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von Raphael Fasko

IMMER WIEDER WIRD VOM WACHSTUMSZWANG DER WIRTSCHAF T GEREDET. WIESO ABER IST DIE WIRTSCHAFT GEZWUNGEN ZU WACHSEN? IM BUCH «DIE WACHSTUMSSPIRALE» GEHT DER HSG ÖKONOM HANS BINSWANGER DIESER FRAGE AUF DEN GRUND. DAS PROBLEM
Wir hatten Hans Binswanger als Gastreferent in unserer Vorlesung. Auf Basis seiner Erläuterungen und einem Skript von ihm versuche ich das Konzept der Wachstumsspirale prägnant wieder zu geben.
Nach Binswanger haben wir den ungeheuren Forschritt unserer Zivilisation der letzten zwei- bis dreihundert Jahre mit einem Zwang zum Wirtschaftswachstum erkauft. Dieser Zwang ist eine direkte Folge unseres Wirtschaftssystems. Das Problem dieses Wachstums ist, dass es die Grenzen der Natur nicht anerkennt. Viele Ressourcen sind endlich und die Aufnahmerate für Abfall der Natur ist ebenfalls begrenzt — sofern wir überleben wollen.
Das neoklassische ökonomische Modell wurde von Léon Walras vor 130 Jahren entwickelt. Es geht von einem allgemeinen Gleichgewicht aus — einer harmonischen sich selbst regulierenden Wirtschaft auf Basis des Marktes. Das Gleichgewicht kann als geschlossener Kreislauf verstanden werden, in dem die Wirtschaft nicht wachsen muss und die Geldmenge konstant bleibt. Dieses Modell basiert auf einem Markt, dessen Akteure selbstversorgende Bauern sind, die ausschliesslich ihre Überschüsse tauschen.
Die Realität ist aber eine Wirtschaft mit starker Arbeitsteilung — Konsum und Produktion sind getrennt. Selbstversorgung gibt es praktisch nicht mehr und die meisten lebensnotwendigen Güter müssen über den Markt erworben werden. Aus diesem Grund kommt den Tauschmittel Geld eine zentrale Bedeutung zu. Diese reale Wirtschaft bewegt sich nicht in einem geschlossenen Kreis, sondern in einer Wachstumsspirale, in der die Geldmenge konstant wachsen muss.

DIE FÜNF SCHRITTE
Binswanger versucht in fünf Schritten zu erläutern, wieso es in der heutigen Wirtschaft zur Wachstumsspirale — dem Zwang zu wachsen — kommen muss.
Erstens: Unternehmen brauchen Geld, bevor sie produzieren können, d.h. bevor sie selber Geld erwirtschaften, brauchen sie schon Kapital. Dieser Vor schuss ist für den Kreditgeber mit dem Risiko verbunden sein Geld nicht zurück zu bekommen. Für dessen Deckung und seinen momentanen Konsumverzicht erwartet er Zins. Für Kredite sind das etwa 5 %, bei Börsenkapital etwa 10 %, da im Falle eines Konkurses zuerst die Kredite zurück bezahlt werden.
Zweitens: In einer Wirtschaft im walraschianischen Gleichgewicht muss der Saldo der Gesamtwirtschaft 0 sein. Das heisst, die Summe aller Gewinne muss gleich gross sein wie die Summe aller Verluste. So haben wir eine Wirtschaft, in der die Geldmenge nicht wächst — den geschlossenen Kreislauf. Binswanger geht von einem unersättlichen Menschen aus. Als Kreditgeber ist er mit der Deckung seiner Verluste nicht zufrieden, sondern erwartet Gewinn. Ist der Saldo jedoch 0, so kann man auf lange Sicht keinen Gewinn machen und niemand würde Geld verleihen. Aus diesem Grund muss die Geldmenge steigen, da das die einzige Möglichkeit für einen Wirtschaftssaldo grösser 0 ist.
Drittens: Der Geldschöpfungsprozess funktioniert heute, indem die Nationalbank den Banken zum Vergabezins Kredit gibt. Die Banken wiederum geben Kredite an die Unternehmen. Senkt die Nationalbank den Vergabezins, so werden Kredite billiger. Dadurch steigt die Kreditnachfrage und somit das Kreditvolumen. Das bedeutet, dass mehr Geld in der Wirtschaft vorhanden ist.
Viertens: Die Kredite — die neue Geldmenge — werden von den Unternehmen sofort investiert um neue oder mehr Produkte her zu stellen. Das investierte Geld fl iesst über die Löhne sofort an die Konsumenten, die damit unverzüglich konsumieren, da sie keine Selbstversorger sind. Die Güter auf dem Markt sind aber noch die Produkte, die vor den neuen Investitionen hergestellt wurden, also mit der alten Geldmenge. D.h. die Konsumenten kaufen mit der neuen Geldmenge Waren, die mit der alten Geldmenge hergestellt wurden. Da die Preise der Produkte in der alten Geldmenge gerechnet werden und die Entwertung des Geldes (Infl ation) hinterher hinkt, können mit der neuen Geldmenge mehr Güter konsumiert werden. Aus dieser Differenz schöpfen die Unternehmen ihre Gewinne.
Fünftens: Damit gesamthaft die Gewinne kontinuierlich wachsen und weiterhin Kredite vergeben werden, muss die Geldmenge ebenfalls kontinuierlich wachsen. Das Wachstum der Gesamtwirtschaft ist somit direkt abhängig vom Geldmengenwachstum.

