sustainability – your responsibility.

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Autor:
Dieter Imboden, geboren 1943, Studium der theoretischen Physik in Berlin, Basel und Promotion an der ETHZ. Aufbau der aquatischen Physik an der EAWAG. Seit 1988 Professor für Umweltphysik an der ETHZ, Mitbegründer des Studienganges «Umweltnaturwissenschaften». Seit 2005 Präsident des Nationalfonds.

NACHHALTIGKEIT, ALS BEGRIFF ZWAR NEU, BESCHREIBT EIN URALTES BIOLOGISCH-EVOLUTIVES PRINZIP, DASJENIGE DES ÜBERLEBENS: JEDE HEUTIGE BIOLOGISCHE ART WAR IN IHRER GESCHICHTE NACHHALTIG. ANDERNFALLS WÄRE SIE VON DER EVOLUTION ELIMINIERT WORDEN. DER KLIMAWAN- DEL MACHT EVIDENT, DASS DIE MENSCHHEIT GEFAHR LÄUFT, GEGEN DIESES PRINZIP ZU VERSTOSSEN.


Weltuntergangs-Szenarien sind Teil jeder menschlichen Kultur. Insbesondere in der jüdisch-christlichen Tradition waren sie früher meist mit religiösen Inhalten verbunden − mit der biblischen Apokalypse zum Beispiel. Mit der wachsenden Bedeutung der modernen Naturwissenschaften hat die Wissenschaft zunehmend von der Religion auch die Gestaltung apokalyptischer Zukunftsbilder übernommen oder diese − wo sie ins Bild passten − den Religionsführern zur Verfügung gestellt. So schrieb im Jahre 1798 der 32-jährige englische Geistliche Thomas Malthus eine berühmte Abhandlung über die Folgen des exponentiellen Bevölkerungswachstums auf die Gesellschaft, welche gleichzeitig in das Weltbild der damaligen kirchlichen und politischen Elite passte und auf einer naturwissenschaftlich begründeten Extrapolation beruhte.
Solche und ähnliche Prognosen entstanden, wenn auch mit wechselnden Inhalten, bis in die Gegenwart. Immer ging es um die Warnung vor einem ungezügelten Wachstum («die Bäume können nicht in den Himmel wachsen», wie es schon in der Bibel heisst): Einmal war es die Bevölkerung, ein anderes Mal der Land- oder Ressourcenverbrauch, die Verbrennung von Kohle und Erdöl mit der Folge, diese würde den atmosphärischen Sauerstoff aufzehren und damit die Menschheit dem Erstickungstod ausliefern. Die Geschichte um den Turmbau zu Babel ist wahrscheinlich eine der ältesten Wachstums-Warnungen. Mit dem Aufkommen der computerbasierten Modellierung erhielten solche Prognosen eine neue Überzeugungskraft, welche sie bis in die höchsten politischen und wirtschaftlichen Ränge salonfähig machten. Das Erscheinen des Buches «Die Grenzen des Wachstums» markiert diesen Wandel wohl am prominentesten. Auch hier spielten die begrenzten Ressourcen (Land, Wasser, Energie, Rohstoffe) eine zentrale Rolle; dazu tauchte neu das Konzept der beschränkten Selbstreinigungs-Kapazität natürlicher Systeme auf (Hydrosphäre, Pedosphäre, Atmos- phäre). Wird diese Kapazität durch die negativen Folgen der Zivilisation, sprich durch Abfälle aller Art, überbeansprucht, so würde die Biosphäre irreversiblen Schaden erleiden und die Lebensgrundlage des Menschen zerstört.

DIE SACHE MIT DEM WOLF
Wer schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat, erinnert sich deutlich an das ständige Pendeln der öffentlichen Wahrnehmung zwischen der Begrenzung von Ressourcen und der Assimilierungskapazität, d.h. zwischen Knappheit und Umweltschutz. Deutlich wurde es vor allem in der Energiepolitik, wo die Optimisten den Pessimisten hämisch das bisherige Ausbleiben der prognostizierten Energieknappheit unter die Nase rieben − wenigstens bis vor kurzem –, während die Pessimisten statt dessen auf das Assimilierungs-Argument umstiegen und den Klimawandel «erfanden».
Als aufgeklärter Beobachter des Weltgeschehens könnte man aufgrund der geschichtlichen Erfahrung versucht sein, den Bedrohungsszenarien jede objektive Realität abzusprechen und diese allein der menschlichen Natur zuzuschreiben, welche − gerade in Zeiten des Wohlstandes − sich sozusagen durch apokalyptische Bilder vor Übermut oder schlechtem Gewissen schützt. Angesichts von Wetter-Kapriolen und rekordverdächtigen Energiepreisen mögen die «Nüchternen», wie sie sich gerne von den «Hysterischen» abgrenzen, momentan zwar etwas in die Defensive geraten sein, aber sie würden dennoch auf die Feststellung vertrauen, die Negativszenarien kämen und gingen, ohne je eine wirkliche Apokalypse herbeizuführen. Wer zu oft «Wolf» ruft, verliere seine Glaubwürdigkeit, also gehe man besser zur Tagesordnung über. Ist das so? Ist der Klimawandel einfach eine neue Malthus’sche Geschichte, die sich genau so in Luft auflösen wird wie alle andern zuvor? Und haben sich frühere Prognosen tatsächlich in Luft aufgelöst oder wurden sie einfach durch Symptombehandlung zeitlich verzögert? − Es tut gut, sich von Zeit zu Zeit ernsthaft mit diesen Fragen auseinander zu setzen. Vielleicht hilft dabei als Leitfaden die Hypothese, dass es bei den erwähnten Negativprognosen (von der Ressourcenknappheit über die Umweltverschmutzung bis zum Klimawandel) gar nicht um Unterschiedliches geht, sondern sich dahinter eine (fast banale) Erkenntnis verbirgt, nämlich dass im biologisch-evolutiven Sinn die Begriffe «Überleben» und «Nachhaltigkeit» Synonyme sind.

