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Von Martin Hurni

Die aktuelle Entwicklungspolitik greift eindeutig zu kurz. Die Kluft zwischen Süd und Nord – zwischen Arm und Reich – ist heute grösser als vor 50 Jahren. Der Nobelpreisträger Amartya Sen propagiert deshalb ein ganzheitlicheres Verständnis von Entwicklung.

Entwicklung wird oft mit Wirtschaftswachstum gleichgesetzt. Diese Definition lässt sich aus der Existenz des Wachstumszwangs (siehe Artikel «Die Wachstumsspirale», S.10), welchem kapitalistische Wirtschaftssysteme unterliegen, historisch nachvollziehen. Das Bruttosozialprodukt (BIP) eines Landes, bzw. das Pro-Kopf-Einkommen, wird dadurch zum entscheidenden Indikator für den Entwicklungsstand eines Landes. Dies schlägt sich unter anderem in der Tatsache nieder, dass Nationen nach diesem Indikator in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer eingeteilt werden. Das heisst mit anderen Worten: Alles, was das BIP erhöht, fördert auch die Entwicklung eines Landes. Um diesem – doch sehr engen – Verständnis von Entwicklung gerecht zu werden, bietet sich eine neomerkantilistische Wirtschaftspolitik (siehe Artikel «Merkantilismus – Gratis Natur vom Staat!», S.14) geradezu an. Da erstaunt es auch nicht, dass sich hinter dem Deckmantel der «Entwicklungshilfe» oft wirtschaftsstrategische Investitionen zur Sicherung von billigen Ressourcen oder Absatzmärkten verbergen. Hinzu kommt, dass das BIP wertefrei ist, sowohl der Verteilung des Wohlstandes als auch den Auswirkungen möglicher Investitionen gegenüber. Ein Beispiel sind Folgekosten von Kriegen oder Naturkatastrophen, welche zu einem Anstieg des BIP führen können. Ein derartiges Verständnis von Entwicklung ist also in vielerlei Hinsicht problematisch. In den letzten Jahren wuchs daher die Einsicht, dass ein umfassenderes Verständnis von Entwicklung unumgänglich ist.


Entwicklung als Freiheit

Amartya Sen, indischer Staatsbürger und Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften, ist in dieser Beziehung ein Vordenker. Unter anderem gründet die Einführung des Human Development Index (HDI), eine Masszahl für Entwicklung, welche neben dem BIP auch die Lebenserwartung und den Bildungsgrad berücksichtigt, im Jahre 1990 auf seinen Vorschlägen. In seinem Buch «Ökonomie für den Menschen», welches auf von ihm gehaltenen Vorlesungen vor der Weltbank beruht, untersucht er den Entwicklungsprozess ganzheitlich. Er kommt darin zum Schluss, dass Entwicklung als Prozess der Erweiterung von Freiheiten zu verstehen ist. Freiheit ist dabei nicht nur das anzustrebende Ziel, sondern auch die notwendige Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung.
 
Zu Beginn seines Buches zeigt Sen anhand zahlreicher Beispiele auf, dass das Pro-Kopf-Einkommen oft nicht mit höherem Wohlstand korreliert. Ein Beispiel: In den USA lebende Afroamerikaner haben trotz vielfach höherem Einkommen eine tiefere Lebenserwartung als viele Menschen aus der Dritten Welt. Trotz höherem «Wohlstand» sind erstere also weniger frei darin ein langes Leben zu führen. Sen schlägt deshalb vor Entwicklung anhand der Freiheiten, d.h. anhand der Verwirklichungschancen der Menschen, zu messen. Damit würde das BIP vom absoluten Mass für Entwicklung zu einem Mittel zum Zweck herabgestuft. Somit bleibt es zwar ein zentrales Mittel, mögliche Auswirkungen auf die Entwicklung sind nun aber abhängig davon, wie dieses eingesetzt wird. Gleichzeitig gewinnen andere Faktoren wie Bildungseinrichtungen und Gesundheitsfürsorge, sowie politische und bürgerliche Rechte an Bedeutung. Solche entwicklungsrelevanten Faktoren werden heute durch das BIP ausschliesslich über deren ökonomischen Nutzen berücksichtigt.


