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ein plädoyer für ausgleich
von Marc Hermann

FREIE MARKTWIRTSCHAFT IST ANSCHEINEND GEEIGNET, EINE KOMPLEXE WIRTSCHAFT DEZENTRAL ZU KOORDINIEREN. SIE IST ABER BLIND GEGENÜBER VERTEILUNG UND SCHEINT OFT ETHISCH NICHT VERTRETBAR. IST DIE FRAGE ABER LETZTLICH NICHT OB, SONDERN WIE?


Es ist erstaunlich zu sehen, wie erhebend einfach und kohärent die marktwirtschaftliche Theorie ist. In einer Welt wo alle Menschen perfekt informiert sind, gleichermassen leistungsfähig, über die gleichen Mittel verfügen, wo Glück und Pech keine Rolle spielen, in solch einer Welt wäre die freie Marktwirtschaft ein angemessenes System, um sich mit der Natur zu arrangieren. Mit einem Maximum an Freiheit für die Menschen.
In dieser perfekten Welt kann jeder seine Bedürfnisse — innerhalb der Schranken der Natur — frei ausleben. Rahmenbedingungen wären nur nötig um Marktversagen zu verhindern. Um Gerechtigkeit herzustellen, reicht das Durchsetzen von Eigentumsrechten. Aus den beschränkt vorhandenen Ressourcen wird das Maximum herausgeholt, jede Ressource kommt an den Ort, wo sie am meisten nützt — wer am meisten zu zahlen bereit ist für etwas, dem bringt es auch am meisten. Der Preis für eine knappe, zur Verfügung stehende Menge muss so lange steigen, bis die Nachfrage genügend klein wird. Derjenige Produzent, der aus einer Ressource am meisten herausholen kann, ist auch in der Lage am meisten dafür zu bezahlen. Analog im Konsum: Jeder Mensch hat seine eigenen Präferenzen, höhere Zahlungsbereitschaft bedeutet also auch, einen höheren Nutzen zu ziehen aus dem Besitz einer Ressource, dem Konsum eines Gutes. Dies kann absolut positiv interpretiert werden: Wir sind alle einzigartig, jeder hat seine eigenen Vorlieben und Bedürfnisse, absolute Gleichheit kann nicht das Ziel sein. Die positive Interpretation von Ungleichheit ist Vielfalt!

DIE REALITÄT SPRICHT EINE ANDERE SPRACHE
Aussagen wie «Ungleichheit als Vielfalt» werden aber bald einmal gefährlich, freie Marktwirtschaft schnell zu einem ungerechten System: Sie maximiert zwar den «Kuchen», ist aber blind gegenüber Verteilung und oft auch gegenüber Gerechtigkeit. In einer Welt, in der Leistungsfähigkeit und Wissen eben nicht gleich verteilt sind, würde eine ungezügelte Marktwirtschaft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnen. Die Bedingungen sind gerade nicht gleich für alle. Marktwert und Wertschätzung — vor allem der Arbeit — sind zwei völlig verschiedene Konzepte. Einerseits haben viele Menschen nicht die Wahl, sie können es sich nicht leisten, selbst eine miserabel bezahlte Arbeitsstelle abzulehnen. Andererseits wird ein beachtlicher Teil der Wertschöpfung durch Kapitalgeber abgeführt. Bald einmal steht nicht mehr effi ziente Allokation von Investitionen im Vordergrund, sondern das Prinzip «Wer hat, dem wird gegeben». Wer nicht stark genug ist, sich seinen Teil zu erkämpfen, kommt zu kurz. Die Realität ist von Zielkonfl ikten geprägt. Es bleibt die Hoffnung, dass viele Menschen, wenn sie die bestechend pragmatischen Mechanismen des Marktes erkennen, einstehen werden für Kapitalismus UND Umverteilung, für Freiheit UND Gerechtigkeit.