DAS PRINZIP DER TRAGBARKEIT
Die englische Sprache hat einen präziseren Ausdruck für Nachhaltigkeit: «Sustainable» − tragbar, oder auch «Sustainable Development» − eine für die Erde tragbare (Weiter-) Entwicklung. Jede heutige biologische Art und jedes Ökosystem ist «tragbar» − war es zumindest bis in die jüngste Vergangenheit. Andernfalls wären sie von der Evolution eliminiert worden. Ein Wald, der innert einiger Jahrzehnte den Boden auslaugt, wird nicht lange Wald bleiben oder schon gar keiner werden. Nachhaltigkeit als Steuermechanismus: Nicht das Prinzip des Stärkeren leitet die Evolution, sondern das Prinzip des Tragbaren, des Nachhaltigen. Wie sonst hätten Eichhörnchen und Rehe überlebt, besser noch als die ganz Grossen und Starken?
Nun hat es in der Geschichte immer Gesellschaften gegeben, welche in ihrer Entwicklung in nicht nachhaltige Situationen geraten sind. Die moderne Industriegesellschaft der letzten 50 Jahre stellt eine solche Situation dar, wobei sich die Nicht-Nachhaltigkeit sowohl beim Ressourcenverbrauch als auch bei der Umweltbelastung manifestiert, was die oben geschilderten verschiedenen, gleichzeitig existierenden Negativprognosen erklärt. Aber Krisen und gesellschaftliches Fehlverhalten sind keine Erfindungen der Neuzeit. Die Kunst des Überlebens besteht nicht in der Vermeidung jeglichen Risikos, was ohnehin einen vollständigen Verzicht auf jede Innovation bedingen würde und uns kaum über die Steinzeit hinaus gebracht hätte. Die wirkliche Herausforderung besteht darin, wie eine Gesellschaft auf Krisen reagiert. Etwas überspitzt und im modernen Jargon könnte man sagen: Nachhaltigkeit bedeutet ein erfolgreiches Krisenmanagement.

WISSENSCHAFT ERMÖGLICHT ANTIZIPATION
Hier gibt es nun aber tatsächlich einen gewaltigen Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit: Nicht nur verfügt die Menschheit dank Wissenschaft und Technik heute über sehr viel potentere Mittel für die Überwindung von Fehlentwicklungen und Krisen, sondern sie hat auch dank der gewaltigen Fortschritte in der Messtechnik, der Erstellung von Messnetzen und der mathematischen Modellierung auf Grossrechnern die Möglichkeit, negative Entwicklungen vorauszusehen, bevor sich diese tatsächlich manifestieren. Hier wird die bislang einzigartige Bedeutung des Klimawandels evident: Die Wissenschaft begann sich vor mehr als drei Jahrzehnten ernsthaft mit diesem Thema zu beschäftigen und trug es in die internationale Politik hinein, zu einem Zeitpunkt, als der Klimawandel durch Messungen statistisch noch nicht beweisbar war. Falls es − dank der Rolle der Wissenschaft − der internationalen Politik gelänge, den Ausstoss von Treibhausgasen in die Atmosphäre tatsächlich zu verkleinern und damit den Klimawandel zu verlangsamen (ganz vermeiden wird er sich nicht mehr lassen), wäre dies das erste Mal in der Geschichte, dass das alte Sprichwort «Aus Schaden wird man klug» durch ein neues ersetzt würde, nämlich «Aus antizipiertem Schaden wird man klug».

TESTFALL FÜR DIE MENSCHHEIT
Der Klimawandel ist bei weitem nicht das einzige Problem, mit dem sich die Menschheit heute konfrontiert sieht. Die überragende Bedeutung des Klimawandels als Herausforderung besteht aber darin, dass sich hier die Mensch- heit erstmals mit einem Problem auseinandersetzt, dessen zeitliche Dynamik mehrere Generationen betrifft und somit das Reagieren einer Generation erfordert, welche selber noch gar nicht (oder nicht mehr) betroffen ist. Diese Art von antizipatorischem Handeln bedeutet einen Quantensprung in der Selbstwahrnehmung der Menschheit. Gerade weil der Klimawandel nicht das einzige Problem dieser langfristigen Art bleiben wird (die Verschmutzung des Meeres zum Beispiel und die dadurch bedingten ökologischen Veränderungen dürften dereinst ähnliche Dimensionen annehmen), stellt der Umgang mit dem Klimawandel sozusagen einen Testfall für die Menschheit dar, an dem sich zeigen wird, ob wir auch künftig nachhaltig, d.h. überlebensfähig, bleiben. Die früheren Generationen (inklusive meiner eigenen) haben uns das Problem eingebrockt, aber es wird schliesslich von den kommenden Generationen abhängen, wie die Sache dereinst ausgehen wird. Die Wissenschaft kann und muss aufgrund ihres antizipatorischen Potenzials ihren Beitrag leisten, die kommenden Generationen für diese Aufgabe zu stärken. Natürlich wird es ihr nicht allein gelingen − dazu braucht es auch die Politik und letztlich die entsprechende Überzeugung aller Menschen, dennoch, auf der Wissenschaft ruht eine besondere Verantwortung. Hoffen wir, dass wir dafür gut genug gerüstet sind.

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