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FLORIANNE KOECHLIN HAT SICH IN IHREM NEUEN BUCH AUF «STREIFZÜGE DURCH WISSENSCHAFTLICHES NEULAND » BEGEBEN. SIE GEHT DER FRAGE NACH, WAS LEBEN AUSMACHT — OB KÜHE EINE SEELE UND PFLANZEN EINE WÜRDE HABEN.

Florianne Koechlin beschäftigt sich seit Jahren mit praktikablen Alternativen und Erweiterungen zum bestehenden, allzu einseitigen Wissenschaftsverständnis. Insbesondere befasst sich mit Gegenentwürfen zur Gentechnik in der Landwirtschaft und mit naturphilosophischen Fragen. Sie ist Mitglied der eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH). Die EKAH berät den Bundesrat und die Behörden bei Gesetzgebung und Vollzug im Bereich der ausserhumanen Bio- und Gentechnologie. Zurzeit berät die Kommission, was es bedeutet, der Würde der Kreatur Rechnung zu tragen, wie dies von der Verfassung verlangt wird. Dies ist denn auch ein Thema von Koechlins neuem Buch «Zellgefl üster». Das Buch erzählt von der Suche nach der Würde der Pfl anzen, nach dem, was Leben ausmacht — ein Streifzug durch wissenschaftliches Neuland. Koechlin spricht mit dem Molekulargenetiker Marcello Buiatti, dem Quantenphysiker Hans-Peter Dürr, dem Schamanenkenner Jeremy Narby, der indischen Öko-Aktivistin Vandana Shiva und dem Insektenforscher Hans Herren. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse treffen auf uraltes Wissen und versuchen eine Ahnung davon zu geben, was Leben sein könnte.

STUDIO!SUS: Frau Koechlin, können Wesen wie Pfl anzen eine Würde haben?
→ Würde ist ein schwieriger Begriff. Das Wort stammt vom althochdeutschen «Wirdekeit» ab und bedeutet «Wert» oder «Wertsein». Wenn Tiere und Pfl anzen eine Würde haben, so heisst das, dass sie einen Wert für sich selbst haben — unabhängig davon, ob sie für uns Menschen einen Nutzen haben oder nicht. Darüber hinaus belegen neue Forschungen, dass Pfl anzen mit Hilfe von Duftvon stoffen miteinander kommunizieren. Sie können auch lernen und sich erinnern. Pfl anzen sind also keine Roboter, bei denen alles von Anfang an vorbestimmt und genetisch programmiert ist, sie verhalten sich adaptiv — wie Individuen dies tun.

STUDIO!SUS: Muss man in der Konsequenz anders mit den Pfl anzen umgehen?
→ Wahrscheinlich schon. Die Frage, ob Pfl anzen Schmerzen oder ein Bewusstsein haben, können wir heute nicht beantworten. Wir wissen es schlicht nicht. Die Forschung bietet erst kleine Einblicke. Schwierig ist, dass man die Anpassungsmechanismen, die Kommunikation und die Sensibilität der Pfl anzen oft nur in der wilden Natur fi ndet, nicht im Labor. Darum kam man diesen Phänomenen lange nicht auf die Spur.
Zurück zur Würde: Die Frage ist da nicht, ob man noch Salat essen darf oder nicht (alle Tiere fressen — direkt oder indirekt — Pfl anzen!), sondern, wo die Grenzen sind. Für mich gibt es deren zwei. Die erste ist die Patentierung der Pfl anzen. Werden Pfl anzen patentiert wie irgendwelche Chemikalien oder Maschinen, so bedeutet dies eine Missachtung ihrer Würde. Deshalb ist diese Patentierung unter anderem aus ethischen Gründen abzulehnen. Die zweite Grenze ist die Terminatortechnologie. Diese manipuliert die Pfl anzen gentechnisch so, dass ihre Samen steril sind. Vielleicht kommen weitere hinzu — wir sind noch mitten in der Diskussion.

