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Mit Aio Häberli, Pascal Mages, Tim Schlöndorn

Von unterschiedlichen Theorien zur gemeinsamen Praxis. Im Gespräch mit drei Studenten versucht der STUDIO!SUS Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Ansätze zu finden. Was dabei herausschaut, ist neben erweiternden Perspektivenwechseln auch ein konkreter Vorschlag.
STUDIO!SUS: Bitte erläutert kurz eure jeweiligen Ausgangspunkte.

Pascal: Ich nenne meinen Ansatz „Langfristiger Egoismus“. Dabei geht es mir darum, dass man nicht für andere etwas macht, sondern primär für sich selbst. Also egoistisch, da der eigene Nutzen die Motivation darstellt. Langfristig, weil der Miteinbezug aller Konsequenzen seiner Handlungen sehr wichtig ist, da diese wieder auf einen selber zurückwirken. Tut man dies über eine genügend lange Frist, so muss man zwingend auch zum Wohle anderer handeln. Um zum Beispiel das Bedürfnis des sozialen Kontaktes langfristig befriedigen zu können, braucht man Mitmenschen, die dabei mitmachen. Kurzfristiger Egoismus dient auf lange Sicht nicht dem eigenen Wohlbefinden.

Aio: Ich habe mich mit dem Neurobiologen Joachim Bauer und seinem Buch „Prinzip Menschlichkeit“ befasst. Der Grundgedanke dabei ist, dass der Mensch neurobiologisch auf Kooperation ausgelegt ist. Bei Kooperation und gelingenden Beziehungen werden im Gehirn Glückshormone ausgeschüttet. Aggressionen und Egoismus sind sekundär und treten erst auf, wenn Kooperation fehlschlägt. Dies widerspricht dem darwinistischen Gedanken, indem die Kooperation auf eine höhere Stufe gestellt wird als der Egoismus.

Tim: Meine Sichtweise kommt eher aus der östlichen Philosophie. (Die aus dem Westen stammende „Meme“ Theorie (Dawkins, Blackmoore) ist ein Analogon dazu.). Es geht dabei im Wesentlichen darum, dass das Ich nicht von der Umwelt getrennt ist. Es gibt also nur eine gesamte Existenz und somit keinen Unterschied zwischen gut für mich und gut für jemanden anderen, sondern nur zwischen gut und schlecht für die Gesamtheit. Diese Sichtweise kommt nicht aus der Biologie, sondern basiert auf Introspektion. Alles, was ich anderen antue, wirkt sich demnach auch auf mich aus. Dies zu akzeptieren ist für unseren Geist eine grosse Herausforderung.

STUDIO!SUS: Wo seht ihr Ähnlichkeiten oder Beziehungen zwischen euren Ansätzen?

Pascal: Der Grundgedanke ist bei allen der Gleiche, die Herangehensweise jedoch ist sehr unterschiedlich. Im Gegensatz zu Tims Ansatz habe ich bei meinem Ansatz versucht, die Argumentation von Fragen der Religion oder des Glaubens abzukoppeln, da diese für mich eine manipulative Note haben. Schlussendlich beruhen aber mein und Tims Ansatz auf der gleichen Idee, indem sie propagieren, alle Konsequenzen in seine Entscheidungen miteinzubeziehen. Beide führen dazu, dass, wenn es meinen Mitmenschen besser geht, es auch mir besser geht.

Tim: Ich bin ebenfalls der Meinung, dass, sobald es um konkrete Dinge geht, sich die beiden Ansätze stark gleichen.

Aio: Mich stört ein bisschen der Begriff Egoismus, da dieser meines Erachtens sehr negativ behaftet ist. Wer bekennt sich schon gerne zum Egoismus?

Pascal: Egoismus ist nicht nur negativ, sondern auch sehr wichtig. Man kann nicht anderen helfen, ohne seine eigenen Bedürfnisse zu beachten. Man soll sich ruhig zu seinem Egoismus bekennen. Hier kommt es dann allerdings noch darauf an, dass man den zeitlichen Horizont weit genug ansetzt.

