sustainability – your responsibility.

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DAS THEMA GESUNDHEIT BEWEGT SICH IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN WISSENSCHAFTLICHER ÜBERPRÜFBARKEIT, GESELLSCHAFTLICHEN VISIONEN UND PERSÖNLICHERERFAHRUNG. KATHARINA SERAFIMOVA UND RAPHAEL FASKO ZEIGEN EINEN MÖGLICHEN EINSTIEG IN DAS KOMPLEXE THEMA.

ALLE SUCHEN GESUNDHEIT

Früher war der Arzt der Gott in Weiss mit einem Monopol in Gesundheits- undKrankheitsfragen – und der Patient hat ihm vertraut. Immer mehr (wissenschaftliche)Fakten über Gesundheit stehen uns heute zur Verfügung, und mittlerweilebegegnet ein Arzt nicht selten dank Internet bestens informierten Patienten.Laut Roche-Chef Franz Humer sucht jeder dritte erwachsene Surfer im Internetnach Antworten auf Fragen des körperlichen Wohlbefindens. Gleichzeitig findenviele es schwierig, bei so viel Information den Überblick zu behalten. VieleFragen bleiben offen: Bedeutet gesund sein, keine körperlichen Gebrechen zuhaben? Wie steht es mit der psychischen Gesundheit und wie hängen Körper undGeist zusammen? Werden wir krank, wenn wir nicht das tun, was uns Freudemacht? Kann es gesund sein, zu sterben?

DER VERSUCH EINER SYSTEMANALYSE

Die WHO teilt das komplexe System Mensch in drei Ebenen: Die körperliche,geistige und soziale. Diese Ebenen beeinflussen sich gegenseitig. Wenn derKörper krank ist, ist der Geist unzufrieden und das hat Einfluss auf das sozialeWohlbefinden. Umgekehrt kann Isolation zur Depression führen, die sich überlängere Zeit auch physisch manifestiert.Das System Mensch ist nahtlos und untrennbar in seine Umwelt eingebunden.Wir nehmen Nahrung auf, schmecken, fühlen, sehen, hören und riechen.Wir sind in ein soziales Netz eingebunden und unser Geist wird durch all dieseInputs angeregt. Ebenso beeinflussen wir unsere Umwelt: Unser Körper scheidetAbfallstoffe aus und sondert Düfte ab, wir tauschen uns mit anderen Menschenkörperlich und geistig aus und die Kreativität und Ideen unseres Geistes findenihren Ausdruck in Kunst, Kultur und Technik. Wir sind also in konstantem Austauschmit unserer Umwelt.

GESUNDHEIT

Die WHO definiert Gesundheit als das körperliche, geistige und soziale Wohlergehen.Sie wird nur erreicht, wenn unsere Bedürfnisse auf allen drei Ebenenerfüllt sind. Das bedeutet, dass das System Mensch die Inputs, die es braucht,erhält und alle nötigen Outputs möglich sind. Wir müssen zum Beispiel essenund ausscheiden und wollen lieben und geliebt werden.Bedürfnisse sind individuell in ihrer Ausprägung und verändern sich ununterbrochen,schon im Verlauf eines einzigen Tages. Wir wollen essen, unsbewegen, reden, brauchen Ruhe und möchten schlafen. Bedürfnisse verändernsich aber auch über die Jahre oder bei veränderten Lebensumständen. Die Anforderungeneines Säuglings sind anders als die einer behinderten Person odereiner Person kurz vor dem Sterben.Ignorieren wir eines unserer Bedürfnisse, zum Beispiel das Schlafen, überlängere Zeit, so werden wir krank – das System Mensch fällt aus dem Gleichgewicht.Der vollständig gesunde Zustand ist die Erfüllung aller körperlichen,geistigen und sozialen Grundbedürfnisse in jedem Augenblick.

