sustainability – your responsibility.

Facebook Twitter identi.ca RSS Feed Newsletter

«WER GELD ANLEGT, MÖCHTE PROFIT MAXIMIEREN.» NICHT ALLE ANLEGERINNEN DENKEN SO, EINIGE MÖCHTEN, DASS MIT IHREM GELD BEISPIELSWEISE DIE UMWELT GESCHÜTZT WIRD. SEIT WANN SPRICHT MAN (AUCH) VON NACHHALTIGKEIT, WENN ES DARUM GEHT, DAS EIGENE GELD ANZULEGEN? FRANK-ELMAR LINXWEILER VERANSCHAULICHT DIESE ENTWICKLUNG ANHAND VON BEISPIELEN UND ERKLÄRT DIE WICHTIGEN BEGRIFFE.

Viele AnlegerInnen möchten ihr Geld nicht einfach nur gewinnbringend anlegen, sondern sie möchten auch etwas für ihr gutes Gewissen oder die Umwelt tun. Dies ist kein neues Phänomen: standen früher religiöse Motive im Vordergrund, erfreut sich nachhaltiges Anlegen heute auch bei nicht religiös motivierten Kreisen einer steigenden Popularität. In diesem Artikel möchte ich einen kleinen geschichtlichen Überblick über diese Entwicklung geben. Anlegen nach religiösen Kriterien oder solchen der Nachhaltigkeit bedeutet, sein Geld nicht nur nach finanziellen Gesichtspunkten anzulegen. Die Gewinnorientierung wird einer normativen Nebenbedingung unterworfen. Methodisch werden normative Nebenbedingungen mit Positiv- oder Negativ- Kriterien umgesetzt: Mit einem Positiv-Kriterium werden Aktien ausgewählt, welche ein bestimmtes Kriterium erfüllen. Bei einem Negativ-Kriterium werden alle Aktien, die das Kriterium erfüllen, gemieden. Mit den ausgewählten Aktien wird ein Portfolio erstellt. Alle Anlagestile, die mit normativen Nebenbedingungen arbeiten, werden unter dem Stichwort Socially Responsible Investment (SRI) zusammengefasst. Was heute unter dem Etikett nachhaltige Kapitalanlage betrieben wird, steht am (vorläufigen) Ende einer langen Entwicklung. Deren Geschichte kann in drei Phasen eingeteilt werden: Am Anfang stand vor über hundert Jahren das religiös oder ethisch motivierte Anlegen, welches v.a. in den USA (auch heute noch) stark verankert ist1 . In diesem Ansatz wird mit Negativ-Kriterien versucht, Aktien zu meiden, die mit als verwerflich oder sündig geltenden Aktivitäten verbunden sind. Insbesondere Aktien der Produktion von Waffen, Tabakwaren, Alkohol oder Pornographie werden als sogenannte «sin-stocks» gemieden. Das Motiv für ethisches Anlegen ist der Wunsch, sein Leben und auch seine Geldanlage nach bestimmten Regeln (z.B. der Bibel) zu führen. Es spielt bei diesem Anlagekonzept keine Rolle, ob die ausgewählten Aktien im Vergleich mit anderen über- oder unterdurchschnittlich abschneiden. Bis heute haben ethische Anlagen auch wirtschafltich eine gewisse Bedeutung. Als zweite Phase können wir das ökologisch-orientierte Anlegen der 1970er und 1980er Jahre indentifizieren. Auslöser war die Diskussion über fortschreitende Umweltverschmutzung und die Grenzen des Wachstums (Club of Rome)2 . Wir unterscheiden hier zwischen zwei Gruppen von AnlegerInnen: Die eine Anlegergruppe führte die Tradition des ethischen Anlegens weiter, ihr Anlageverhalten wurde bestimmt durch den (normativen) Wunsch, mit ihrem Geld «etwas» für die Umwelt zu tun. Mit ihrem Geld sollte sauber gearbeitet und der Umweltschutz gefördert werden. Eine zweite Gruppe von Anlegern versuchte von dem Trend zu mehr Umweltschutz profitieren und sah darin ein neues, wachtumsträchtiges Geschäftsfeld 3 . Diese AnlegerInnenkonzentrierten sich darauf, Aktien von Unternehmen zu identifizieren, die von den Wachstum in diesem Bereich profitierten. In welche Unternehmen sollte man nun aber investieren, um schliesslich den eigenen Gewinn zu maximieren? Einerseits wurden Aktien gemieden, die mit ökologisch schädlichen Aktivitäten verbunden waren. Andererseits suchte man nach Aktien, die von einem Trend zu mehr Umweltschutz profitieren konnten. Der Erfolg dieser Anlagen litt nicht selten darunter, dass nur noch wenige «saubere» Branchen in Frage kamen (mangelnde Diversifikation); zum anderen waren die Märkte für viele Produkte noch nicht reif (z.B. Windenergieanlagen). Ökologisch motivierte AnlegerInnen waren oft ideologisch motiviert, tiefere Anlageerfolge nahmen sie bewusst in Kauf. Heute spielen explizit ökologisch orientierte Anlageprodukte nur eine untergeordnete Rolle, kaum ein jemand ist bereit, aufgrund einer Ideologie auf den ökonomischen Erfolg einer Anlage zu verzichten.

