologisches und soziales Monitoring soll es gelingen, schliesslich ein nachhaltiges Stück Stadt zu planen, zu bauen und zu bewohnen.

  1. DER NACHHALTIGE UMGANG MIT DICHTE, FLÄCHE UND RESSOURCEN 35 m2: Die Kalkbreite begrenzt den Verbrauch von Wohnfläche auf durchschnittlich 35m2 pro Person. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person beträgt in der Stadt Zürich ansonsten 54m2. Damit erhöht die Kalkbreite zugleich Wohndichte und reduziert den Verbrauch an Fläche und Ressourcen. Um das zu erreichen, konzipiert die Kalkbreite einen überdurchschnittlichen Anteil grosser Wohnungen, welcher von vielen Personen und somit effizienter bewohnt werden kann. Zudem stehen weniger häufig genutzte Räume wie Büroarbeitsplätze und Gästezimmer als gemeinschaftliche Räume vielen Personen zur Verfügung.
    2000 WATT: Die Kalkbreite hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur baulich
    die Voraussetzungen für die 2000-Watt-Gesellschaft zu schaffen, sondern den Energieverbrauch auch im Betrieb stark zu reduzieren und die Mieter auf einen schonenden Umgang mit Ressourcen zu verpflichten. Das Gebäude wird nach Mingergie-P-Eco-Standard erstellt und benötigt nur wenig zugeführte Wärme, die durch eine Grundwasser-Wärmepumpe erzeugt wird.
    AUTOFREI: Durch die zentrale Lage und optimale Anbindung an den öffentlichen Verkehr mit Tram, Bus und Zug vor der Haustüre, hat die Kalkbreite die besten Voraussetzungen für eine autofreie Siedlung. Anstelle einer Tiefgarage werden im Neubau über 300 Veloabstellplätze erstellt. Die Bewohner müssen auf einen Privatwagen verzichten, die an der Kalkbreite Arbeitenden auf das Auto für den Arbeitsweg.
     
  2. DER SYSTEMATISCHE ZUSAMMENZUG VON PLANEN, BAUEN, WOHNEN PARTIZIPATION & BEDIENUNGSANLEITUNG: Die nachhaltige Entwicklung eines Lebensraumes erfordert die Integration sämtlicher Handlungsfelder in den Gestaltungsprozess. Das Pilotprojekt der Kalkbreite sieht deshalb vor, die Systemgrenzen weit um die Planung, Realisation, den Bau und die Nutzung zu ziehen und sämtliche Akteure in die Entwicklungsprozesse einzubinden. Kalkbreit'ler erhalten regelmässig die Chance, sich am Planungsprozess zu beteiligen. Die Partizipation erhöht die Qualität des Projektes, indem vielfältige Ideen und Vorschläge einfliessen können und die Planungen dem kritischen Blick potenzieller Nutzer ausgesetzt werden. Partizipation fördert zugleich die Identifikation der Mieter mit dem Ort und ihr Engagement im Projekt. Innerhalb eines partizipativen Verfahrens wird eine Bedienungsanleitung für die nicht-privaten Räume und Bereiche des künftigen Betriebs erstellt.
  3. DIE GEGENÜBERSTELLUNG EINER LIBERALEN GESELLSCHAFT MIT RATIONIERUNG
    DAS MODELL DER GENOSSENSCHAFT: Ein ecodesigntes Stück Stadt kann nur dann längerfristig erfolgreich sein, wenn keine Einschränkungen in der Lebensqualität und individuellen Freiheit gemacht werden. Wird ein nachhaltiger Lebensraum so konzipiert, dass keine unfreiwilligen Rationierungen stattfinden, kann er gesellschaftliche Stabilität und Status garantieren. Hierfür bietet sich das Modell der Genossenschaft an, welches die idealen Vorstellungen einer liberalen Gesellschaft vertritt und ein demokratisches Grundelement darstellt. Interessierte können jederzeit der Genossenschaft Kalkbreite beitreten - respektive austreten - und innerhalb ihrer Mitgliedschaft die Ziele des Projektes festlegen und ändern.

coradi

Annina Coradi ist PhD-Studentin am MTEC, am Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement. Sie hat ihre Masterarbeit ihre Masterarbeit über Sustainable City Design geschrieben, welche an der Universität Tokyo im Rahmen der Alliance for Global Sustainability präsentiert worden ist. 2011 war sie Mitglied der Nutzungs- und Betriebskommission Kalkbreite und entwickelte ein eigenes Sustainable City Project: Reclaim the Streets by the Kids. Annina Coradi ist PhD-Studentin am MTEC, am Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement. Sie hat ihre Masterar- beit ihre Masterarbeit über Sustainable City Design geschrieben, welche an der Universität Tokyo im Rahmen der Alliance for Global Sustainability präsentiert worden ist. 2011 war sie Mitglied der Nutzungs- und Betriebskommission Kalkbreite und entwi- ckelte ein eigenes Sustainable City Project: Reclaim the Streets by the Kids.

 

 

EIN ZUSAMMENSPIEL VON GEBÄUDE UND MENSCH

Die Gewerbe- und Wohnsiedlung Kalkbreite kann das zukünftige Modell eines ecodesignten Stücks Stadt sein. Gelingt es der Kalkbreite, im partizipativen Verfahren die sozialen, ökonomischen und ökologischen Ziele der Nachhaltigkeit umzusetzen, kann sie vielseitigen Nutzungs- und Lebensraum kreieren und diesen längerfristig sichern. Damit setzt die Kalkbreite als erfolgreiches Pilotprojekt Anreize, um weitere Teile der Stadt mit dem Konzept des Ecodesigns auszugestalten. Nichtsdestotrotz liefert die Kalkbreite kein allgemeingültiges Patentrezept, so muss jeder Raum bezüglich seinen Voraussetzungen und Anforderungen ausgestaltet werden. Generell stehen intensive Diskussionen mit sämtlichen Akteuren im Zentrum eines nachhaltigen Projektes, um vielseitige Kontexte einzubinden: Planer, Architekten, zukünftige Bewohner sollten sich zusammen an den runden Tisch setzen. Erkenntnisse aus solchen Diskussionen sollten idealerweise in prozessorientierten Raumkonstellationen resultieren. Die baulichen Massnahmen prägen zu 20% die nachhaltige Ausgestaltung unseres Lebensraums. Und die Ergebnisse der partizipativen Gespräche sollte man ebenso in den sozialen Entscheidungen wiederfinden, da die restlichen 80% unseres Lebensraums durch soziale Elemente wie Identifikation, Engagement, Partizipation und Spass des Menschen definiert sind.

kalkbreite

 

by-nc-sa

QUELLEN:

  1. www.ecodesign.at
  2. www.steelcase.com
  3. Uphaus, N. (ed.) und Roth, M. (ed.), (2008). Ecological Design. Kempten: te-Neues.
  4. www.civiltwilightcollective.com
  5. Fuad-Luke, A. (2002). Handbuch ökologisches Design. Möbel, Objekte, Geräte, Materialien, Adressen. Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag.
  6. Bruntland, G. (ed.), (1987), Our common future: The World Commission on Environment and Development. Oxford: Oxford University Press.
  7. Abele, E., Anderl, R., Birkhofer, H. und Rüttinger, B., (Hrsg.), (2008). EcoDesign. Von der Theorie in die Praxis. Berlin Heidelberg: Springer Verlag.
  8. Wimmer, W., Mo Lee, K., Quella, F. und Polak, J. (2010). ECODESIGN - The Competitive Advantage. Dordrecht Heidelberg London New York: Springer.