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DIE KOSTEN UNSERES GESUNDHEITSSYSTEMS WACHSEN.
STUDIO!SUS SPRACH MIT DEM GESUNDHEITSÖKONOMEN DR. H.-P. STUDER UND MIT DR. R. DAHINDEN VON DER CSS ÜBER DIE URSACHEN UND MÖGLICHEN GEGENMASSNAHMEN. WIR WOLLTEN WISSEN, OB DIE KOMPLEMENTÄRMEDIZIN ZUR KOSTENREDUKTION BEITRAGEN KANN.

Dr. H.-P. Studer empfängt uns hoch über dem Bodensee, in Speicherschwendi. Im Rahmen des «Programms zur Evaluation in der Komplementärmedizin» (PEK) hat er fünf alternative Behandlungsverfahren auf ihre Wirtschaftlichkeit geprüft. Es sind dies die Anthroposophische Medizin, die Homöopathie, die Neuraltherapie, die Phytotherapie und die Traditionelle Chinesische Medizin. Die «Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit» einer Medizin sind gemäss Artikel 32 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) Voraussetzung für eine Aufnahme in den Leistungskatalog der obligatorischen Grundversicherung.
«Diese wissenschaftliche Beurteilung ist international einzigartig», sagt Studer. Doch das Unterfangen sei komplex und sehr aufwendig, insbesondere da es bis jetzt in der Schweiz – ausser der schweizerischen Gesundheitsstatistik – nur wenige Daten gebe. Um die Wirtschaftlichkeit zu überprüfen, verglich Studer unter anderem die empirisch ausgewiesenen Kosten von Ärzten mit und ohne komplementärmedizinischem Fachausweis. Anhand dieser Zahlen alleine sei allerdings noch keine Aussage möglich. Vielmehr sei es nötig, verschiedene Variabeln, welche den Vergleich verzerren könnten, zu finden und statistisch zu berücksichtigen. So sind es laut Studer zum Beispiel oft jüngere Patienten, die zum Komplementärmediziner gehen, was sich generell positiv auf die Kosten auswirkt. Auch eine Prüfung der Wirksamkeit sei schwierig. Der «Goldstandard» ist laut Studer die sogenannte Doppelblindstudie. Dabei werden die Patienten zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt, wobei eine mit einem Medikament und die andere mit einem Placebo behandelt wird. Der Arzt weiss dabei auch nicht, zu welcher Gruppe der Patient gehört. «Solche Tests sind schon für klassische medizinische Methoden sehr aufwendig. Zur Beurteilung von komplementärmedizinischen Ansätzen kommt aber noch die Schwierigkeit hinzu, dass der Effekt des Arzt-Patienten-Gesprächs und der individuellen Mittelwahl nicht berücksichtigt werden kann», meint Studer. Gerade dies sei aber oft ein wesentlicher Bestandteil der Therapie. Aufgrund seiner bisherigen Analysen kommt Studer zum Schluss, dass die Komplementärmedizin oft günstiger sei als die Schulmedizin und auch eine höhere Patientenzufriedenheit erreiche. Gleichzeitig hält Studer jedoch weitere Untersuchungen für nötig, um seine Thesen abschliessend beweisen zu können.

