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Ein Kolumne von Samuel Leder

 

Kennen Sie die grünen Mäntelchen, die man seit einiger Zeit überall antrifft? Die sind gut fürs Image. FSC-Papier, Baumpflanzaktionen, Solarzellen auf Tankstellendächern und Öko-Halogen-Lampen werden als „umweltfreundlich" bezeichnet. Zusammenfassen lässt sich das ganze unter dem Begriff „Ökoeffizienz": Umweltschädliche Dinge ein bisschen weniger umweltschädlich machen (und dann darüber reden...).

LÖSUNG FÜR KNAPPHEITSPROBLEME?

Michael Braungart hat in seinem Buch „Cradle to Cradle" den Begriff der Ökoeffektivität geprägt, bewusst als Gegenthese zur Ökoeffizienz (auch wenn die von ihm gefeierten umweltverträglichen Flugzeug(!)sitzbezüge eigentlich genau der Logik der Ökoeffizienz entsprechen) – statt den Rohstoffverbrauch zu reduzieren, schlägt er vor, nur noch rezyklierbare Stoffe zu verwenden. Bei flächendeckender Anwendung dieses Konzeptes gäbe es keinen Abfall mehr – und der bisher durch die ohstoffknappheit eingeschränkte wirtschaftliche Sekundärsektor könnte unbegrenzt weiterwachsen. Die elegante Lösung hat aber einen Haken: Auch geschlossene Stoffkreisläufe kreisen nur unter Zufuhr externer Energie. Im Jahr 2010 betrug der Welt-Energiebedarf laut Wikipedia knapp 500 Exajoule, was etwa der jährlichen Energieproduktion von 15'000 grossen Kernreaktoren entspricht. Die Energie stammt v.a. aus Erdöl, Erdgas und Kohleverfeuerung. Der Verbrauch nicht-erneuerbarer Energieträger nimmt schneller zu als die Produktion erneuerbarer, und während die Landwirtschaft (also der wirtschaftliche Primärsektor) bis zur Nutzbarmachung der Kohle ein wichtiger Energielieferant war, verschlingt sie heute mehr Energie als sie produziert. Wir sind nicht nur weit entfernt von einer nachhaltigen Energieproduktion, nein, wir entfernen uns sogar immer noch weiter davon!

NICHT-MATERIELLES WACHSTUM

Der Dienstleistungssektor (Tertiärsektor) ist im Gegensatz zu den anderen Sektoren nicht auf Rohstoffe angewiesen, sondern auf menschliche Arbeitskräfte und deren spezifische Ausbildung und Bildung. Ein Wachstum im Dienstleistungssektor ist daher ökologisch weniger bedenklich. Bleibt aber das Wirtschaftswachstum oberstes Ziel, so kann das auch hier seltsame Blüten treiben: Wer seine Wohnung selber putzt, seine Kinder nicht fremdbetreuen lässt oder sich ehrenamtlich engagiert, entzieht dadurch der Dienstleistungswirtschaft potenziellen Umsatz - jeder Handgriff, der getan wird, ohne dass dafür Geld den Besitzer wechselt, ist eine Schmälerung des BIPs und damit eine Bremse für das Wirtschaftswachstum.

Daneben wird eine neue Art von „Nicht-materiellen Produkten" oder „Kulturellen Gütern" wirtschaftlich immer wichtiger: Sie gehorchen nicht der neoklassischen Wirtschaftslogik von Angebot und Nachfrage, sondern sie werden (zumindest theoretisch) billiger, je mehr sie nachgefragt werden. Paradebeispiele wären Software, Markenzeichen, Kultur, Musik, etc. Der Rohstoff zur Herstellung solcher Produkte ist menschliche Intelligenz und Zeit. Die Frage nach möglichst ökologischer Herstellung stellt sich also auch hier nicht; wohl aber diejenige der Weiterverwendbarkeit und die der „digitalen Nachhaltigkeit": Welches Wissen und welche kulturellen Errungenschaften sind Allgemeingut und welche sollen in Privatbesitz und damit ökonomisch verwertbar bleiben?

IN WAS FÜR EINER WELT WOLLEN WIR LEBEN?

Dies ist die grundlegende Frage, um die wir - zum Glück, meine ich - nicht herumkommen werden! Die zunehmende Popularität von Ecodesign deutet zwar darauf hin, dass unsere Abhängigkeit von funktionierenden natürlichen Stoffkreisläufen mehr und mehr in das öffentliche Bewusstsein gelangt. Doch verschiedene gesellschaftliche und ökonomische Mechanismen machen die positiven Effekte von Ansätzen wie Ecodesign heute zunichte. Erst, wenn geklärt ist, welches Level an materiellem Wohlstand für ein erfülltes Leben nötig ist und welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein solches zu fördern vermögen, kann Ecodesign tatsächlich nachhaltig zur Erhaltung dieser Welt als unser Lebensraum beitragen. Denn auch nahtloses Ecodesign und umweltfreundlichste Energiegewinnung werden kein unbegrenztes Wirtschaftswachstum ermöglichen und nie zu einem Sieger im aussichtslosen Wettlauf um das bessere Statussymbol führen können. Ich empfehle den Studio!SUS Nr. 10 („Suffizienz") wärmstens zur Lektüre!

by-nc-nd

Quellen
Referenz (und Leseempfehlung): Marcel Hänggi, Ausgepowert, Rotpunktverlag, Zürich 2011