Seit den 1990er Jahren entwickelten sich Konzepte für nachhaltige Finanzanlagen. Schweizer Ansätze spielten dabei eine führende Rolle. Die Unternehmen werden untersucht, ob sie aus Sicht der Nachhaltigkeit führend sind oder nicht; sehr oft wird diese Bewertung innerhalb einer Branche vorgenommen. Die klassische Finanzanalyse kümmert sich primär um die finanziellen Kennziffern von Unternehmen und wird bei dieser Bewertung durch eine Analyse der ökologischen und sozialen Dimension ergänzt. Bei Unternehmen aus der Elektriziätsbranche wird beispielsweise in der ökologischen Dimension untersucht: Wie gross ist der CO2-Ausstoss pro Kilowattstunde erzeugter elektrischer Energie? In der sozialen Dimension wird etwa gefragt: Wie geht das Unternehmen mit den Anwohnern von Fabriken um? Häufig wird heute beim nachhaltigen Anlegen der best-of-class-Ansatz verfolgt. Für jede Branche werden die Unternehmen herausgefiltert, die aus Sicht der Nachhaltigkeit führend sind. Dies Ansatz wird ergänzt durch weitere absolute oder «knock-out»-Kriterien. So werden beim Dow Jones Sustainability Index (Research durch SAM, Zürich) keine Firmen aufgenommen, die nicht mindestens einen Drittel der in einer Branche erzielbaren Punkte bekommen. Die Bank Sarasin verfolgt einen anderen Ansatz: Sie meidet für den Fond OekoSar Firmen aus verschiedenen Branchen grundsätzlich (z.B. Pornographie). Der best-of-class-Ansatz wird häufig kritisiert, da nicht nachhaltige Firmen gesucht werden, sondern nur die nachhaltigsten Firmen einer Branche und dass damit letzlich «green-washing» betrieben wird. Die Kritiker argumentieren, dass die meisten Unternehmer sich darauf konzentrieren, ihre Berichterstattung den Erfordernissen des Sustainability-Research anpassen. 4 Die Vertreter des «best-of-class-Ansatz» setzen dagegen, dass sie Firmen ermutigen, sich in Richtung Nachhaltigkeit zu entwickeln und damit auch der bestofclass- Ansatz eine Wirkung erziele. Firmen mit einem guten Nachhaltigkeits-Rating können leichter und damit auch günstiger Kapital aufnehmen. Alternativ gibt es heute auch andere Anlagestrategien, die gezielt eine Entwicklung zu einer nachhaltigeren Wirtschaft vorantreiben möchten. Es gibt VermögensverwalterInnen, die bewusst auch in als nicht nachhaltig geltende Branchen investieren (wie etwa Tabak-Aktien), um so eine optimale Rendite zu erzielen. Als Ausgleich wird ein Teil der verwalteten Vermögen gezielt in besonders nachhaltige Unternehmen, auch in Jungunternehmen, investiert. Die Aktivitäten eines Unternehmens können von verschiedenen Standpunkten aus sehr unterschiedlich beurteilt werden; andererseits sind Unternehmen oft in mehr als einem Bereichen aktiv, von denen nicht unbedingt alle aus Sicht der Nachhaltigkeit einheitlich zu beurteilen sind. Dies lässt sich am Beispiel von einigen Firmen illustrieren: 1. Die Kaffeehaus-Kette Starbucks wird für ihre Produkt- und Personalpolitik als sehr nachhaltig beurteilt. Kritiker stören sich aber daran, dass durch die einheitlich gestalteteten Starbucks-Filialen und durch die Verdrängung individueller Cafés die kulturelle Vielfalt leide, was einer nachhaltigen Entwicklung zuwider läuft. 2. Ein noch kontroverseres Beispiel ist der Konzern Royal Dutch/Shell. Lange Zeit war Royal Dutch als nachhaltigster Energiekonzern im Dow Jones Sustainability Index vertreten. Dies unter anderem, weil Royal Dutch zu den grössten Anbietern im Bereich von Solarenergie-Anlagen gehört. Für viele scheint es jedoch klar zu sein, dass ein Erdölförderer nicht nachhaltig ist, da Erdöl eine nicht erneuerbare Ressource ist. 3. Um dieses Probleme in einer noch verschärfteren Form darzustellen, möchte ich das Thema Rüstung anschneiden: Viele von uns beurteilen Rüstungsfirmen generell als nicht nachhaltig. Öffentliche Sicherheit, die unter Waffeneinsatz aufrechterhalten wird, ist aber für eine nachhaltige Gesellschaft essentiell (Zweifler mögen sich anhand von Thomas Hobbes' Leviathan überzeugen lassen). Selbst wenn wir uns entscheiden, Rüstungsgüter zu meiden, lassen sich diese nicht immer leicht identifizieren. Metallprofile lassen sich zu Fenstern verarbeiten, können aber auch für den Bau primitiver Waffen verwendet werden. Viele Güter sind sogenannte «dual use»-Güter, beispielsweise Gasmasken. Aus dem Wunsch heraus, das eigene Geld aus anderen als nur gewinnorientierten Gründen anzulegen, haben sich im Verlauf der Zeit unterschiedliche Ansätze entwickelt. Die Beispiele aus der Praxis zeigen, dass alle diese Ansätze vor einer schwer beantwortbaren Frage stehen: Wie lässt sich objektiv beurteilen, welche Unternehmen die aufgestellten Kriterien erfüllen und welche nicht?

1 Siehe auch Artikel «Die Münze in dem Kasten klingt, die Aktie in den Himmel springt» von Christoph Weber Berg

2 Siehe auch Artikel «Sustainability is not a recycling plan», ein Interview mit Dennis Meadows

3 Siehe auch Artikel «Through the eyes of a CO2 pioneer», ein Interview mit Richard Sandor

4 Siehe auch Artikel «rejoicing or green-washing» von Joachim Schütz


 

Frank-Elmar Linxweiler ist Vorstandsmitglied von oikos-international, hat eine Unterichtsassistenz für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen und beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit, insbesondere mit nachhaltigen Finanzanlagen.