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DIE LETZTEN STUNDEN UNSERES LEBENS SIND OF T DIE TEUERSTEN. FRANK-ELMAR LINXWEILER ZEIGT, DASSPALLIATIVMEDIZIN NICHT NUR DEN PATIENTEN SELBERHELFEN KANN, SONDERN AUCH EIN WOHLFAHRTSGEWINNFÜR DIE GESELLSCHAFT IST.

Es ist gewiss: wir alle werden sterben! Das ist keine düstere Vision zum Thema Klimaerwärmung im Lichte der Katastrophe am Golf von Mexiko, sondern die Erfahrung, die uns Menschen sagt, dass wir sterblich sind. Obwohl der Tod ein fester Bestandteil unseres Lebens ist, reagieren die Meisten mit Angst und Verdrängung. Einerseits fürchtet man den Verlauf des Sterbens, andererseits fürchtet man die Ungewissheit über das, was nach dem Tod geschieht. Die weit reichenden Konsequenzen dieser Furcht werden in diesem Artikel beleuchtet und es werden Denkanstösse gegeben, wie man Gewisses anders angehen könnte und dies sogar nachhaltiger wäre.

Für einmal steht dabei im Zentrum, dass die Nachhaltigkeit im Sinne von Brundtlandt nicht fordert, kommenden Generationen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu ermöglichen, sondern, dass wir die Bedürfnisse unserer Generationen decken, ohne die kommenden Generationen zu belasten. Der Tod gehört ohne Zweifel zu einem nachhaltigen Leben, das in bester Gesundheit verbracht wird, gerade weil viele Menschen einen schmerzhaften Tod oder eine langwierige tödlich verlaufende Krankheit als grosse Ängste benennen. Der Abbau unserer Ängste steigert unser Wohlbefinden um den Preis, sich den Themen bewusst zu stellen und sie zu meistern. Auch beim medizinischen Personal gibt es Bräuche, die sich der Realität des Todes verweigern. Mit dem Gelöbnis des Weltärztebundes verpflichtet sichder Arzt, die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit seines Patientenals oberstes Gebot zu betrachten. Dies wurde lange Zeit so interpretiert, dassder Arzt verpflichtet ist, bis zum letzten Atemzug eines Patienten jede nurerdenkliche Massnahme zu treffen, die das Leben erhalten kann. Mit dem Fortschrittder medizinischen Technik wurde es selbstverständlich, mit Maschineneinen selbständig nicht mehr lebensfähigen Mensch am «Leben» zu halten.Das ultimative Ziel, jeden Patienten so lange wie möglich am Leben zuerhalten, ist sehr teuer. Jede «technisch» mögliche Therapie wird durchgeführt.Das führt zu einem hohen Einsatz an Ressourcen und Kapital, welchein anderen medizinischen Bereichen nicht mehr zur Verfügung stehen. DieserAspekt ist von grosser Bedeutung in einer Zeit, in der Spitäler geschlossenwerden, weil die Kosten des Gesundheitswesens gesellschaftlich nicht mehrtragbar sind. Die Leidtragenden sind aber nicht nur die Gesellschaft, sondernauch die Patienten. Es ist für die Patienten oft unangenehm, da sie Therapien«erleiden» müssen, die sie gar nicht wünschen. Die Angehörigen erwarten, dassalles Machbare getan wird. Lebensverdruss oder -müdigkeit wird ignoriert. DasWohl des Patienten wird durch die Wünsche aus seinem Umfeld überlagert. Oftkönnen die Patienten früher von ihrem Leben lassen als die Angehörigen. Diesnicht zuletzt deshalb, weil sie selber die Schmerzen und Nebenwirkungen einer Therapie erleben.Die letzten Tage in unserem Leben gehören zu den teuersten, denn oftverbringt man sie in Intensivpflege. Im Kampf um Tage oder Stunden wird das medizinische Arsenal aufgefahren. Hohe Kosten, hoher Ressourcenverbrauch und eine hohe Umweltbelastung sind die Folge. Auch in aussichtslosen Fällen wird auf eine Heilung hingearbeitet. Die