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«WISSEN KANN MAN LERNEN, WEISHEIT ABER NICHT», SCHREIBT HERMANN HESSE IN SEINEM ROMAN «SIDDHARTA ». UND WEITER: «MAN KANN SIE FINDEN, MAN KANN SIE LEBEN, MAN KANN VON IHR GETRAGEN WERDEN, MAN KANN MIT IHR WUNDER TUN, ABER SAGEN UND LEHREN KANN MAN SIE NICHT.»

Damit ist das Gefälle zwischen Wissenschaft und Weisheit aus Dichter-Perspektive umrissen. Auf der einen Seite steht intellektuelles Streben nach gesicherter Erkenntnis. Aber es schmeckt etwas schal. Denn es birgt keinerlei Garantie, jenes erstrebenswertere Ideal zu erreichen: Weisheit. Weise sind keine Theoretiker, sondern Meister in der Kunst, Unsicherheit zu ertragen. Geübt darin, an der eigenen Endlichkeit und Unvollkommenheit nicht zu verzweifeln. Ihre Botschaft heisst nicht Fortschritt, sondern Innehalten.
Das beleidigt und verhöhnt die Wissenschaft. Die Weisen interessiert es nicht sonderlich, ob Physiker statt der Atome die Quarks als winzigste Teilchen identifi zieren. Dass Molekularbiologen nach dem Genom von Fruchtfl iege und Mensch nun auch das der Maus entschlüsselt haben. Ob Mediziner nach Nieren, Herzen und Lebern vielleicht bald Hirne transplantieren. Sie wissen: Je ungestümer die Menschen ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen trachten, desto höhnischer wirkt der uralte und unentrinnbare Begleitrefrain: Naturkatastrophen- Krankheiten-Kriege-Gewalt-Tod.
Die von Hermann Hesse beschriebene Kluft zwischen Wissenschaft und Weisheit ist ein Neuzeit-Phänomen. In der Antike existiert sie nicht. Seit 2400 Jahren sind die führenden Denker auf der Suche nach universellen Prinzipien, nach unumstösslichen Gewissheiten, nach der mathematischen Ordnung der Natur. Und nennen sich «Freunde der Weisheit», Philosophen. Denn welchem anderen Zweck als dem richtigen, dem guten Leben könnte Wissenschaft dienen?
Platon glaubt an die Identität von Wissen und Tugend und ersinnt einen idealen Staat unter der Führung von «Philosophen-Königen». Aristoteles sieht — neben Logik und Physik — Ethik als dritte Säule der Philosophie.
Weisheit gilt in der damaligen Epoche als «Wissen um die göttlichen und menschlichen Dinge». Das wird ihr Verhängnis, denn mit «göttlichen Dingen» beschäftigen sich die Gelehrten seit der Aufklärung ungern. Vor allem Naturwissenschaftler scheuen fortan Metaphysik und beschränken ihr Erkenntnisspektrum auf experimentell Belegbares.

DAS «HEILIGE» IST VERSCHWUNDEN, DIE SEHNSUCHT NACH TIEF-SINN NICHT.
Als Sehnsucht existiert Weisheit dennoch störrisch fort. Auch moderne Genres wie Fantasy und Science Fiction verdanken ihre Magie erst den weisen, oft skurrilen Ratgeberfi guren: dem Zauberer Gandalf im «Herrn der Ringe». Dem Orakel in «Matrix», das von einer ältlichen Hausfrau in ihrer Küche verkörpert wird. Oder Yoda, der grossohrigen Eminenz im «Krieg der Sterne».
Kein Wunder. Es ist allzu deutlich, dass das ziellose «Wissen schaffen» ein zwiespältiges Vergnügen ist. Isaac Newton kann wissenschaftliche Neugier noch naiv schildern: «Ich sehe mich als kleinen Jungen, der am Strand spielt und schöne Muscheln und bunte Steine fand, während das unendliche Meer der Wahrheit unerforscht vor ihm lag.» Seine Nachfolger registrieren als Ergebnis ungebremsten Forschungsdrangs nicht nur Aspirin, Mondlandung und Internet, sondern auch Gaskammern, Atompilze und Tarnkappenbomber.
Tendenz: beunruhigend. Der akademische Alltag im 21. Jahrhundert verträgt sich schlecht mit Weisheitsmerkmalen wie Ruhe, Güte, Freundlichkeit, Gelassenheit, Geduld, innerer Unabhängigkeit. Dagegen sprechen schon das Gerangel um Stellenbesetzungen und der Veröffentlichungsdruck. Noch schwerer wiegt die Abhängigkeit von Auftraggebern mit Eigeninteresse. Die fi nanzieren selten Ethik-Lehrstühle oder Lebenskunst-Curricula. In den USA, dem Land mit dem grössten Forschungsvolumen weltweit, wird inzwischen mehr als die Hälfte der verfügbaren Gelder für militärische Forschung ausgegeben: 2005 waren es 75 Milliarden Dollar.

