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Halbfertige Produkte werden durch die halbe Welt gekarrt, um die tiefsten Kosten für jeden Produktionsschritt auszunutzen. Würde sich das ändern, wenn die externen Kosten des Transports berücksichtigt werden? Am Beispiel Socken ergeben sich doch noch einige offene Fragen.
Gipfeli reisen manchmal weit, bis sie bei uns auf dem Frühstückstisch landen. Hiestand,  ein grosser Schweizer Bäckereikonzern, lässt einen Teil seiner Gipfeli in Polen vorproduzieren. Die Bäckerei ist mit diesem Vorgehen nicht alleine. Die Verlagerung von Produktionsschritten in Billiglohnländer liegt im Trend. Diese Verschiebung von Arbeitsplätzen führt auch zu gesellschaftlichen Veränderungen. Bei der Verlagerung geht es um die Ausnutzung geringster Unterschiede der Produktionskosten an verschiedenen Standorten. Dies ist umso besser möglich, je tiefer die Transportkosten sind. Diese setzen sich zusammen aus den Energiekosten (Treibstoff), den Kosten für Fahrzeuge, Lohnkosten für Fahrer und Abgaben an den Staat, welcher Infrastruktur (z.B. Autobahnen) und andere Leistungen (z.B. Sicherheitskontrollen) bereitstellt.

Externe Kosten des Verkehrs
Was bei dieser Rechnung nicht berücksichtigt wird, sind die externen Kosten. Darunter versteht man diejenigen Kosten, welche durch Firmen oder Individuen verursacht, jedoch von der Allgemeinheit getragen werden (z.B. beim Gütertransport und Individualverkehr). Der grösste Teil der verkehrsbedingten externen Kosten fällt im Umwelt- und Gesundheitsbereich an, auch entstehen Gebäudeschäden und daraus resultierende Wertverminderungen. Die externen Kosten zu berechnen, ist schwierig, sie können jedoch grob abgeschätzt werden. Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) hat für die oben genannten Bereiche externe Kosten von 6.24 Rappen pro Tonne und Kilometer für Lastwagentransporte in der Schweiz errechnet. Nicht berücksichtigt sind z.B. Einflüsse auf Klimawandel, Waldschäden und Ernteausfälle. Auch jener Teil der Infrastruktur, welcher nicht durch verursacherspezifische Abgaben wie dem Treibstoffzoll gedeckt ist, wird von der Allgemeinheit finanziert. Das heisst, die externen Kosten werden unterschätzt.

Die hier betrachtete Studie bezieht sich auf den Strassen- und Schienenverkehr in der Schweiz. Diese Zahlen können auch für andere Industrieländer herangezogen werden. Für den Flugverkehr ist uns eine Studie aus dem Jahre 2002 bekannt. Die externen Kosten pro Personenkilometer betragen dabei zwischen 2 und 11 Euro (verglichen mit 3.94 Rappen für Strassen und 1.8 Rappen für Schienenverkehr). Es ist zu erwarten, dass auch die externen Kosten für den Lufttransport von Gütern (mehr Energieverbrauch pro transportierte Tonne) weit höher liegen als für den Landtransport. Für den Schiffverkehr liegen uns keine Zahlen vor.

Was wäre, wenn wir alle diese Kosten berücksichtigen könnten? Würden bei uns wieder Turnschuhe hergestellt? Kämen unsere Äpfel nur noch aus der Schweiz? Würden (Teil-) Produktionsprozesse nicht mehr ausgelagert? Leider gibt es dazu kaum Untersuchungen, aber genügend Unternehmen, anhand derer ein bisschen gerechnet werden kann.

Das Beispiel Socken
Ein Unternehmen, welches Teile seiner Produktion ausgelagert hat, ist die Jacob Rohner AG. Die von ihr produzierten Socken werden in der Schweiz gestrickt und dann nach Portugal gefahren, wo sie in Handarbeit gekettelt werden, das heisst die Zehennaht wird geschlossen. Die fertigen Socken kommen dann wieder in die Schweiz. Laut Benno Gmür, dem Geschäftsführer, kostet das Ketteln von einem Paar Socken in Portugal mitsamt Transport einen Franken. Der Transport inklusive aller Abgaben und Logistikkosten macht dabei 17.5 Rappen aus. Das Ketteln in der Schweiz durchführen zu lassen, würde schätzungsweise drei Franken kosten. Es lohnt sich also, die Socken für diesen Arbeitsschritt 4400 Kilometer durch Europa zu transportieren. So können zwei Franken oder zwei Drittel der Kosten gespart werden.

Wie steht es nun, wenn die externen Transportkosten mit eingerechnet werden? Bei einem Gewicht von 100g pro Paar Socken fallen 2.75 Rappen externe Kosten an. Die Gesamtkosten des Transports pro Paar erhöhen sich so auf 20.25 Rappen. Dies ist eine sehr geringe Erhöhung und weit von den 2 Franken entfernt, die durch die Produktion in Portugal gespart werden.

Und nun?
Natürlich sind die Socken nicht das Mass aller Dinge. Als ein Gut mit hohem Wert pro Kilogramm (200 Fr./kg) machen die pro Tonnenkilometer berechneten externen Kosten wenig aus. Bei schwereren Gütern fallen diese stärker ins Gewicht (Auto/Fernseher: Wert etwa 20 Fr./kg). Zudem würden diese weiter steigen, wenn alle externen Kosten eingerechnet werden könnten. Die hier noch unberücksichtigte Klimaveränderung ist vermutlich die grösste Unbekannte. Zur Zeit sind Studien im Gange, welche versuchen, diese Bereiche zu erfassen.

Die absehbare Zunahme der Energiepreise wird dazu führen, dass die Transport- gegenüber den Produktionskosten mehr ins Gewicht fallen. Somit könnten die externen Kosten durchaus das Zünglein an der Waage sein, das den Transport über weite Strecken unattraktiv macht. Schliesslich stehen die Energiekosten in direktem Zusammenhang mit dem Volumen der in der Welt herum transportierten Güter.

Stellen wir uns mal vor, dass die Energiekosten, resp. die externen Kosten, bedeutend höher wären. Wie würde die Welt aussehen? Können Arbeitsplätze bei uns zurückgewonnen werden? Gibt es hier überhaupt genug Arbeitskräfte, welche diese teilweise einfachen Arbeiten ausführen wollen? Werden sich dadurch mehr regionale Unternehmungen herausbilden und multinationale Unternehmen an Einfluss verlieren?

Stellen wir uns andererseits vor, dass die externen Kosten berechnet und internalisiert werden. Trotz der Internalisierung würde es sich für die Hersteller noch lohnen, Socken weit weg ketteln zu lassen oder die Produktion allgemein in andere Länder auszulagern. Wären die Produktionsauslagerungen und die damit verbundenen Transporte insgesamt sinnvoll für die Gesellschaft, auch wenn Luft verschmutzt und Unfälle verursacht werden?

Die abschliessende Beantwortung dieser Frage liegt in der Macht jedes einzelnen Konsumenten, der mit seiner Kaufentscheidung letztendlich darüber entscheidet, wo und wie ein Produkt produziert wird.

Die in diesem Artikel verwendeten Zahlen stammen aus der Studie «Externe Kosten von Strassen- und Schienenverkehr» vom ARE.
Die Angaben für das Beispiel wurden freundlicherweise von der Firma Jacob Rohner zur Verfügung gestellt.
Studie zum Flugverkehr: www.umweltdaten.de/daten-e/aviation.pdf