Patienten erleiden Angst, Stress, grosse Schmerzen und unangenehme Nebenwirkungen der Medikamente. Palliativ-Pflege wird unterlassen, weil Ärzte die medizinische «Niederlage» nicht akzeptieren, weil Angehörige das Unvermeidliche nicht annehmen. Bei der Palliativ-Pflege wird dem Patienten ein möglichst angenehmes Sterben ermöglicht. Weitere lebensverlängernde medizinische Eingriffe werden unterlassen und die Schmerzbekämpfung ist zentral. Der Patient wird nicht mehr auf der Intensiv-Station behandelt, sondern kann in einer ruhigen Umgebung, oft zu Hause, sein Lebensende erleben. Selbstverständlich führt dies dazu, dass im Schnitt einige Tage früher gestorben wird. Die Lebenstage, die verloren gehen, gehören aber kaum zu denen, die wir unbedingt erleben wollen. Mit der Palliativ-Pflege hat der Patient die Möglichkeit ruhig, angst- und schmerzarm aus dem Leben zu gehen. Er wird von Pflegepersonal begleitet, das den Tod des Patienten nicht fürchtet und ihn daher auch mit weniger Hemmungen pflegen kann. Nicht alle Pflegenden können angstfrei mit einem Sterbenden umgehen. Einige sind nervös und meiden den Kontakt mit dem Patienten. Dieser Stress wird von den Patienten wahrgenommen. Krankenschwestern, die den Tod von Patienten akzeptieren können, berichten, dass Patienten mit dem Sterben gefühlsgemäss «warten», bis sie anwesend sind. Durch eine höhere Akzeptanz des Sterbens und den damit vermehrten Einsatz von Palliativ-Pflege können sowohl das Wohl des sterbenden Patienten verbessert werden, als auch Ressourcen aus aussichtslosen Kämpfen mit dem Tod in Bereiche fliessen, wo mehr Lebenszeit gewonnen wird. Ein Tabu, das im engen Zusammenhang mit der Angst vor dem Sterben steht, ist die Frage der Rationierung von medizinischen Leistungen. Es ist noch nicht gesellschaftlich akzeptiert, dass der Einsatz kostspieliger Therapien vom Alter oder den Erfolgschancen eines Patienten abhängig gemacht wird. Wer offene Rationierung ablehnt, ignoriert, dass bei jeder Behandlung eine Rationierung stattfindet. Die geduldete Rationierung auf der Basis von «wer zuerst kommt, mahlt zuerst» maximiert aber nicht das Gemeinwohl. Jede Behandlung, die einem Patienten gewährt wird, kann keinem anderen Patienten gewährt werden. Eine Rationierung auf der Basis von medizinischen Erfolgschancen, unter Berücksichtigung des Alters, findet im Bereich der Organtransplantationen bereits statt. Mit diesen Ansätzen kann auch bei sterbenden Patienten eine wohlfahrtssteigernde Umverteilung der Mittel erfolgen. Wenn die Patienten dank dem gelassenen Umgang mit dem Tod vermehrt Palliativ- statt Intensiv-Pflege nutzen, sterben sie im Schnitt einige Stunden früher. Dadurch können in der teuren Intensiv-Pflege Mittel eingespart werden, wodurch eine grössere Zahl an Betten oder Pflegestunden in einem anderen Bereich finanziert werden kann. Wenn wir gelassener mit dem Tod umgehen, können wir nicht nur den kommenden Generationen etwas Gutes tun, sondern wir tun auch uns etwas Gutes. Den sterbenden Patienten unserer Generationen ermöglichen wir mehr Lebensqualität und wir alle würden von einem verbesserten oder allenfalls auch verringerten Einsatz von Ressourcen und Mitteln im medizinischen System profitieren.

 

Frank-Elmar Linxweiler ist Vorstandsmitglied von oikosinternational und hat eine Unterrichtsassistenz für Volkswirtschaftslehrean der Universität St. Gallen.



Die grösste aller Torheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei.__Arthur Schopenhauer