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JEDER KENNT DEN DALAI LAMA. JEDER HAT EIN BILD VON IHM. WIE WÜRDE DIE MEHRHEIT IHN BESCHREIBEN? WEISE UND LIEBENSWÜRDIG, ABER UNSERER KULTUR FREMD? GEHT ES UM DIE WISSENSCHAFT, KANN VON FREMDHEIT NICHT DIE REDE SEIN.

In seinem neuen Buch «Die Welt in einem einzigen Atom» erzählt der Dalai Lama von seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Wissenschaft. Ihn interessiert das Neue, die Technik. Er nimmt gerne Uhren auseinander und erforscht die in Tibet raren Autos. Anstelle der buddhistischen Philosophie fasziniert ihn der neue Filmprojektor.
Die Neugier bleibt ihm erhalten. Er entdeckt die Naturwissenschaften; bzw. die Naturwissenschaftler. Seine Stellung ermöglicht ihm Unterricht bei den besten Lehrern. Der Dalai Lama hat und hatte Freundschaften mit Wissenschaftlern wie Carl Friedrich von Weizsäcker, Karl Popper, David Bohm, Francesco Varela. Er bittet um Erklärungen, führt Gespräche, besucht Labors und Forschungsinstitutionen; er erarbeitet sich fundierte Kenntnisse.
Aus dem Exil in Indien organisiert er ab den achtziger Jahren «Mind and Life» Konferenzen. Sie haben zum Ziel den Dialog zwischen Buddhismus und Wissenschaft anzuregen. Forscher und der Dalai Lama treffen sich und diskutieren über Quantenphysik, Evolutionslehre, Genetik oder Urknallforschung. Das wichtigste Thema ist jedoch das Bewusstsein.

SEINE SCHLUSSFOLGERUNG
Der Dalai Lama sucht Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Buddhismus und der Wissenschaft. Es geht ihm um die Frage, welches Weltbild schafft einem die Wissenschaft und wo hat es seine Grenzen? Die Grenzen zieht für ihn die wissenschaftliche Methodik, welche Messbarkeit und Wiederholbarkeit voraussetzt. Dadurch fallen zentrale Erfahrungen des Menschseins, wie individuelle Erlebnisse, künstlerische Kreativität und das Unterscheiden zwischen Gut und Böse durch das Netz der Wissenschaft. Er kommt zum Schluss: Beschränkt man seine Auffassung der eignen Existenz auf die wissenschaftlichen Fakten, ist das Resultat eine reduktionistische, materialistische Haltung, die nur einen Teil der Wirklichkeit erfasst. Ein weiteres Anliegen ist, dass die buddhistische Lehre mit wissenschaftlichem Wissen korrigiert und ergänzt wird. Die Ausbildung der Mönche soll naturwissenschaftliches Basiswissen enthalten. Zu diesem Zweck wurde vom Dalai Lama «Science meets Dharma» gestartet. Es ermöglicht seit 2001, dass tibetische Mönche Grundlagen der Naturwissenschaften erlernen können. Mitbegründer und Berater des Projekts ist der Nobelpreisträger für Chemie Richard R. Ernst, der freundlicherweise zu einem Interview bereit war.

STUD!OSUS: Was ist «Science meets Dharma»?
→ Science meets Dharma steht für ein Projekt, welches vom Dalai Lama im Jahr 2001 angeregt wurde und das vom Tibet-Institut Rikon in der Schweiz durchgeführt wird. Es will tibetischen Mönchen und Nonnen in Indien eine naturwissenschaftliche Grundausbildung geben und Einblicke in unsere westliche Denkart ermöglichen. Es geht dabei nicht um Missionieren, sondern um die Stärkung des Selbstbewusstseins der Mönche bzw. des tibetischen Buddhismus durch Kenntnis der modernen Welt.
Es reisen Lehrer aus der Schweiz nach Indien und unterrichten dort in den grossen Exil-Klöstern. Sie lehren in englischer Sprache Mathematik und Naturwissenschaften etwa auf Mittelschulniveau. Im Moment sind es ca. sechs Schweizer Lehrer, die während ein oder zwei Jahren in Mönchs-, wie auch in Nonnenklöstern engagiert sind. Es sind meist junge Leute, die gerade das Studium abgeschlossen haben, aber auch pensionierte Mittelschullehrer. Sie treffen dort auf Menschen, die sehr offen und interessiert sind. In Zukunft wollen wir in weiteren Klöstern einen solchen Unterricht anbieten.

