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AUS SCHLECHTEM GEWISSEN FINANZIERTEN DIE MENSCHEN FRÜHER DEN BAU DES PETERSDOMS; HEUTE FINANZIEREN WIR AUS SCHLECHTEM GEWISSEN SOLARANLAGEN. CHRISTOPH WEBER BERG MACHT SICH GEDANKEN ÜBER DAS MENSCHLICHE BEDÜRFNIS, SICH GUTES GEWISSEN MIT GELD ZU ERKAUFEN.

Einmal abgesehen davon, dass er auf einem pervertierten Verständnis des Evangeliums fusste und die Gläubigen für dumm verkaufte, war er eine geniale Erfindung: der Ablassbrief, den die Kirche im ausgehenden Mittelalter dem reuigen und zahlungswilligen Sünder verkaufte. Die komplexe Frage, wie der Mensch ins Himmelreich gelange, wurde einer bestechenden Lösung zugeführt. Durch eine einfache Geldtransaktion konnten sündige Menschen ewige Höllenqualen abwenden oder ihre voraussichtliche Zeit im Fegefeuer markant verkürzen.

Die Kirche investierte den willkommenen Geldsegen in den Bau von Kathedralen und in Kunstwerke von zeitlosem Wert. So wurde z.B. 1507 der «Petersablass» ausgerufen, um den 1505 begonnenen Bau des Petersdoms mitzufinanzieren. Rom- Reisende und KunstliebhaberInnen profitieren noch heute vom Umstand, dass man damals bereit war, für die Vermeidung von Höllenqualen Geldbeträge an die Kirche zu transferieren.

Religion, der Umgang mit der ganz anderen Wirklichkeit, war seit jeher ein hoch komplexes Geschäft. Die Vorstellung, dass es Dinge gibt, die nicht Teil unserer Wirklichkeit sind, dennoch in sie hinein wirken, nimmt unserem Leben eine gewisse Harmlosigkeit. Die noch weiter gehende Vorstellung, dass wir mit dem Tod in jene andere Wirklichkeit eingehen werden, und dass die moralische Qualität unseres irdischen Verhaltens einen Einfluss auf unser dortiges Ergehen haben kann, macht alles noch schwieriger. Während Jahrhunderten war die Bewältigung der Gratwanderung zwischen schicksalhaftem Ergehen und moralischer Verpflichtung zentrale Lebensaufgabe. Die Gefahr, vom Grat zu rutschen, war erheblich: Völlerei, Wollust, Geiz, Trägheit, Zorn, Neid und Hochmut führten als Todsünden ins ewige Verderben. Wie hilfreich war es da, dass die Aufgabe religiöser Lebensbewältigung auf eine ökonomische Transaktion reduziert werden konnte.

Als aufgeklärte Menschen erkennen wir sofort, dass dies nur so lange funktionierte, wie die Menschen unmündig gehalten wurden. Doch das Geschäft ging für beide Seiten auf, im Hinblick auf bis heute erhaltene Kunstwerke sogar mit Gewinn für nachfolgende Generationen. Sind wir heute wirklich immun gegen solche Prozesse? Auch wir stehen vor hoch komplexen Aufgaben der Wirklichkeitsbewältigung, sind eingespannt zwischen Schicksalsangst und moralischer Verpflichtung, z.B. im Kontext der Klimaerwärmung. Als Individuen sind wir dem Schicksal ausgeliefert, können nichts daran ändern, dass alle andern in der Welt herumfliegen und am Sonntag mit Geländefahrzeugen zum Tankstellenshop fahren, um gefrorene Pizza zu kaufen. Manchmal setzen wir uns auch selber mit schlechtem Gewissen ins Flugzeug und debattieren am anderen Ende der Welt mit Gleichgesinnten über Nachhaltigkeit. Wir sind Teil einer komplexen Wirklichkeit, für die wir zwar verantwortlich, der wir dennoch gleichzeitig schicksalhaft ausgeliefert sind. Wir sind glatt überfordert.

Wie aus einer anderen Wirklichkeit ragt unser ökologisches Gewissen in unseren Alltag hinein und sagt uns: «Das geht nicht! Was du hier tust, ist eine Todsünde. Sie könnte die Welt das Leben kosten.» Wie froh wären wir da um eine Heilsvermittlungsanstalt, die uns Ablassbriefe verkaufen würde. Wie glücklich wären wir, wenn wir uns aus dieser verhängnisvollen Verstrickung durch eine ökonomische Transaktion mit Gewinn für nachfolgende Generationen befreien könnten. In dieses Dilemma hinein hören wir die frohe Botschaft: «Es gibt ihn, den postmodernen Ablassbrief, z.B. in Form von CO2 -Tickets für CO2 -neutrales Fliegen». Endlich können wir mit gutem Gewissen auf die Malediven fliegen. Wir lassen einfach irgendwo auf der Welt einen dreckigen Dieselgenerator durch Solarzellen ersetzen und sind voll im grünen Bereich.

Gelingt uns, was der Kirche damals nicht gelungen ist? Können wir die Komplexität der Wirklichkeit so stark reduzieren, dass gutes Gewissen in Geldtransaktionen abgebildet werden kann? Können wir uns die «Heilsgewissheit» kaufen? Ein wesentlicher Unterschied zu damals besteht: Es verkauft uns niemand für dumm, es sei denn, wir tun es selber. Wir sind keinen Zynismen ausgesetzt, es sei denn unseren eigenen.

Noch haben wir es in der Hand, durchaus sinnvolle Einrichtungen wie CO2 - Tickets zur Chance und nicht zum Ablass werden zu lassen: Wenn wir uns nicht der Selbsttäuschung hingeben, das grundsätzliche Problem einer nicht nachhaltigen Lebensweise lasse sich mit einer Geldtransaktion aus der Welt schaffen. Unsere Zahlungsbereitschaft ist allenfalls ein positives Zeichen, ein Indikator des Problembewusstseins. Doch Geld hat keine religiösen Qualitäten. Es bewältigt für uns nicht stellvertretend unser Schicksal. Es reduziert nicht die Komplexität unserer Weltwirklichkeit. Wir müssen den Beweis erst noch erbringen, dass wir das Mittelalter hinter uns gelassen haben. Eine Gesellschaft, die ökologisch unverantwortliches Handeln durch eine Geldtransaktion «entschuldet», ist davon noch weit entfernt.



Pastor Dr. Christoph Weber-Berg promovierte während seiner Arbeit in der Kirchgemeinde Lenzburg an der Universität Zürich bei Prof. Dr. Hans Ruh zum Thema «Die Kulturbedeutung des Geldes als theologische Herausforderung» (Pano Verlag Zürich 2002). Die Ethik der Wirtschaft mit besonderem Fokus auf Fragen um Geld, Finanzen und Kapital ist sein Thema, seit er während seines Studiums als Werkstudent bei der Credit Suisse im Bereich «Kreditadministration Kommerzkunden Ausland » arbeitete.