sustainability – your responsibility.

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UNSER UMGANG MIT GELD IST UNMENSCHLICH, MEINT MARGRIT KENNEDY. DIE BESTE MÖGLICHKEIT EINER REGION, SICH ZU EMANZIPIEREN, SIND REGIONALWÄHRUNGEN. MARGRIT KENNEDY IST AN FORSCHUNGSPROJEKTEN DER OECD UND UNESCO BETEILIGT. DEM STUDIO!SUS ZEIGT SIE, WO UNSEREM GELDSYSTEM DER SCHUH DRÜCKT UND WAS EINE LÖSUNG WÄRE.


Technisch gesehen sind wir heute in der Lage, einen Menschheitstraum zu erfüllen: Wir könnten jedem Menschen alles, was er/sie zu einem menschenwürdigen Leben braucht, zur Verfügung stellen. Das Problem ist die die gerechte Verteilung des Geldes und damit des Zugangs zu den Ressourcen dieser Welt. Eine der Ursachen der ungleichen Verteilung ist das Zinssystem.

VON DEN FETTEN, DIE FETTER WERDEN UND VOM GELD, DAS ROSTET

Das Geld, mit dem wir täglich umgehen, hat zwei Eigenschaften: Zum einen fungiert es als Tauschmittel. Dadurch ermöglicht es eine funktionierende Arbeitsteilung, welche die Grundlage jeder Zivilisation ist. Zum anderen ist es aber auch hortbar. In der Form des nicht investierten Wertaufbewahrungsmittels behindert es den Austausch von Waren. Um die Zirkulation des Geldes sicherzustellen, bietet unser Geldsystem eine Belohnung für das Ausleihen von Kapital: Den Zins. Die Zinsen werden jedoch nicht nur von den Kreditnehmern gezahlt, sondern von der gesamten Wirtschaft bzw. dem letzten Glied im Produktzyklus – den KonsumentInnen. Der Preis für jedes Produkt ist abhängig von den Kosten der Produktion und da sind die Zinskosten für Kredite eingeschlossen. Der Anteil der Zinskosten am Preis variiert von Produkt zu Produkt, durchschnittlich sind es 30–40%. Das heisst, dass wir alle mit unserem täglichen Konsum Zinsen zahlen.

Das Problem ist nun, dass nur die reichsten 20% der Bevölkerung, die ihr Geld für sich «arbeiten» lassen können, vom Zinssystem profitieren. Für den Rest ist der Zinsanteil, den sie durch den Konsum bezahlen, grösser als die Zinsen, die sie für ihre Spareinlagen und andere Vermögenswerte erhalten. Das heisst, das Zinssystem bewirkt eine massive Umverteilung des Geldes. In Deutschland waren es 2002 ca. 1 Milliarde Euro täglich, die vom Grossteil der Bevölkerung zu den reichsten 10% flossen. Seit 1916 liegt eine Lösung auf dem Tisch, die nicht nur verblüffend einfach und elegant, sondern auch praktikabel und leicht verständlich ist: Die «Natürliche Wirtschaftsordnung» des deutsch-argentinischen Kaufmanns Silvio Gesell. Statt Zinsen zu zahlen, schlägt Gesell vor, eine «Nutzungsgebühr» für Geld, welches man in der Tasche oder auf dem Girokonto hat, zu erheben. Damit verliert Geld, welches nicht weitergegeben wird, an Wert. Hat man mehr Geld als man braucht, bringt man es zur Bank, die es verleiht und somit wieder in Umlauf bringt. Dadurch entfällt die Nutzungsgebühr. Es ändert sich an den heutigen Gepflogenheiten kaum etwas. Der Anreiz zum Sparen bleibt bestehen. Denn während auf dem Girokonto das Geld wie Bargeld behandelt wird und der Gebühr unterliegt, wird das Geld auf dem Sparkonto nicht belastet. Es behält seinen Wert. KreditnehmerInnen müssen einzig die Arbeit der Bank und eine Risikoprämie bezahlen, beides Gebühren, die auch heute in jedem Kredit als kleiner Anteil enthalten sind. Sie betragen meist nicht mehr als 2,5% der Zinskosten. Im heutigen System wird man dafür belohnt, Geld zu verleihen, das man nicht braucht. Im neuen System wird man durch die Nutzungsgebühr bestraft, wenn man nicht gebrauchtes Geld dem Umlauf entzieht. Eigentlich gleich wie heute, denn wer sein Geld nicht ausleiht, dem entgeht der Zins. Der grosse Unterschied ist, dass bei einem zinslosen Währungssystem die Umverteilung von «arm zu reich» entfällt.