In Luzern möchten wir von Dr. Dahinden wissen, ob die CSS-Versicherung ebenfalls die Erfahrung gemacht hat, dass die Komplementärmedizin zur Kostenreduktion beitragen kann. Dahinden erklärt, die CSS hätte nicht die Mittel, um entsprechende Studien durchzuführen, und er deshalb weder über die Wirtschaftlichkeit noch die Wirksamkeit der Komplementärmedizin Aussagen machen könne. «Solche Studien können sich nur Chemiekonzerne oder staatliche Organisationen leisten, wobei sich bei ersteren die Frage nach der Objektivität stellt.» Die Analyse von eigenen Daten sei auch nur beschränkt möglich: Die Rechnung eines Kunden enthalte nur die Angabe, ob es sich um Krankheit, Unfall oder Mutterschaft handle. Sie gebe sonst aber keine Informationen zur tatsächlichen Diagnose oder Behandlungsmethode.
Persönlich denkt er aber nicht, dass die permanente Aufnahme der Komplementärmedizin in die Grundversicherung helfe, Kosten zu sparen. Einerseits sei der Anteil der komplementärmedizinischen Behandlungen immer noch sehr klein. Und andererseits würden Patienten bei Krankheit häufig nicht zwischen Komplementär- und klassischer Medizin wählen, sondern stattdessen von beiden Methoden Gebrauch machen.
«Um die Kosten des Gesundheitssystems in den Griff zu bekommen, wären andere Schritte wichtiger», sagt Dahinden. «Falsche Anreize für Ärzte, Patienten und Versicherer führen dazu, dass das aktuelle System kaum nachhaltig ist.» Aufgrund der Vertragspflicht der Versicherer sei es nicht möglich, wirt- schaftliche und effiziente Ärzte zu bevorzugen. Um dem ein wenig entgegen zu wirken, hat die CSS das sogenannte «Care Management» eingeführt. Dies ist eine kostenlose Betreuung, bei der gemeinsam mit dem Kunden versucht wird, eine günstige und wirksame Behandlungsmethode zu finden. Dabei werden konkret Ärzte vorgeschlagen, mit denen die CSS gute Erfahrungen gemacht hat. In diesem Sinne begrüsst Dahinden auch das «Capitation Model», an dem ein Arzt freiwillig teilnimmt und nur eine Pauschale pro Versicherten bekommt: Dadurch übernimmt er die Verantwortung, die entsprechenden Leistungen kostengünstig und effizient zu erbringen.
Aber auch für Kunden bestünden falsche Anreize, oder «moral hazards», wie Dahinden sie nennt. Statt die Versicherung als Sicherheit in Notsituationen zu sehen, würde sie zum Teil eher als Selbstbedienungsladen betrachtet. Unabhängig vom tatsächlichen Gesundheitszustand würde versucht, bis Jahresende möglichst alle Leistungen zu beziehen. Schliesslich sei auch die Situation bei den Versicherern selbst unbefriedigend. Konkret kritisiert Dahinden die Entsozialisierung bei den Grundversicherungen: «Die Schweiz hat – im Vergleich zu Holland zum Beispiel – ein sehr schlechtes Risikoausgleichssystem, da kleinere Versicherer oft eine Risikoselektion betreiben. Dabei werden – zum Teil über Broker – möglichst junge, gesunde Leute aquiriert, um tiefere Prämien anbieten zu können.»
Abschliessend fordert Dahinden, dass neben der Komplementärmedizin nun auch die Leistungen der klassischen Schulmedizin auf Wirtschaftlichkeit, Zweckmässigkeit und Wirksamkeit untersucht werden: «Die Grundversicherung ist eine grosse Errungenschaft. Sie darf auf keinen Fall durch Entsozialisierung oder einen zu grossen Leistungskatalog verwässert werden.» Bei der Verabschiedung fügt Dahinden hinzu: «Als ich noch bei der Swiss Re arbeitete, dachte ich, die Analysen, die wir dort durchführten, seien schwierig. Inzwischen weiss ich, dass unser Gesundheitssystem noch viel komplexer ist.»

Dr. oec. HSG H.-P. Studer ist Gesundheitsökonom und Publizist. Zu seinen Büchern gehören «Gesundheit in der Krise. Fakten und Visionen» und «Jenseits von Kapitalismus und Kommunismus». Dr. oec. HSG R. Dahinden ist Mitglied der Geschäftsleitung der CSS Versicherungen.


 


Die Erhaltung der Gesundheit beruht auf der Gleichstellung der Kräfte. Gesundheit dagegen beruht auf der ausgewogenen Mischung der Qualitäten. __Hippokrates

 


Die Gesundheit aller Völker ist eine Grundbedingung für den Weltfrieden und die Sicherheit. __WHO