KEIN NULLWACHSTUM
Unter der Annahme, dass bei einem Nullwachstum der Wirtschaft keine Kredite mehr vergeben werden, ist eine Stabilisierung der Wirtschaft auf dem heutigen Niveau nicht möglich. Wenn keine Kredite mehr vergeben werden, können keine Erneuerungs- und Erhaltungsinvestitionen getätigt werden. Die Wirtschaft würde wieder bis zum Selbstversorgungsniveau schrumpfen. Das heisst, dass unsere Wirtschaft nur zwei Gangarten kennt. Das Wachstum oder die Schrumpfung.
Nach Abschätzungen von Binswanger darf die globale Wachstumsrate der Wirtschaft nicht unter 1.8 % sinken, damit es zu keiner Schrumpfung kommt. Heute haben wir zwischen 4−5 %. Um eine mögliche Zerstörung unserer Lebensgrundlage durch dieses exponentielle Wachstum zu vermeiden gibt es verschiedene Ansätze. Man kann versuchen die Wachstumsrate auf das Minimum zu drosseln und zusätzlich die Produktion materialeffi zienter machen, um Wachstum mit gleich bleibendem oder geringerem Ressourcenverbrauch zu erreichen. Dies ist jedoch Symptombekämpfung, die Ursache liegt in der Gewinnerwartung der Kreditgeber und so muss auch über einen grundsätzlichen Systemwechsel nachgedacht werden.

ZINSSYSTEM ODER NICHT?
Ich sehe im Zinssystem an sich ein Problem und möchte auf die Freigeldlehre von Silvio Gesell hinweisen. In einem zinsfreien Währungssystem sind neben weiteren Unterschieden Gewinne über Geldverleih nicht möglich. Es werden lediglich die Kosten der Kreditverluste gedeckt. Dies könnte ein Nullwachstum der Gesamtwirtschaft ermöglichen. Der Wechsel zu einer zinsfreien Währung entspricht aber einer grundsätzlichen Veränderung der Geldvergabephilosophie. Im heutigen Zinssystem wird es als rechtens erachtet, dass jemand eine Beloh- nung — den Zins — erhält, wenn er Geld ausleiht, das er für seinen momentanen Konsum nicht braucht. In einem zinslosen Währungssystem wird garantiert, dass jeder sein Geld zurückbekommt. Es wird jedoch als selbstverständlich erachtet und nicht belohnt, dass im Augenblick nicht benötigtes Geld der Wirtschaft zur Verfügung gestellt wird. Denn von der dadurch ermöglichten Arbeitsteilung, profitiert die ganze Gesellschaft — auch der Kreditgeber!

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