JEDER REGION IHRE WÄHRUNG

 

Wie könnten wir nun in einer sinnvollen Grössenordnung ein dauerhaftes, stabiles und umlaufgesichertes Geldsystem praktisch einführen und erproben?

Tauschringe auf lokaler Ebene sind zu klein, um einen stabilen und attraktiven Markt zu schaffen. Auf der nationalen Ebene ist die politische Umsetzbarkeit

im Augenblick nicht gegeben. Es bleibt die regionale Ebene. Eine komplementäre Regionalwährung erlaubt, die in der Region produzierten Güter und Dienstleistungen als solche zu erkennen, sie bevorzugt einzukaufen und damit gezielt zu fördern.

Im Gegensatz zum Euro:

ist eine Regionalwährung kein «offizielles» Zahlungsmittel, d.h. die Annahme erfolgt freiwillig.
kann die Regionalwährung nur geografisch begrenzt eingesetzt werden d.h., man kann mit ihr nicht auf den internationalen Finanzmärkten spekulieren.
trägt sie in jeder Region eine jeweils eigene Bezeichnung.
verursacht sie beim Umtausch in andere Regionalwährungen oder in die Landeswährung eine Umtauschgebühr.
lassen sich mit ihr keine Zinsen verdienen.

In der Region werden KonsumentInnen bestrebt sein, dieses regionale Zahlungsmittel zu benutzen, bevor sie ihre Euros ausgeben. Und genau das ist beabsichtigt, denn dadurch wird es attraktiv, Produkte und Dienstleistungen aus der Region zu beziehen. Die regionale Wirtschaft wird gefördert und Transportwege werden reduziert. Der Euro eignet sich für den nationalen und internationalen Austausch. Die Regionalwährung hingegen eignet sich als Tauschmittel für eine bewusste Förderung sozialer, kultureller und ökologischer Ziele. Sie unterstützt einen ethischen Umgang mit endlichen Ressourcen in einem überschaubaren Bereich, zu dem Menschen eine persönliche Beziehung haben.

 

DIE REGIONEN STABILISIEREN

Die Vision vom «Europa der Regionen» hat für viele Menschen eine grosse Faszination. Anstatt die Globalisierung mit all ihren positiven und negativen Folgen – sozusagen im Gesamtpaket – zu akzeptieren, sehen viele in der Region die Möglichkeit, direkte Veränderungen zu bewirken, die ihnen selbst zugute kommen. Denn viele erleben die Globalisierung nicht nur als Verlust eigener Handlungsspielräume, sondern auch als die Machtlosigkeit der Politik, sich von den Standortentscheidungen einiger Grossunternehmen und von der Instabilität des internationalen Finanzsystems unabhängig zu machen. Das gegenwärtige Geldsystem wirkt wie eine Pumpe, die das Kapital aus den Regionen, in denen es verdient wird, absaugt und in Regionen pumpt, in denen es die höchste Rendite erzielt, zur Zeit ist dies China, wo 40% des weltweit anlagesuchenden Kapitals investiert wird. Nur wenn es gelingt, den Kreislauf des Geldes wieder zu verkürzen, können die einzelnen Regionen langfristig zu wirtschaftlicher Stabilität finden.

Weitere Infos:
In Deutschland gibt es ca. 50 Regionalwährungsinitiativen, die über das Regionetzwerk zusammenarbeiten: www.regionetzwerk.org
Allgemein zur Zinsthematik: www.geldreform.de

Literatur :

- Margrit Kennedy: Geld ohne Zinsen und Inflation, Goldmann Verlag, München 1991
- Margrit Kennedy und Bernard Lietaer: Regionalwährungen – Ein neuer Weg zu nachhaltigem Wohlstand, Riemann Verlag, München 2004
- Helmut Creutz: Das Geldsysdrom, Wirtschaftsverlag Langen Müller /Herbig, München 1993 (3.Auflage 2001)

 

 


Prof. Dr. Margrit Kennedy arbeitete für verschiedene Forschungsprojekte der OECD und UNESCO in 15 Ländern Europas sowie in Nord- und Südamerika. Sie war Professorin für technischen Ausbau und ressourcensparendes Bauen an der Universität Hannover und baut derzeit zusammen mit einer Gruppe engagierter InitiatorInnen und UnterstützerInnen ein Netzwerk für die praktische Umsetzung von Regionalwährungen auf.