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DER SCHLÜSSEL ZUR GESUNDHEIT LIEGT IM VERSTÄNDNIS DER EIGENEN ABSICHTEN, GEWOHNHEITEN UND IM VERSTÄNDNIS DER FUNKTIONSWEISE UNSERES GEISTES, SAGT DR. KHENRAB GYAMTSO, LEHRER AM TIBETAN MEDICAL COLLEGE IN DHARAMSALA.


DIE FÜNF ELEMENTE

Die tibetische Medizin (TM) basiert auf dem Realitätsbegriff und Menschenbild des Buddhismus. Die physische und geistige Welt sind nicht voneinander getrennt. Körper, Geist und Umwelt sind aus denselben fünf «Elementen» aufgebaut. Diese Grundbausteine jedes Lebens haben positive, negative, innere (geistige) und äussere (materielle) Aspekte.

Erde ist Entstehung und Form;

Wasser bringt Zusammenhalt und Vermehrung;

Feuer bewirkt Reifung und Vollendung;

↳ Luft ist Bewegung, Verteilung der Energie; und

Raum schafft die Basis für das Wirken der anderen Elemente.


KRANKHEIT, DIAGNOSE, HEILUNG

Jede Krankheit beruht auf einem Ungleichgewicht dieser Elemente. Der tibetische Arzt ermittelt hauptsächlich durch Pulsdiagnose, Gespräch und Urinanalyse, welche Elemente gestört sind. Dabei werden acht Typen von Krankheitsauslösern unterschieden: Unangemessenes Denken (Begierde, Hass und Ignoranz sind die Wurzel alles Leidens), unangemessenes Verhalten (Leiden verursachendes Verhalten), unangemessene Ernährung, Alter und Konstitution, ungünstiges Klima, ungünstige kosmische Einflüsse, ungünstiges Karma (Auswirkungen früherer negativer Handlungen) und Dämonen. Ebenso gibt es acht Gruppen von Behandlungsweisen: Buddhistisches Leben, rechtes Verhalten, rechte Ernährung, pflanzliche Heilmittel, Massagen und Wasseranwendung, «kleine Chirurgie» (z.B. Akupunktur und Schröpfen), Meditation und spirituelle Therapie (z.B. Gebete und Rituale). Tibetische Medikamente bestehen aus Kombinationen von Heilpflanzen, deren Herstellung von spirituellen Ritualen voller Gebete begleitet wird. Im Rahmen des von [TibMed] (siehe Seite 40) organisierten Vortrags von Dr. Khenrab Gyamtso zur tibetischen Medizin, führte der Studio!Sus ein dreistündiges Gespräch mit ihm. Im Folgenden ist das Interview übersetzt und gekürzt wiedergegeben.

STUDIO!SUS: Wie entstand Ihr Kontakt zur westlichen Medizin?

Ich hörte häufig Vorträge seiner Heiligkeit des Dalai Lama. Bei einem Vortrag vor Studenten auf einer Abschlussfeier gab er den Hinweis, unser medizinisches System von zwei Seiten zu betrachten: Wir studieren die traditionellen, authentischen Texte, die uns gewisse Erklärungen für die Gründe von Krankheiten liefern. Wenn wir diese Texte lesen, dann verstehen wir einen Bruchteil dessen, was als Ganzes in diesem Text steckt. Auf der anderen Seite fehlen uns die vielen modernen Technologien der westlichen Medizin. So kam ich zu dem Gedanken, moderne Technologie und tibetisches Wissen miteinander zu verbinden.

STUDIO!SUS: Wie war Ihre Erfahrung mit westlichen Medizinern, waren sie ebenfalls offen, von Ihren Gedanken zu lernen?

Meiner Erfahrung nach sind die westlichen Mediziner nicht sehr beeindruckt von unseren Heilmethoden, während ich persönlich die fortschrittlichen Technologien aus dem Westen sehr bewundere. Es sind einzelne, die sich für tibetische Heilmethoden interessieren. Die geistige Offenheit der Ärzte hängt sehr vom einzelnen Individuum ab. Es gibt jene, die sich mit tibetischer Medizin aus Karriereüberlegungen beschäftigen und solche, die eine echte Zusammenarbeit wichtig finden. Ich habe viel Energie und Kraft in die Zusammenarbeit mit Medizinern investiert, die offen für neue Gedanken sind, insbesondere für Themen der Natur. Bei den anderen vermag ich nicht zu sagen, ob sie sich für unsere Gedanken interessieren oder nicht.

STUDIO!SUS: Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Ärzten aus dem Westen aus?

Unser Ziel ist dasselbe: die Krankheit zu finden. Auf der Ebene der Symptome würde ein Arzt aus dem Westen vermutlich dasselbe beschreiben, wie ein tibetischer Arzt: ein trockener Mund, ein schmerzendes Bein… Die Unterschiede liegen dort, wo es um das Interpretieren der Gründe für die Symptome geht. Die Frage ist nicht, ob das tibetische Verständnis von Krankheiten ein tieferes oder besseres ist; das einzig Wichtige ist ein gutes Resultat.