Tim: Beim zeitlichen Horizont ist es entscheidend, wie stark man diskontiert. Es ist völlig normal, dass man den Nutzen in der Gegenwart dem Nutzen in der Zukunft vorzieht. Hier stösst der auf Egoismus aufbauende Ansatz an seine Grenzen. Wenn ich aus Egoismus handle, kann mein Horizont nicht über mein Leben hinausgehen, wenn ich meine Mitmenschen, meine und deren Kinder als einen Teil von mir anschaue, jedoch schon.

Pascal: Die Evolutionsbiologie lehrt uns aber, dass der Hauptantrieb des Menschen die Fortpflanzung ist, also die Weitergabe der eigenen Gene. Wenn man das miteinbezieht, muss man zwingend auch den nächsten Generationen eine intakte Welt garantieren können, da man sonst die Auslöschung der eigenen Gene riskiert.

STUDIO!SUS: Welche Rolle spielt dabei die Kooperation?

Aio: Kooperation ist in gewissem Sinne auch von Egoismus geleitet. Man kooperiert im Wissen, dass man etwas zurückbekommt. Darüber hinaus hat Kooperation einen Selbstzweck, Kooperation stiftet unmittelbar Befriedigung.

Pascal: Kooperation führt zu grösserem Nutzen für jeden Einzelnen. Kooperation kann den Gesamtnutzen und damit auch den eigenen vergrössern.

Tim: Bei jeder Art von Kooperation tritt das Problem des Schmarotzens auf: Dass ein paar wenige profitieren, ohne selbst etwas beizutragen. In meinem Verständnis macht der Schmarotzer den Fehler, dass er sich der Möglichkeit beraubt anderen und damit auch sich selbst Gutes zu tun.

Aio: Dies deckt sich durchaus mit der Konzeption von Bauer. Indem der Schmarotzer nicht kooperiert, wird er auch nicht mit der Ausschüttung von Glückshormonen belohnt. Hier stellt sich dann für mich sofort die Frage, wieso gibt es sie dann doch, die so genannten Trittbrettfahrer?

Tim: Dies lässt sich vielleicht auch evolutionsbiologisch erklären. Früher konnte man unter bestimmten Bedingungen besser vor den Konsequenzen des Schmarotzens davonlaufen, z.B. indem man vom einen Stamm, in dem man geächtet wurde, zu einem anderen wechselte. Mit dem heutigen Trend zu immer mehr Vernetztheit wird diese Flucht vor den Konsequenzen des Schmarotzens immer schwieriger. Wenn wir z.B. heute der dritten Welt Schaden zufügen, werden wir ziemlich bald mit den entsprechenden Konsequenzen in irgendeiner Form konfrontiert. Diese Konfrontation führt dazu, dass Kooperation wichtiger wird.

Pascal: Dem wirkt aber die steigende Anonymität entgegen. Innerhalb eines Stammes war es schwierig der sozialen Ächtung zu entkommen. Hingegen ist es heute aufgrund der Fülle von Ausweichmöglichkeiten einfacher ihr zu entgehen.

Tim: Jedenfalls wird man soziale Kontakte verlieren und damit das von dir zu Beginn angesprochene Bedürfnis nicht mehr befriedigen können.

STUDIO!SUS: Existiert heute ein höheres Bewusstsein für Zusammenhänge und damit für die Notwendigkeit der Kooperation?

Pascal: Ich bin nicht der Ansicht, dass das Bewusstsein bzgl. der Konsequenzen seiner Handlungen zugenommen hat. Im Gegenteil, aufgrund der immer grösseren räumlichen Trennung ist es sogar eher gesunken. Am Beispiel der Nahrungsmittel lässt sich das gut illustrieren. Der direkte Kontakt von Konsument und Produzent ist völlig verloren gegangen und somit auch das Bewusstsein für die Auswirkungen seiner Kaufentscheidungen. Mit der Förderung von Labels versucht man dem entgegenzuwirken. Langfristiger Egoismus funktioniert aber nur auf der Basis von Wissen und Information. Bewusstsein und Wissen bzgl. der Konsequenzen seiner Handlungen und Entscheide müssen dringend gefördert werden.