DAS SYSTEM HINKT — AUCH OBJEKTIV GESEHEN
Wie diese normativen Fragen angegangen werden könnten, davon handeln andere Artikel dieser Ausgabe (siehe Artikel «Entwicklung geht neue Wege» S. 22 und «Institutionelle Reformen für eine nachhaltige Entwicklung» S. 26). Es gibt aber noch eine ganze Reihe von Punkten, wo unser heutiges System auch aus wirtschaftstheoretischer Sicht im Argen liegt und die marktwirtschaftliche Theorie nicht konsequent umgesetzt wird. Prominentes und zentrales Beispiel sind externe Effekte. Während bisher genanntes zu Ungerechtigkeit führt, der ökonomischen Theorie jedoch entspricht, sind externe Effekte ein objektives Problem der ökonomischen Theorie. Unter einem externen Effekt versteht man eine — erwünschte oder unerwünschte — Leistung, ohne dass dafür bezahlt wird. Klassisches Beispiel ist eine Fabrik, die einen Fluss verschmutzt, ohne die negativen Auswirkungen bezahlen zu müssen. Das von ihr produzierte Gut ist zu billig und daher die Nachfrage danach zu gross. Die Kosten der Verschmutzung fallen aber trotzdem an, bezahlt werden sie beispielsweise von den Menschen, die in der Nähe des Flusses Nahrungsmittel produzieren und davon krank werden. Ein beachtlicher Teil unseres Wohlstandes ist aber genau darauf zurück zu führen, dass Kosten auf Dritte überwälzt werden. Ein Artikel dieser Ausgabe handelt von der Klimaänderung (siehe Artikel «Der Blick hinter den Klimawandel», S. 19), ein Beispiel für externe Effekte gigantischen Ausmasses. Im Benzinpreis sind grob gesagt neben einer künstlichen Knappheitsprämie (wenn z.B die OPEC die Förderquoten senkt) nur die Kosten für Förderung, Transport, Verarbeitung und Strassenbau enthalten. Dies widerspiegelt bloss einen Bruchteil der tatsächlich anfallenden Kosten. Nur einen kleinen Teil der durch den CO 2 -Ausstoss der Schweiz anfallenden Kosten werden wir selbst zu tragen haben, ein grosser Teil wird in andere Länder und an kommende Generationen ausgelagert. Man denke an Inselstaaten, oder an afrikanische Länder. Der Stern Report und der zweite Teil des neuen IPCC Berichtes sprechen dazu eine deutliche Sprache.

WIE VIEL KOSTEN EXTERNE EFFEKTE?
Ein wichtiges und in absehbarer Zukunft unlösbares Problem ist dabei das begrenzte Wissen der Menschen. Für jedes Gut müsste genau berechnet werden können, wann und wo es welche Kosten auslöst — auch in der Zukunft. Zudem müsste jede Auswirkung in Geldeinheiten ausgedrückt werden können. Welches sind die Kosten, wenn Produktion und Verbrauch von Gütern Krankheiten verursachen? Man könnte behaupten, die Kosten seien allein die Behandlungskosten — Leiden ist gratis. Welches sind die Kosten ausgestorbener Tier- und Pflanzenarten? Man könnte sagen, sie seien nahe Null, vorausgesetzt eine Art ist weder essbar, noch medizinisch nutzbar, noch unabdingbar für ein funktionierendes Ökosystem, noch besonders «schön». Eine zynische Argumentation.

OHNE GERECHTIGKEIT KEINE FREIHEIT
Welches ist nun die Botschaft dieser wenigen Schlaglichter auf das unglaublich komplexe System Umwelt-Wirtschaft-Gesellschaft? Lasst uns viel mehr in Kategorien wie Demut, Respekt, Verständnis, Vorsicht und Ausgleich denken! Oft hört man den Anspruch von Freiheit als dem höchsten Gut. Dem soll ganz und gar nicht widersprochen werden! Freiheit impliziert aber auch die Freiheit der Schwachen, die Freiheit künftiger Generationen. Dies wiederum impliziert Gerechtigkeit und damit eine intakte Natur. Es gibt keine Freiheit ohne Gerechtigkeit.

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