 

DIE MODERNE WISSENSCHAFT MUSS VERDRÄNGTE WURZELN NEU ENTDECKEN.
Wer sich um eine Annäherung von Wissenschaft und Weisheit bemüht, stösst auf drei grundsätzliche Hindernisse:
→ die abendländische Überbetonung des Intellekts;
→ die Überheblichkeit gegenüber den Weisheitslehren anderer Kulturen;
→ die Missachtung von weiblichen Zugängen zu Erkenntnis.
Wenn es um Zahlen, Logik und abstrakte Begriffe geht, ist das westliche Denken kaum zu schlagen. Fatal nur, dieses Denkmuster als alleingültig anzusehen. Eine inspirierende Horizont-Erweiterung bieten Traditionen, die ganz andere Erkenntniswege kennen: durch Symbole, Bilder, Träume, Trance, Meditation, Mythen, Allegorien, Poesie. Beispiel China. Das Yin-Yang-Symbol illustriert eine Alternative zur aristotelischen Entweder-Oder-Logik. Hier geht es nicht um richtig oder falsch, schwarz oder weiss, sondern um die Erkenntnis, dass Gegensätze sich bedingen und ergänzen — das schärft den Blick für Aspekte des Daseins, wo eindeutige Wahrheiten fehlen und die duale Logik versagt. Beispiel Animismus. Naturvölker hatten ein Gespür dafür, auf welch vielfältige Weise der Mensch in den Kosmos eingebettet ist — durch unsichtbare Bande verknüpft mit Ahnen, Tieren, Pfl anzen, Bergen, Steinen, Sternen. Magischer Nonsens? Im Ergebnis angemessener als die Idee, Natur als Ressource und Abfallhalde anzusehen und die eigenen Lebensgrundlagen schamlos zu ruinieren. Beispiel Sophia. Die Weisheits- Gottheit ist weiblich — und mit Geheimnissen vertraut, die eine männlich dominierte Wissenschaft ins Abseits gedrängt hat: Leiblichkeit, Fruchtbarkeit, Mütterlichkeit, Eros. Diese Facetten zu ignorieren und den Menschen auf Denken und Intellekt zu reduzieren, war schon bei Plato und Aristoteles beliebt — ein verhängnisvoller wissenschaftlicher Kunstfehler.
«Innehalten!», empfehlen die Weisen. Einer von ihnen, der Philosoph Hans Jonas, fragt, «ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen, die am gründlichsten durch die wissenschaftliche Aufklärung zerstört wurde, eine Ethik haben können, die die heutigen, extremen Kräfte zügeln kann». Wahrscheinlich nicht. Das «Heilige» hat dabei nichts mit Kirche und Glauben zu tun, sondern mit Achtung. Vor der Natur. Vor dem Leben und seinen Rätseln. Vor einem wunderlichen Wert wie der Weisheit, die nicht lehrbar ist. die sich aber unter günstigen Umständen einstellen kann. Innerhalb und ausserhalb der Wissenschaft.

Kurzbiographie:
Hanne Tügel, geboren 1953. Ausbildung zur Verlagskauffrau, Lehramtsstudium und Journalistenschule. Danach freie Autorin bei verschiedenen Zeitschriften, seit 1995 für das GEO. Sie hat verschiedene Bücher veröffentlicht.

Weiterführendes:
GeoWissen «Wissenschaft, Erkenntnis, Spiritualität». 2002, 8 EUR. Das Heft lotet die Erkenntnis und ihre Grenzen aus — von Tierbewusstsein bis Neurotheologie. Das Heft kann unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bestellt werden.

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