sustainability – your responsibility.

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«WIR ALLE BEGEGNEN LEBENSUMSTÄNDEN, DIE FÜR UNSERE GESUNDHEIT EIN RISIKO DARSTELLEN. WENN WIR TROTZDEM GESUND BLEIBEN ODER WERDEN MÖCHTEN, MÜSSEN WIR EIGENVERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN UND GLEICHZEITIG GESUNDE RAHMENBEDINGUNGEN SCHAFFEN », MEINT DR. MED. BERTINO SOMAINI.


Pest und Cholera versetzten die Menschen früher in Angst und Schrecken. Naheliegend, dass die Mediziner von damals sich insbesondere um die Bekämpfung von Infektionskrankheiten kümmerten. Die Erfolge der westlichen Medizin sind beachtlich; vieles, was früher als unheilbar galt, kann heute wie ein Routinefall behandelt werden. Im Vordergrund stand (und steht) dabei das Heilen einer Krankheit, die als Abweichung von einer messbaren biologischen Gesundheitsnorm definiert wurde. Explodierende Kosten im Gesundheitswesen und weltweite Gesundheitserhebungen zeigen: Heute lassen sich zwar viele Krankheiten heilen, aber den Stein der Weisen haben wir noch nicht gefunden. Seit einigen Jahrzehnten beschäftigen uns in den Industrieländern zunehmend so genannte Zivilisationskrankheiten, wie beispielweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Entstehung einer solchen Krankheit lässt sich häufig über Jahre zurückverfolgen und hat mehr als nur eine Ursache. Neben der Herausforderung, einen bereits eingetretenen Schaden zu beheben, wurde die Frage der Prävention immer wichtiger. Aus unserem Alltag kennen wir viele Risikofaktoren, welche die Entstehung von Zivilisationskrankheiten begünstigen: Strassenlärm, Prüfungsstress, Streit in der Familie, zu wenig Schlaf oder Bewegung. Wie können wir es also schaffen, trotz gesellschaftlicher Risiken und belastender Lebensereignisse gesund zu bleiben? Welche Schutzfaktoren haben wir oder können wir entwickeln? Welche Lebensumstände sind ausschlaggebend, ob wir krank werden oder gesund bleiben? Diesen Fragen gehen Wissenschaftler und Praktiker aus dem Gebiet der Gesundheitsförderung nach. Einer von Ihnen ist Bertino Somaini.

STUDIO!SUS: Eine gesundheitsfördernde Politik betrifft nicht nur den Gesundheitssektor: Die Bildung und die Wirtschaft beispielsweise sind ebenso gefragt. Wo besteht Ihrer Meinung nach der grösste Handlungsbedarf, damit den Menschen in der Schweiz ein höheres Mass an Selbständigkeit über Ihre Gesundheit ermöglicht wird?

Viele Menschen denken heute bei dem Wort Gesundheit an Krankheit oder bestenfalls an das Fehlen von Krankheit. Um ein höheres Mass an Selbständigkeit über die eigene Gesundheit zu erreichen, muss ein Umdenken stattfinden. Gesundheit ist ein Gut, in das ich selbst auch investieren muss! Im Vordergrund steht also – wie so oft – eine Einstellungsänderung. Jede und jeder (Person oder Organisation) kann aktiv die Lebensqualität verbessern und damit die Gesundheit fördern. Die Umwelt, der so genannte Markt, könnte uns die Wahl für ein gesundheitsförderndes Verhalten erleichtern, aber der Trend geht in eine andere Richtung. In der heutigen Konsumgesellschaft ist es für uns immer schwieriger, gesundheitsfördernd und lustvoll zu leben. Das ist beängstigend für die Zukunft: Kinder ernähren sich immer mehr durch kaloriendichte Nahrungsriegel, begleitet von zuckerhaltigen Getränken. Obwohl dieses Essverhalten sich immer mehr von einem lustvollen Geniessen entfernt, werden die Kinder mit solchen Nahrungsmitteln beworben. Die Industrie verdient daran sehr gut. Es gibt genügend Evidenz, dass übergewichtige Kinder häufig zu übergewichtigen Erwachsenen werden und viel Lebensqualität einbüssen. Warum haben Grossverteiler und Lebensmittelgeschäfte all diese Snacks und Süssigkeiten in ihren Geschäften auf der Augenhöhe von Kindern platziert? Wäre es nicht «erleichternd» für alle und mit weniger Stress für die Eltern verbunden, wenn sie diese zuoberst auf dem Regal platzierten? Handlungsbedarf besteht also darin, eine gesunde Wahl zu erleichtern!

STUDIO!SUS: Um die Gesundheit zu fördern, können wir entweder beim Verhalten ansetzen oder die Rahmenbedingungen gesundheitsfördernder gestalten. Beide Wege sind anspruchsvoll: Niemand möchte mit erhobenem Zeigefinger auf das eigene Gesundheitsverhalten aufmerksam gemacht werden und auch auf dem Gebiet der Arbeit-, Umwelt- oder Bildungspolitik ist mit Widerstand zu rechnen, wenn versucht wird, Gesundheitsziele stärker zu gewichten. Wo legen Sie als Gesundheitsförderung Schweiz Ihren Schwerpunkt, bei welchem Weg setzen Sie hauptsächlich an?

In der Schweiz haben wir leider keine akzeptierten Gesundheitsziele. Somit machen alle von allem etwas. Das kostet immer mehr und bringt immer weniger an feststellbaren Erfolgen. Dies gilt für das ganze Gesundheitswesen, welches ja eigentlich ausschliesslich ein Krankenwesen ist. Gesundheitsförderung Schweiz ist eine Stiftung der Kantone und Versicherer mit einer gesetzlichen Basis. Jede obligatorisch versicherte Person bezahlt jährlich Fr. 2.40 für Gesundheitsförderung und Prävention (als Vergleich bezahlt jeder jährlich etwas Fr. 3’000 für Krankenversicherungsprämien). Die Stiftung erhält dieses Geld für Projekte und Programme. Gesundheitsförderung Schweiz hat sich entschieden, drei Kernthemen gezielt anzugehen:


  1. wir wollen Gesundheitsförderung und Prävention politisch und gesellschaftlich in der Schweiz besser verankern.
  2. Gezielte Interventionen sollen den Menschen helfen, ein gesundes Körpergewicht zu behalten oder wieder zu erreichen.
  3. Chronische Stresssituationen sollen reduziert werden, um die psychische Gesundheit zu verbessern.

Für diese drei Kernthemen werden derzeit mit allen wichtigen Partnern in der Schweiz (Bund, Kantonen, Versicherer, nichtstaatliche Institutionen) Interventionen erarbeitet, die ab 2007 umgesetzt werden. Dabei steht eine optimale Balance zwischen Verhalten und Verhältnissen im Vordergrund. Eigenverantwortung für Gesundheit wird gefördert und gesunde Rahmenbedigungen sollen geschaffen werden.

STUDIO!SUS: Welchen Beitrag könnten aus Ihrer Sicht Forschung und Lehre an den Hochschulen leisten, damit die Menschen in der Schweiz in Zukunft gesünder sind?

Die heutige Gesundheitsforschung, und damit auch die Lehre, ist fast ausschliesslich auf Krankheiten fokussiert. Selten gibt es Forschungsprojekte, die fragen: Was hält eigentlich den Menschen gesund? Welche Faktoren (Gesundheitsdeterminanten) sind entscheidend? Uns würden Antworten auf solche Fragen weiterhelfen. Wir könnten viel lernen von Menschen, die gesund bleiben. Hier besteht noch ein riesiger Nachholbedarf. Leider stehen bisher für die Beantwortung dieser Fragen nur geringe finanzielle Mittel zur Verfügung und folglich gibt es auch nur wenige Forschergruppen, die sich dieser Fragen annehmen.

Bertion Somaini ist Direktor der GesundheitsförderungSchweiz, ehemals Vizedirektor des Bundesamtes Gesundheit, Fachmann für Public Health.


Gesundheit ist die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können. __Sigmund Freud


Gesundheit verstehe ich als «Abwesenheit» von Krankheit, wobei Krankheit als gestörtes physisches, psychisches oder psychologisches Wohlbefinden sehr weit definiert werden kann. Unsere objektive und die subjective Wahrnehmung gehen dabei oft weit auseinander. Wenn sich die eine Person schwer krank fühlt, ist dies für eine andere durchaus noch ein «Normalzustand». __Trix Heberlein (Ständerätin, Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit)


Wenn wir jedem Individuum das richtige Mass an Nahrung und Bewegung zukommen lassen könnten, hätten wir den sichersten Weg zur Gesundheit gefunden. __Hippokrates