Aio: Ich sehe das Problem vor allem in der Unverbindlichkeit der Informationen. Informationen und Wissen werden bereits sehr umfangreich bereitgestellt, was es braucht, ist das Interesse der Leute. Ein Beispiel sind Nachrichten aus der Dritten Welt. Klar werde ich darüber informiert, was da geschieht, ich habe aber die Möglichkeit jederzeit weiter zu. Die Rückwirkungen sind also da, aber sie sind noch sehr unverbindlich.

Tim: Der direkte Kontakt mit Betroffenen kann hier sehr hilfreich sein. Solange eine emotionale Bindung fehlt, kann ich mir im Fernsehen noch so viele Hungernde ansehen, es wird mich nie in dem Masse betroffen machen, wie wenn ich einmal mit einen Hungernden direkten Kontakt hatte. Ein historisches Beispiel hierfür ist, dass eine der wichtigsten friedensstiftenden Massnahmen zwischen Deutschland und Frankreich der Schüleraustausch war. Damit sollte die emotionale Bindung so stark werden, dass es kein Krieg mehr zwischen diesen Ländern geben kann. Ein weiteres Beispiel ist die Tatsache, dass Leute, die in der dritten Welt waren, ein viel grösseres Bewusstsein diesbezüglich besitzen, auch wenn sie nicht die ganzen Zusammenhänge verstehen.

Aio: Ich bin der Meinung, die intellektuelle Überforderung und die fehlende emotionale Bindung haben eine gemeinsame Ursache. Beide werden in unserer schnelllebigen Gesellschaft nur sehr begrenzt gefördert. Die Förderung von Wissen und emotionaler Bindung bräuchte sehr viel mehr Freiraum und auch sehr viel mehr Zeit zur Selbstreflexion.

STUDIO!SUS: Wie könnte man Selbstreflexion und emotionale Bindung konkret fördern?

Tim: Meiner Meinung nach ist die Phase, in der dieses ganzheitliche Wissen vermittelt wird, klar die Primar- und Sekundarstufe. Hier ist der Einfluss der Gesellschaft auf die Entwicklung eines Individuums am grössten. Dieses Denken sollte deshalb z.B. durch verstärkte Vernetzung der einzelnen Fächer stärker gefördert werden. Das ganzheitliche Bewusstsein sollte das Fundament bilden und vorhanden sein, bevor man zum Experten ausgebildet wird.

Pascal: Ich bin auch der Meinung, dass der Austausch nicht nur zwischen Fächern, sondern auch zwischen Sprachregionen, Berufen, Stadt-Land, usw. stärker gefördert werden sollte. So könnte der Zivildienst einen wichtigen Beitrag leisten. Dies könnte z.B. durch eine allgemeine Dienstpflicht erreicht werden, sozusagen eine institutionalisierte Horizonterweiterung. Hier sehe ich einen starken Nachholbedarf im Bereich Bildung.

STUDIO!SUS: Perspektivenwechsel also als Programm?

Tim: Ich möchte betonen, dass der Perspektivenwechsel nicht nur einen instrumentellen Wert hat, sondern auch einen spirituellen. Es geht beim Perspektivenwechsel nicht nur darum, Kontextwissen anzusammeln, sondern auch um die Einsicht, dass alles auch ganz anders sein könnte, als ich mir das vorstelle. Durch diese Unsicherheit der eigenen Sicht der Dinge wird Toleranz und Verständnis gegenüber anderen Ansichten gefördert. Der Perspektivenwechsel hat also auch einen vom praktischen Nutzen unabhängigen Wert.

Pascal: Mir kommt da der Begriff «Hintergrundwissen» in den Sinn. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass man alles, was man lernt, egal, ob schulisches Wissen oder Erfahrungen, einen Zweck hat. Es kommt hier nicht so sehr auf den Detaillierungsgrad an, sondern auf die Breite des Wissens. Jegliche Art von Wissen, ob bewusst oder unbewusst, ist erweiternd und ermöglicht damit eine umfassendere Perspektive, indem sie Selbstreflexion, Toleranz und Verständnis fördert.
 