5 Typen von Freiheiten

Sen identifiziert nach ausführlicher Analyse des Entwicklungsprozesses die Handlungsfreiheit der Menschen als primäre Voraussetzung für Entwicklung. Zu diesem Zweck definiert er fünf Typen von instrumentellen Freiheiten.

Politische Freiheiten beinhalten das freie Wahlrecht, das Recht auf freie Meinungsäusserung und alle politischen Berechtigungen, die mit Demokratie verbunden sind. Die ökonomischen Vorteile beziehen sich auf die Chancen der Menschen am Wirtschaftsprozess teilzunehmen. Neben der Zuteilung und der Verteilung von Gütern und Geldmitteln geht es hier nicht zuletzt auch um den Zugang zum Arbeitsmarkt. Die sozialen Chancen umfassen Einrichtungen für Bildung, Gesundheit, usw. Diese wirken sich stark auf die substantielle Freiheit des Einzelnen aus und ermöglichen erst die Teilnahme an ökonomischen und politischen Aktivitäten. All diese gesellschaftlichen Interaktionen beruhen auf gegenseitigem Vertrauen. Transparenzgarantien sollen sicherstellen, dass dieses Vertrauen nicht missbraucht wird und somit eine freie und offene Gesellschaft ermöglichen. Auch wenn die ersten vier Freiheiten gewährleistet sind, wird es immer noch Leute geben, die in Not geraten. Einrichtungen wie Arbeitslosenunterstützung oder garantiertes Mindesteinkommen sind hier entscheidend. Diese fasst Sen unter dem Begriff soziale Sicherheit zusammen.


Kein entwicklungspolitisches Allzweckrezept


All diese Freiheiten und ihre zugrunde liegenden Institutionen erweitern nicht nur die Verwirklichungschancen der Menschen an sich, sondern können sich auch ergänzen und bestärken. Zum Beispiel hat es bis heute in keiner funktionierenden Demokratie, unabhängig von deren wirtschaftlichem Wohlstand, jemals eine Hungersnot gegeben. Sen führt zahlreiche empirische Beispiele an, welche deutlich für die Effektivität eines freiheitszentrierten Verständnisses von Entwicklung sprechen. Basierend auf diesen Erkenntnissen spricht sich Sen für eine facettenreiche Entwicklungspolitik aus, welche zudem auf die entsprechenden landesspezifischen Probleme eingeht. Er lehnt Allzweckrezepte wie z.B. die oft zitierte „Öffnung der Märkte“, als alleinige Lösung ab. Erst die Förderung der am meisten vernachlässigten Freiheiten ermöglicht die wechselseitige Bestärkung verschiedener Freiheiten. Dies lässt sich anhand des Vergleichs von Indien und China veranschaulichen. Während in China die Förderung politischer Freiheiten dringend notwendig ist, sollte in Indien das Hauptaugenmerk eher auf den Mangel an sozialen Chancen wie Bildung und Gesundheit gerichtet werden.


Freiheit heisst Verantwortung, Verantwortung braucht Freiheit


Ein freiheitszentriertes Verständnis von Entwicklung orientiert sich am tätigen, mündigen Menschen. Die persönliche Verantwortung ist dabei eine unersetzbare Pflicht jedes Einzelnen. Damit dieser aber seine Pflicht überhaupt wahrnehmen kann, braucht er bestimmte elementare Freiheiten. Dem Sklaven zum Beispiel fehlt es nicht zwingend an Wohlergehen, sicherlich aber an der Fähigkeit ein selbstverantwortliches Leben zu führen. Freiheit ist demnach die Voraussetzung für persönliche Verantwortung. Die Verantwortung der Gesellschaft ist es nun, so Sen, Freiheiten zu schaffen und somit persönliche Verantwortung zu ermöglichen.


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