«Nachhaltiges Handeln deckt die momentanen Bedürfnisse ohne die Möglichkeiten zuschmälern, zukünftige Bedürfnisse zu decken.» (Brundtland-Kommission)

DAS GLEICHGEWICHT FINDEN

Um gesund zu bleiben oder zu werden, muss der Mensch sich selber in seinerGanzheit und seiner Einbindung in die Umwelt betrachten. Alle Ebenen müssenberücksichtig werden, die Anzeichen für ein Ungleichgewicht gefunden und dieUrsachen beseitigt werden. Denn solange ein Mensch in inneren oder äusserenStrukturen oder Zwängen lebt, die seine wahren Bedürfnisse nicht abdecken,wird er krank. Gesundheit ist also eine Frage des konstanten nachhaltigenHandelns.

DIE QUAL DER WAHL

In der Wissenschaft arbeiten wir mit Hypothesen und suchen nach reproduzierbarenErgebnissen. Wenn wir heute, beispielsweise im Internet, Informationenzur Gesundheit suchen, dann begegnen uns von der Homöopathie über tibetischeMedizin bis zur Ohrenkerzentherapie unterschiedlichste Heilmethoden. Aus dembunten Strauss alternativmedizinischer Ansätze gilt neben der westlichen Medizindas Wenigste als wissenschaftlich gesichert. Kein Erfahrungsbericht undkeine kulturelle Überlieferung kann als wissenschaftliches Argument benutztwerden oder Experimente und Statistik ersetzen. Gleichzeitig müssen wir unsbewusst sein, dass dem Einzelnen bei der Erfüllung seiner Bedürfnisse im Hinblickauf Gesundheit mit der Statistik allein wenig geholfen ist. Trotz fehlenderEvidenz für die Wirksamkeit entscheiden sich zunehmend Menschen für alternativmedizinischeBehandlungen, viele fühlen sich dort stärker aufgehoben undals ganze Menschen mit ihren Bedürfnissen verstanden.

DER BLICK ÜBER DEN TELLERRAND

Zwischen Vertretern der (wissenschaftlichen) westlichen Medizin und Vertreternalternativmedizinischer Ansätze haben sich in der letzten Zeit regelrechte Grabenkämpfeabgespielt. Die einen weisen darauf hin, dass das Angebot alternativmedizinischerAnsätze unübersichtlich ist und deren Wirksamkeit nicht belegtwerden kann, dass Scharlatane ihr Unwesen treiben und gutgläubigen PatientenGeld aus der Tasche ziehen. Die andere Seite gibt zu bedenken, dass bei einerwissenschaftlichen Wirksamkeitsprüfung das komplexe System Mensch auf einigewenige, kontrollier- und messbare Parameter reduziert wird. Kann in einemStudienansatz mit wenigen Parametern das Phänomen Gesundheit – gemässWHO-Definition – überhaupt abgebildet werden?Wenn wir in Forschung und Lehre den Anspruch haben, das PhänomenGesundheit zu verstehen und dem Einzelnen Grundlagen zu liefern, um die Wahlaus dem Überangebot an Information zu erleichtern, dürfen wir auf jeden Fallnicht bei Erklärungen einzelner Abweichungen von statistisch bestimmten Gesundheitsnormenstehen bleiben. Der Blick über den Tellerrand der bisherigenKrankheitsforschung hinaus kann hierfür der Schritt in eine gesunde Richtungsein.



Gesundheit ist nach heutigem Verständnis nicht einfach «der Zustand vollständigen körperlichen,geistigen und sozialen Wohlbefindens» (WHO 1976). Gesundheit meint, dass dieeigene Lebensgestaltung an die wechselnden Belastungen des Umfeldes angepasst werden kann,zudem den Einklang mit den genetischen, physiologischen und körperlich-seelischen Möglichkeitenherstellt und dabei individuelle Selbstbestimmung sichert (nach Hurrelmann, 1991).
Felix Gutzwiller (Nationalrat, Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit)