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«WER VON DER QUANTENTHEORIE NICHT SCHOCKIERT IST, HAT SIE NICHT VERSTANDEN.» NIELS BOHR − WIE STELLT SICH DIE QUANTENPHYSIK DIE WELT VOR? WIE ERFORSCHT SIE SIE? ANTWORTEN VOM PHYSIKER UND PHILOSOPHEN HANS-PETER DÜRR.

Die Quantenphysik wurde mit der Entdeckung von Lichtquanten durch Max Planck und Albert Einstein zwischen 1900 und 1905 aus der Wiege gehoben. Das Paradox, dass Licht gleichzeitig Welle und Teilchen sein kann, wurde 1925 aufgelöst. Mit einer radikalen Neuinterpretation der Phsyik von Werner Heisenberg, Niels Bohr, Max Born und Wolfgang Pauli stand die Physik vor einem neuen Realitätsbild.
Fritjof Capra verwendet das Bild eines Theaters, um die Veränderung im Realitätsbild der Physik zu beschreiben: Das Theater besteht aus Zuschauern, einer Bühne und Schauspielern. Der Zuschauer ist unser beobachtender Geist. Die Bühne ist Zeit und Raum und die Schauspieler sind die Materie. Nach Newton sind Zuschauer und Bühne konstant. Das Schauspiel der Welt besteht lediglich aus bewegter Materie. Durch Einsteins Relativitätstheorie sind Raum und Zeit keine Konstanten mehr. Bühne und Schauspieler beeinfl ussen sich gegenseitig. Mit der Quantenphysik ist, was auf der Bühne passiert, nicht mehr unabhängig vom Zuschauer, es ist untrennbar vom Schauspiel!
Doch was heisst das nun? Wie kann man sich diese Realität vorstellen und wie kann man sie erforschen? Hans-Peter Dürr versucht, darauf Antworten zu geben. Ein Auszug aus einem Sternstunde Philosophie-Interview des Schweizer Fernsehens mit Fragen von Stephan Klapproth.

KLAPPROTH: Muss man, um die Quantenphysik zu begreifen, ein Spezialtalent in Mathematik haben?
→ Nein, die Mathematik war für mich gar nicht der Zugang, sondern, was Heisenberg gesagt hat. Nämlich, dass die Welt im Grunde etwas ganz anderes ist, als wir uns das vorstellen. Wir sehen die Welt als etwas, das wir von aussen betrachten können, so als ob wir als Beobachter keine Rolle spielen würden. Heisenberg sagt, dass das nur vorgetäuscht ist. Die Welt ist eigentlich eine Beziehungsstruktur, aus der sich der Beobachter nicht problemlos herauslösen kann.

KLAPPROTH: Was ist das «Quantengeheimnis»?
→ Die moderne Physik ist eine ganzheitliche, holistische Theorie. Die Wirklichkeit ist von einer Struktur, die es nicht erlaubt, sie in Teile zu zerlegen, ohne ganz wesentliche Verbindungen zu zerstören. Im Grunde gibt es keine Materie. Materie hat für uns etwas sehr verlässliches, weil man es in die Hand nehmen kann, man kann es begreifen. Deshalb haben wir auch Begriffe dafür gebildet. Für uns besteht das Weltgeschehen aus Materie, die irgendwie den Urgrund ausmacht. Aber die Anordnung von Materie ändert sich in jedem Augenblick. Dafür haben wir die Naturgesetze, die erklären, wie sich die Materie verteilt. Und wenn man diese Naturgesetzte kennt, dann kann man vorhersagen, was in Zukunft mit der Materie passiert, aber auch, woher sie gekommen ist. Man kann nach vorne und zurück rechnen. Das Wichtige aber ist, herauszufi nden, was Materie eigentlich ist – Materie, reine Materie ohne Form.

KLAPPROTH: Seit fast zweitausend Jahren sucht man das kleinste Teil, das Atom. Nun haben sie «nichts» gefunden. Gibt es dieses kleinste Teil gar nicht?
→Richtig. Erst dachte man, dass das chemische Atom das kleinste ist. Dann hat man gesehen, dass es noch eine Struktur besitzt. Man wollte aber etwas haben, was keine Struktur hat. Also hat man es auseinander genommen und hat kleinere Teilchen gefunden. Dabei hat man festgestellt, dass diese Teilchen eigentlich nicht mehr die Eigenschaften von Teilchen haben, sondern dass sie nur noch Form sind. Das ist für uns unverständlich, dass die Form eine primärere, fundamentalere Bedeutung hat als die Materie. Wir verstehen die Form als eine Anordnung von Materie. Aber nun stellte man fest, dass Form viel fundamentaler ist. Am Anfang gibt es nur Verbundenheit und nichts, was verbunden ist!

KLAPPROTH: Können sie andeutungsweise sagen, was die Welt im Innersten zusammenhält?
→ Die Antwort ist: Es existiert überhaupt nichts! Weil «Existieren» heisst, dass ich etwas in die Hand nehmen kann. In diesem Sinne existiert nichts, denn wenn wir die Teile eines Atoms zu greifen versuchen, ist nichts da. Sie bestehen nur aus Zusammenhang und wenn ich den zu greifen versuche, habe ich ihn zerstört. Damit ist das, was ich greifen wollte, entwichen.

KLAPPROTH: Vielleicht sind unsere Instrumente einfach zu ungenau. Planck hat einmal an Niels Bohr geschrieben: «Vielleicht würde der liebe Gott sehen, wo die Teilchen wirklich sind.» Könnte Gott das sehen?
→Nein. Denn es ist nicht so, dass etwas da ist und wir nicht die Fähigkeit haben, es zu sehen. Sondern wir wissen, dass es am Anfang gar nicht existiert. Was wir sehen, ist ein Fussabdruck, der sich hinterher ergibt. Aber der Fussabdruck ist nicht der Mensch, der ihn gemacht hat.

KLAPPROTH: Ein Fussabdruck von was?
→ Ja, das ist eben etwas, was nicht in unsere Sprache passt. Wie wollen wir von etwas sprechen, was wir nicht begreifen können? Wenn man ein Bild nehmen will, dann würde ich sagen: Die Wirklichkeit ist nicht Realität (Realität kommt von «res» Ding), nicht dingliche Wirklichkeit. Sondern wir sagen, die Wirklichkeit ist Potentialität, sie ist nur die Möglichkeit, sich als Realität zu manifestieren. Dann fragt man: «Wie soll ich mir das vorstellen?» Es ist so ähnlich wie mit unseren Gedanken. Bevor wir einen konkreten Gedanken fassen, gehen wir durch ein Stadium, in dem wir sagen: «Ich habe eine Ahnung.» Und jetzt frage ich: «Was ist deine Ahnung?» Und sie sagen: «Das kann ich nicht sagen.» Denn wenn sie über das sprechen, was eine Ahnung ist, verwandeln sie es in etwas Konkretes, in Bilder. Aber die Ahnung kommt, bevor sie gesprochen haben. Das heisst, sie können sagen, die Wirklichkeit hat die Form einer Ahnung, bevor ein konkreter Gedanke im Kopf ist. Aber jede Ahnung führt zu einem konkreten Gedanken. Wenn der konkrete Gedanke da ist, ist die Ahnung verschwunden. Das, was zuerst da war und viele Möglichkeiten hatte, ist nun zu etwas Konkretem geworden und das Andere ist verschwunden. Ein Massenmord an anderen Möglichkeiten der Manifestation.

KLAPPROTH: Wo treffen sich die Quantenphysik und die Alltagserfahrung der Wirklichkeit?
→ Wir haben diese komische Physik, die sagt, – und jetzt mache ich etwas gefährliches – dass die Wirklichkeit nicht aus Materie, sondern aus Geist besteht. Dieser Geist hat ganz komische Gesetze. Er ist nicht im Raum angesiedelt, er hat keine Kausalität, d.h., dass Ursachen nicht zu bestimmten Wirkungen führen. Er kennt den Zeitbegriff nicht, er ist sehr lebendig und Dinge entstehen und verfallen wie ein Gedanke. Wenn ich nun den Durchschnitt dieser ungreifbaren «Sauce» nehme, bekomme ich genau die alte Physik. Wir sehen die Welt so, wie der Bürgermeister von Zürich den Zürcher durch die Statistik sieht. Die individuellen, kreativen Eigenschaften, die Lebendigkeit werden herausgemittelt. Die klassischen physikalischen Gesetze sind genau auf der Ebene dieses Durchschnittes formuliert. Aber der Bürger auf der Strasse hat Eigenschaften, die in der pauschalen Beschreibung nicht vorkommen. Nun ist die Frage, ob wir sehen können, dass die Materie eine ausgemittelte Sache ist. Die Antwort ist ja!
Das, was wir Lebendigkeit, was wir Geist nennen, ist eine Möglichkeit, in den Urgrund der Wirklichkeit zu sehen. Dabei merken wir, dass da noch etwas ganz Anderes als Materie ist. Wir haben den Eindruck, wir hätten unlebendige Materie und der Geist wird hineingegossen. Das nennen wir Mensch. Meiner Ansicht nach ist der Geist etwas, was von Natur aus überall ist. Nur bei der unbelebten Natur kommt er nicht zum Vorschein, weil er weggemittelt ist. Bei der lebendigen existiert eine Struktur, in der er in unserer Welt sichtbar wird.

KLAPPROTH: Wie kann man mit unserer Sprache und begriffl ichen Denken Dinge herausfi nden, die nicht in diese Strukturen passen? Ist das nicht paradox?
→ Nein, das ist kein Widerspruch, da wir ja lebendig sind. Weil wir lebendig sind, haben wir einen doppelten Zugang zur Wirklichkeit. Wir haben den groben Zugang – den äusseren Blick auf die Welt – die alte Physik. Aber ich erlebe auch Dinge, bei denen ich Mühe habe, sie auszudrücken. Das liegt daran, dass ich ein Teil dieser Welt bin; nicht ein Aussenstehender, sondern ein Beteiligter. Aber ich habe Mühe, es in eine Sprache des Äusseren zu packen. Wissenschaftler haben immer eine Periode, in der sie eine Ahnung haben. Und dann kommt plötzlich, eines Nachts, die Idee. Aber woher kommt die Idee? Nicht aus der Anschauung, sondern aus irgendetwas in einem drinnen, wo wir angeschlossen sind, und so bringen wir etwas in die Welt.

Kurzbiographie:
Hans-Peter Dürr, geboren 1929 in Stuttgart, bis 1997 Direktor des Werner-Heisenberg-Instituts am Max-Planck-Institut in München, engagiert sich politisch und gesellschaftlich für eine zukunftsfähige Welt. Er bekam den alternativen Nobelpreis und ist Gründer des «Global Challenges Network» (www.gcn.de).

Weiterführendes:
→ Sternstunde Philosophie zum Thema Quantenphysik mit Hans-Peter Dürr, als VHS oder DVD für 53 CHF (inkl. Versand), bestellen bei: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
→ Potsdamer Manifest und Denkschrift 2005 Konsequenzen aus dem neuen Realitätsbild für die Gesellschaft. www.vdw-ev.de/manifest.

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