STUDIO!SUS: In ihrem Vortrag sprachen Sie von 4 000 unterschiedlichen Medikamenten in Ihrer «Medizinbox» und dass sie derzeit nur ca. 150 davon produzieren. Was sind die Gründe?

In dieser grossen Zahl an Medikamenten sind die unterschiedlichen Kombinationen von Pflanzen enthalten. Wir kennen 60–70 unterschiedliche Störungen. Wenn wir beispielsweise eine Erkältung haben, so kann diese leicht, mittel oder schwer sein. Für jeden Schweregrad jeder Störung kennen wir eine eigene Kombination an Pflanzen. Aus einer Vielzahl praktischer Gründe haben wir dieses komplexe System vereinfacht und generalisiert: derzeit produzieren wir nur ein Medikament für leichte, mittlere oder schwere Erkältung.

STUDIO!SUS: Was ist das Besondere an Ihren Medikamenten?

In unserer Tradition und Kultur wird das Medikament für den jeweiligen Patienten und seine Krankheit hergestellt und nach der Produktion direkt eingesetzt. Einer der bekannten Vorteile der tibetischen Medizin ist, dass sie keine Nebenwirkungen verursacht. Wenn wir beispielsweise ein Medikament für eine Leberstörung verabreichen, dann steht die Heilung der Leber im Vordergrund; gleichzeitig betrachten wir aber die Natur der Niere. Ein Medikament kann eine Kombination aus 20–25 Pflanzen enthalten, weil wir auch alle benachbarten Organe berücksichtigen, um eventuelle Störungen dort zu vermeiden.

STUDIO!SUS: Welche Bedeutung hat die Prävention in der tibetischen Medizin?

Bei der Prävention von Krankheiten geht es darum, die Gewohnheiten zu verstehen, die auf unseren Körper wirken. Prävention und Heilung sind dann möglich, wenn wir unsere geistigen Absichten und die Funktionsweise unseres Geistes verstehen. Wenn eine Person bereits krank ist, dann beschäftigt sich ein Arzt mit den Symptomen.

STUDIO!SUS: Einige Krankheiten stehen im Zusammenhang mit Umweltbelastungen, wie z.B. der Luftverschmutzung. Welche Änderungen der Umweltbedingungen wünschen Sie sich, damit wir gesünder werden?

Wenn wir eine Strasse bauen möchten, dann fällen wir Bäume. Das Thema ist so kompliziert, dass ich nicht sagen möchte, was gut oder schlecht ist. In einem buddhistischen Verständnis wird unser Geist von Störungen der Umwelt beeinflusst. Hilfreich wäre es, wenn wir verstehen, wie die Dinge der physischen Umwelt mit unserem Inneren zusammenhängen. Wir müssen die Gesellschaft für die Zusammenhänge zwischen einer gesunden Umwelt und einem gesunden Geist sensibilisieren. Solange wir die Funktionsweise unseres Geistes nicht verstehen, lassen wir uns von negativen Emotionen beeinflussen. Unser Potential für Gesundheit und für ein Leben in einer gesunden Umwelt wird durch diese Gifte der negativen Emotionen reduziert. Um als Mensch und als Gesellschaft in Frieden und Gesundheit zu leben, müssen wir diese Gifte – Wut, Hass, Eifersucht und Konkurrenz – überwinden. Auch wenn es uns schwierig erscheint, sollten wir uns darin üben und die Gesellschaft darin bestärken.

STUDIO!SUS: Welche Vision haben Sie über die zukünftige Bedeutung der tibetischen Medizin im Westen?

In meiner Vision begegnen Mediziner ihren Patienten mit Liebe und Zuneigung. Wenn zumindest dieser Gedanke sich durchsetzen würde, dann wäre schon viel Positives erreicht. Ich bin überzeugt, dass die tibetische Medizin vielen Menschen helfen kann und ich setze mich dafür ein. Wenn wir in der Medizin Ehrlichkeit, Respekt, Hilfsbereitschaft und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit entwickeln können, kommen wir dieser Vision näher.

Dr. Khenrab Gyamtso ist einer der acht Dozenten am Tibetan Medical & Astrological Institute of H.H. The Dalai Lama in Dharamsala.   

 


Der Besitz des bestmöglichen Gesundheitszustandes bildet eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens. __WHO
 


Gesundheit erlaubt mir, meine körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte weitgehend unbelastet zu entwickeln. Krankheit erinnert mich daran, anders mit meinen Kräften umzugehen. __Jacqueline Fehr (Nationalrätin)
 


Gesundheit kauft man nicht im Handel, denn sie liegt im Lebenswandel. __Karl Kötschau