sustainability – your responsibility.

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MIT DEM OBLIGATORISCHEN ERGÄNZUNGSSTUDIUM «STUDIUM FUNDAMENTALE» WILL EINE DEUTSCHE UNIVERSITÄT DIE EIGENINITIATIVE UND DAS KRITISCHE DENKEN DER STUDENTEN FÖRDERN. STATT VORLESUNG GILT OFT DAS MOTTO «DISKUTIERT, WAS EUCH WIRKLICH INTERESSIERT!».

Seit ihrer Gründung 1982 legt die Privatuniversität Witten-Herdecke viel Wert auf eine ganzheitliche, die Persönlichkeit fördernde und praxisnahe Ausbildung. Ein zentraler Bestandteil jedes Studiengangs ist das Studium Fundamentale (StuFu), welches die Studenten einen Tag pro Woche besuchen müssen. Das Veranstaltungsangebot des StuFu umfasst die vier Bereiche refl exive, kommunikative und künstlerische Kompetenz, und freie Initiativen. Um Eigeninitiative und Selbständigkeit zu fördern, werden Studenten oft ins kalte Wasser geworfen. Die Universität hat Erfolg: Ihre Absolventen sind sehr gefragt, und das StuFu wurde vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft ausgezeichnet.

STUDIOSUS: Welches Ziel verfolgt das Studium Fundamentale?
→Das StuFu ist ein Programm, um die Grenzen der eigenen Erkenntnisweise zu refl ektieren, um einen inneruniversitären Diskurs zu unterstützen und auch, um künstlerische Erfahrungen ins Studium zu integrieren. Wir machen dieses verpfl ichtende Veranstaltungsangebot, um Studierende aller Fakultäten bei den unterschiedlichsten Themen miteinander ins Gespräch zu bringen. In den Seminaren sitzen dann Wirtschaftswissenschaftler neben Medizinern neben Kulturwissenschaftlern neben Biowissenschaftlern, je nach Thema. Wir verfolgen eine polylogische Bildungsidee, das heisst, dass wir geben den Studierenden Gelegenheit zur Konfrontation mit ganz verschiedenartigen Sinnordnungen. Die Musik, die Kunst überhaupt, hat eine ganz andere Sinnordnung als die Philosophie und die Kulturwissenschaften. Künstlerische, organisatorische, und refl exive Erfahrungen sollen gleichberechtigt sein und sich ergänzen.

STUDIOSUS: Wie erreicht das StuFu seine Ziele?
→Das Gelingen des StuFu hängt natürlich von den Teilnehmern und den Dozenten ab. Sie müssen vielseitige Persönlichkeiten sein, offen für Perspektivenwechsel und immer neue intellektuelle Konfrontationen suchen. Auch eine bestimmte Unkonventionalität der Lehrenden ist Voraussetzung. Die Kerndozenten im StuFu verstehen sich gut und haben viel informellen Austausch miteinander. Dass unsere Uni klein ist, begünstigt dies.
Wir haben keine besonders elaborierte Didaktik. Es gibt nur wenige Prinzipien, die aber sehr wichtig sind. Das wichtigste Prinzip ist, dass wir keine Frontalvorlesungen wollen, sondern Dialog. Desweiteren ist uns Vorbereitung wichtiger als Nachbereitung. Es geht darum, sich in Texte einzuarbeiten, um sie dann im Seminar diskutieren zu können. Wir versuchen auch, möglichst mehrere Dozenten aus verschiedenen Fachgebieten zu kombinieren. Die resultierende Perspektivenvielfalt gehört mit zur polylogischen Bildungsidee. Wir organisieren eine ganze Reihe von alternativen Veranstaltungsformaten wie z.B. Gesprächsrunden, Filmreihen oder Wissenschaftsreisen. Es gibt auch viele studentische Impulse und Initiativen.

STUDIOSUS: Wie sehen Sie die Zukunft des StuFu?
→ Bedauerlicherweise haben die Studenten durch staatliche Regelungen immer weniger Zeit. So wird die Freiheit beeinträchtigt, Angebote des StuFu nach eigenem Interesse zu nutzen. Das ist schade, da von unseren Alumni immer wieder zu hören ist, dass sie das StuFu als profi lbildendes und identitätsgebendes Element in ihrer Studienzeit erfahren haben. Gleichzeitig beobachte ich aber, dass in Deutschland das Interesse an generalistischen Studienmodellen wächst, und auch Arbeitsgeber vermehrt darauf achten, was Absolventen neben ihrem Spezialgebiet drauf haben. Die Idee des StuFu wurde zum Beispiel durch das «Kontext Studium» in St. Gallen aufgenommen.

Kurzbiographie:
Matthias Kettner ist Professor für Philosophie, zudem Diplompsychologe, und Autor mehrerer Bücher, zuletzt «Biomedizin und Menschenwürde » (Suhrkamp 2004). Seit 2004 ist er Dekan der Fakultät für das Studium Fundamentale.

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