STUDIO!SUS: Ist es denn überhaupt möglich, eine Pfl anze gentechnisch zu verändern, ohne ihre Würde zu verletzen?
→ Mir fehlen die Informationen, um dies beurteilen zu können. Dass ich gegen die kommerzielle Freisetzung von gentechnisch manipulierten Pfl anzen bin, hat vor allem mit ökologischen und sozialen Risiken zu tun.
Ob es die Würde einer Pfl anze verletzt, wenn man ihre Gene verändert, kann verschieden begründet werden. Man könnte argumentieren, dass dieser Eingriff auf der genetischen Ebene geschieht und damit so tief ist, dass er die Würde verletzt. Dagegen könnte man sagen, dass die Pfl anze, soweit sie ihre Fähigkeit sich anzupassen und sich fortzupfl anzen behält, in ihrem Wesen gewahrt wird und ihre Würde somit nicht missachtet wird.

STUDIO!SUS: Bist du mit deinem Buch gewissermassen an die Grenzen der Wissenschaft gestossen?
→ Für mich ist das Charmante am Buch, dass die Molekularbiologie heute selber zeigen kann, dass Pfl anzen kommunizieren und sensibel sind. Was meine Tante mit dem grünen Daumen immer gesagt hat, aber bis dahin als emotional und unwissenschaftlich belächelt und abgetan wurde, wird jetzt immer mehr wissenschaftlich anerkannt.
Das hat auch historische Gründe. Seit den 1970er Jahren war das Gendogma dominant. Es besagt, sehr vereinfacht: Gene sind «das Buch des Lebens», sie determinieren alles Leben. Obwohl es schon früh KritikerInnen gab, konnte sich das Dogma halten, vor allem in der kommerziellen Agrogentechnik. Auch weil es ökonomisch gut rentiert — beispielsweise mit den Patenten. Dieses Gendogma begann in den letzten zehn Jahren zu bröckeln, insbesondere wegen der Epigenetikforschung (wie, wann und wo werden Gene ein- oder ausgeschaltet). Das Bild öffnet und dreht sich — eine neue Sicht des Lebens wird möglich. Das bedeutet aber nicht, dass das Gendogma nicht stimmt, sondern nur, dass seine Grenzen nicht anerkannt worden sind. Es ist viel zu eng — eine mechanistische Utopie des letzten Jahrhunderts.
Mir wird oft die Frage gestellt: Wollen Sie den Fortschritt, also Gentechnik, oder wollen Sie zurück ins vorletzte Jahrhundert, also Biolandbau? Das ist komplett falsch! Die Frage ist, welchen Fortschritt wir wollen. Wenn Pfl anzen als roboterähnliche und isolierte Objekte aufgefasst werden, hat Gentechnik und das Patentieren von Pfl anzen eine gewisse Logik (jenseits der Risiko- und gesellschaftspolitischen Fragen). Wenn aber Pfl anzen sensible, anpassungsfähige Subjekte sind, ist ein holistischer (ganzheitlicher) Systemansatz nötig. Und da gibt es interessante neue Forschungsfelder. Zum Beispiel wird versucht, die Duftstoffe der «Pfl anzensprache» zu entziffern und in der Landwirtschaft gezielt einzusetzen, etwa, um Pfl anzen vor Frassfeinden zu warnen. Der Amerikaner Jeremy Rifkin formuliert es so: «Traditionell hielten wir die Wissenschaft für ein Werkzeug, um die Ressourcen der Natur auszubeuten. Einer neuen Generation von Forschern schwebt aber etwas ganz anderes vor: mittels Wissenschaft Umweltbeziehungen wieder in Kraft zu setzen und natürliche Gemeinschaften aufzubauen.»

Kurzbiographie:
Florianne Koechlin, 1948, studierte Biologie und Chemie. Sie ist Geschäftsführerin des Blauen-Instituts, Stiftungsrätin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und der Swissaid sowie Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission. Sie ist Autorin verschiedener Bücher.

Weiterführendes:
→Florianne Köchlin Zellgefl üster. Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland. 2005, Lenos Verlag, 256 Seiten, 36 CHF, ISBN 3-85787-368-X.
→ Kritische Beurteilung von Gentechnik: www.blauen-institut.ch.

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