Aio: Damit wird letztlich auch Vertrauen gefördert, welches meines Erachtens eine zentrale, aber in unserer Gesellschaft stark vernachlässigte Grundlage des Zusammenlebens ist.

STUDIO!SUS: Ihr plädiert alle für Selbst-Reflexion. Diese kann aber auch zu Relativismus führen. Gibt es für euch Grundwerte, welche nicht verhandelbar sind?

Pascal: Hier würde ich als erstes den Respekt nennen. Eine Gesellschaft funktioniert nur auf der Basis von gegenseitigem Respekt. Jeder muss die Freiheit anderer respektieren.

Tim: Beim Respekt stellt sich mir sofort die Frage: Wie reagiere ich, wenn jemand mir gegenüber respektlos handelt? Wichtig ist dabei, dass ich das respektlose Verhalten erst einmal akzeptiere, aber mir klar mache, warum ich dasselbe nicht auch tun würde. Ich denke, man muss sehr vorsichtig sein, wenn es um Kritik anderer geht. Durch das Verständnis, dass die Umwelt ein Teil von mir und damit das respektlose Verhalten auch ein Fehler meiner selbst ist, suche ich den Fehler erst bei mir. Z.B. könnte ich mich fragen, wieso strahle ich nicht genug Souveränität aus, so dass dies gar nicht erst geschieht?
Aio: Wenn ich respektloses Verhalten einfach akzeptiere, habe ich im Nachhinein ein Problem damit. Ich finde es wichtig, dass man auch reagiert und seinen Standpunkt vertritt.

Tim: Sobald es um andere geht, die sich nicht wehren können, würde auch ich intervenieren. Aber für mich selbst gibt es immer noch den zweiten Weg, nämlich Selbstbeobachtung und Akzeptanz der negativen Gefühle, ohne diese in Taten umzusetzen.

Pascal: Mein Massstab wäre hier die Frage: Was wäre, wenn alle das tun würden, was ich tue? Ich würde keine Tat akzeptieren, die dazu führt, dass sie der Gesellschaft schaden würde, wenn sie zur Regel würde. Denn dann hätte niemand etwas davon.

Tim: Dies ist meiner Ansicht nach eine zu einfache Interpretation des kategorischen Imperativs von Kant. Sinnvoller ist es kein Verhalten zu akzeptieren, welches nicht auch Maxime des Handelns sein könnte. Z. B. wäre „Abfälle sinnvoll verwerten“ eine Maxime, die für alle akzeptabel wäre. Wenn nun ein paar Punks den Supermarktabfall klauen und somit verwerten, kann dies durchaus auch sinnvoll sein. Auch wenn klar ist, dass es nicht funktionieren würde, wenn alle diese konkrete Handlungsweise annehmen würden.

STUDIO!SUS: Zum Schluss noch die Frage: was nehmt ihr aus diesem Gespräch mit?

Tim: Mir ist das mit der Institutionalisierung des Perpektivenwechsels geblieben. Dies war ein Punkt, dem wir uns alle anschliessen würden, sozusagen ein Hebel, den man ansetzen könnte. Hier möchte ich noch erwähnen, dass dies in England bereits heute üblich ist. Eine so genannte «Gap-Year»-Erfahrung wird von vielen Arbeitgebern bereits heute als Einstellungskriterium genannt.

Aio: Um dazu ein Beispiel anzuführen: Als kürzlich eine Nicht-Studentin in unser Studentenheim einzog, hat man sofort gespürt, dass da eine «neue Qualität» eingebracht wurde. Sozusagen ein Beispiel dafür, dass die Vermischung und damit der Perspektivenwechsel einen Gewinn für alle bedeutet.

Pascal: Mir ist noch wichtig, dass es jetzt nicht so tönt als wäre der Perspektivenwechsel ein Allheilmittel. Neben dem Bewusstsein, also dem Denken und Mitfühlen, ist vor allem das Handeln entscheidend. Es geht hier auch um die Integrität, darum, dass man das, was man denkt, auch vorlebt.

Tim: Um es in den Worten Gandhis zu sagen: Be the change you want to see in the world.

 
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