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Energie ist eine Notwendigkeit in jeder modernen Gesellschaft. Welche Fragen stellen sich durch den kontinuierlich steigenden Energiebedarf? Ein Interview mit Professor Christian Streffer vom Institut für Wissenschaft und Ethik der Universität Duisburg-Essen.
STUDIO!SUS: Herr Streffer, die sich abzeichnende Verknappung fossiler Ressourcen und der gleichzeitig steigende globale Energiebedarf einer wachsenden Bevölkerung lassen die Versorgung mit Energie immer wichtiger erscheinen. Die Bereitstellung von Energie ist längst keine naturwissenschaftlich-technische Frage mehr. Seit wann und warum ist das Thema Energie auch ein Thema für die Ethik?

Die Frage der Energieversorgung hat die Entwicklung der Menschheit seit jeher entscheidend beeinflusst, wie sich das an der Entdeckung des Feuers, der Entwicklung der Dampfmaschine, der Nutzung der Elektrizität u.a. zeigt. Nahezu 90% des Energieverbrauchs werden heute durch fossile Energieträger gedeckt, die sich dem Ende zuneigen. Das Wachstum der Erdbevölkerung und der steigende Bedarf an Energie finden in den nächsten Jahrzehnten in den Schwellen- und Entwicklungsländern (vor allem in Ost-/Südostasien) statt. Diese Länder wollen an Energieträgern immer stärker teilhaben. Die Verbrennung der nicht ersetzbaren fossilen Energieträger führt zu Umweltproblemen mit globaler Auswirkung. Dieses gilt vor allem für die Zunahme der Treibhausgase in unserer Atmosphäre. Bei einer nachhaltigen Energiepolitik muss man auch an die zukünftigen Generationen denken. In den Industrieländern haben sich schliesslich zunehmend Widerstände gegen Energietechnologien in der Bevölkerung entwickelt. Dies sind wesentliche Gründe dafür, dass bei den notwendigen Entscheidungen ethische Aspekte in die Diskussion einfliessen müssen.

STUDIO!SUS: Welches sind die zentralen ethischen Fragen, die wir uns im Hinblick auf eine langfristige Energieversorgung stellen müssen?

Bei den Entscheidungen über die Auswahl der eingesetzten Energietechnologien sind nicht nur die technische Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit zu betrachten. Es braucht Überlegungen zur Umweltverträglichkeit, zur Sozialverträglichkeit, Langfristigkeit und Verteilungsgerechtigkeit unter Berücksichtigung zukünftiger Generationen. Die Entscheidungen über Energietechnologien bedürfen ethischer Grundsätze. Solche Grundsätze haben sich in den grossen Kulturen der Erde entwickelt und sind von Institutionen wie der UNO und in internationalen Übereinkommen zu Menschenrechten festgehalten worden.

STUDIO!SUS: Im Rahmen des Projektes «Ethische Probleme einer langfristigen globalen Energieversorgung» haben Sie verschiedene Energieoptionen untersucht. Welches sind, nach dem bisherigen Stand Ihrer Untersuchungen, die ungünstigsten Energieoptionen für die Zukunft?

Die Auswahl der Energietechnologien ist immer ein Prozess von Abwägungen. Es gibt keine Energieoption ohne Risiken, alle Energiesysteme sind mit der Emission von Schadstoffen verbunden. Dies gilt auch für die erneuerbaren Energien, für deren Nutzung man spezifische technische Einrichtungen benötigt. Auch die unzureichende Verfügbarkeit ist hier zu berücksichtigen. Bei der Verbrennung fossiler Energieträger stehen die Treibhausgase und bei der Kernenergie die radioaktiven Stoffe mit den Problemen der Endlagerung im Vordergrund. Wasserstoff, der für den Transport von Energie und für weitere Technologien sehr sinnvoll sein kann, ist kein primärer Energieträger, er muss erst unter Verbrauch von Energie hergestellt werden.

STUDIO!SUS: Auf welche Energieoptionen sollten die Hochschulen in Forschung und Lehre jetzt und mittelfristig ihr Augenmerk lenken?

Die Ansätze für Forschung und Lehre sind sehr vielfältiger Art. Ohne Zweifel sollte die Verbesserung der Technologien für erneuerbare Energien, vor allem der Solartechnologien einschliesslich der Entwicklung von Solarthermischen Kraftwerken, ein zukünftiger Schwerpunkt sein. Hierzu gehören Technologien der Energiespeicherung und des Energietransports, um die Probleme der intermittierenden Verfügbarkeit und des Transports der Energie, z.B. aus dem «Sonnengürtel» der Erde in unsere Regionen, zu bewältigen.
Es gilt aber auch eine Effizienzsteigerung konventioneller Kraftwerke sowie die Abtrennung und Speicherung des Kohlendioxids zu erreichen. Für die Kernenergie, ohne die eine ausreichende Energieversorgung während der nächsten Jahrzehnte wohl nicht möglich ist, geht es um die Entwicklung verbesserter Reaktortechnologien wie z.B. des Hochtemperatur-Reaktors mit einer inhärenten Sicherheit, wie er vor allem in China und Südafrika vorangetrieben wird.
In grossen Forschungszentren und auf internationaler Ebene müssen die Möglichkeiten der Energiegewinnung durch Kernfusion weiter bearbeitet werden, wie dies mit dem Bau des ITER in Frankreich unter Beteiligung aller grossen Industrienationen einschliesslich Chinas und Indiens geschieht.

STUDIO!SUS: Welchen Energieoptionen trauen Sie zu, eine gewichtige Rolle in einer zukünftigen nachhaltigen Energieversorgung zu spielen?

Für die Zukunft kommt den erneuerbaren Energien und der Kernfusion eine grosse Bedeutung zu, wenn die angesprochenen technologischen Hürden überwunden werden können. Darüber hinaus kann auch der Gewinnung von Methan aus den Vorkommen von Gashydraten in der kalten Tiefsee und ihren Böden eine wichtige Rolle spielen, wenn es gelingt, das Methan ohne Freisetzung in die Erdatmosphäre zu gewinnen.

STUDIO!SUS: Welche Institutionen stehen Ihrer Meinung nach im Vordergrund, wenn es darum ginge, Standards für eine ethische und zukunftsfähige Energieversorgung aufzustellen und umzusetzen?

Die Standards der Energieversorgung einschliesslich ethischer Fragen sollten als Empfehlungen von interdisziplinären Wissenschaftler-Gremien, in denen die verschiedenen Fachdisziplinen breit gefächert vertreten sind, erarbeitet werden. Sie müssen schliesslich durch die legitimierten politischen Gremien bei der Auswahl der Energietechnologien in den einzelnen Staaten bzw. Vereinigungen wie der Europäischen Union beschlossen und umgesetzt werden. Dabei können Beschlüsse und Übereinkommen in übergeordneten Institutionen wie der UNO mit ihren Untergliederungen oder internationale Konferenzen - z.B. das Kyoto-Protokoll - ausserordentlich hilfreich sein.

Professor Dr. rer. nat. Dr. h.c. Christian Streffer ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Wissenschaft und Ethik der Universitäten Bonn und Duisburg-Essen. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit dem Projekt «Ethische Probleme einer langfristigen globalen Energieversorgung».