STUD!OSUS: Wie sind Sie in Kontakt mit dem tibetischen Buddhismus und dann mit dem Projekt Science meets Dharma gelangt?
→ Für den nötigen Ausgleich zur wissenschaftlichen Tätigkeit habe ich mich schon früh mit Musik, Literatur und bildnerischer Kunst beschäftigt. Nach dem Postdoc in den USA reiste ich 1968 mit meiner Frau über Asien zurück. Wir bereisten unter anderem Nepal. Dort sah ich zum ersten Mal ein Thangka; ein tibetisches religiöses Rollbild. Diese farbenprächtigen, hochkomplexen Thangkas haben mich sofort fasziniert und ich sammle sie seit dieser Zeit.
Es sind Bilder voller religiöser Symbolik. Eine Voraussetzung sie zu verstehen ist, dass man sich mit tibetischer Kultur und mit Buddhismus beschäftigt. So kam ich in Kontakt mit dem tibetischen Buddhismus und mit dem Tibet-Institut Rikon. Seit der Anregung durch den Dalai Lama bin ich bei der Konzeption und Organisation von Science meets Dharma dabei. Seit zwei Jahren bin ich auch Mitglied des Stiftungsrates des Tibet Institutes.

STUD!OSUS: Was ist der Nutzen für die Wissenschaftler, wenn sie nach Indien unterrichten gehen?
→ Eine Horizonterweiterung, egal in welche Richtung, ist nützlich. Der Kontakt mit den tibetischen Mönchen ist dabei eine gute Möglichkeit, denn sie geben Einblick in eine faszinierende, andersartige Welt. Sie sind offen für Neues und können es auch integrieren. Der Buddhismus ist nicht dogmatisch und bietet viele Perspektiven. Er steht der Wissenschaftlichkeit nicht im Weg. Der Buddhismus kennt philosophische Analysen und eine ethische Haltung, welche jedem etwas bringen kann.

STUD!OSUS: Welche Bedeutetung hat der Buddhismus für Sie?
→ Ich bin kein Buddhist. Doch ich schätze die buddhistische Philosophie als Quelle für Anregungen. Sie hat eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Zusammenhänge, die uns oft fehlt. Dies kann befruchtend sein. Ein Bild kann meine Haltung vielleicht am besten beschreiben. Auf der Strasse in die Zukunft humpeln wir Wissenschaftler eigentlich nur auf einem, dem wissenschaftlichen Bein. Einbeinige Fachidioten bringen es aber meistens nicht sehr weit. Das zweite Bein, das die anderen Passionen repräsentiert, ist ebenso wichtig. Es kann auch die wissenschaftliche Kreativität sehr positiv beeinfl ussen. Meist kommen ja die guten Ideen spontan durch Analogieschlüsse aus einem der Wissenschaft fremden Gebiet. Doch ohne intensive Beschäftigung mit dem «fremden» Gebiet geht es nicht.

Kurzbiographie:
Richard R. Ernst ist emeritierter Professor für physikalischer Chemie der ETHZ. Für seine Beiträge zur Kernresonanz-Spektroskopie erhielt er 1991 den Nobelpreis für Chemie. Er ist Sammler von antiken tibetischen Thangkas und Kenner tibetischen Kultur.

Weiterführendes:
→ Dalai Lama Die Welt in einem einzigen Atom. Meine Reise durch Wissenschaft und Buddhismus. 2005, Theseus Verlag, 260 Seiten, 36.10 CHF, ISBN 3-89620-270-7.
→ Mind and Life Konferenzen www.mindandlife.org.
→ Science meets Dharma www.sciencemeetsdharma.org.

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