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Interview mit Ulrike Lohmann, Professorin für experimentelle Atmosphärenphysik und Institutsleiterin am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. Sie hat mehr als 100 referierte wissenschaftliche Publikationen verfasst und arbeitet in mehreren internationalen Gremien.
 
Autor:
Fabian Scherer

DIE IPCC-KLIMABERICHTE SIND EIN BEISPIELLOSES SPRACHROHR DER WISSENSCHAFT UND BILDEN DAS RÜCKGRAD DER KLIMADISKUSSION. DOCH WIE ENTSTEHEN SIE ÜBERHAUPT? IM INTERVIEW ERZÄHLT DIE PROFESSORIN ULRIKE LOHMANN VON IHREN ERFAHRUNGEN ALS MITAUTORIN.
Nie zuvor war ein Umweltthema dermassen präsent: Die Klimaerwärmung ist seit Jahren in den Medien und in aller Munde. Diese Entwicklung erreicht jeweils seinen Höhepunkt, wenn das IPCC (Die Zwischenstaatliche Sachverständigengruppe über Klimaänderungen) eine neue Version seiner Berichte herausbringt. So geschehen Anfang dieses Jahres.
Das IPCC wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie ins Leben gerufen. Seit Beginn der 90er-Jahre, als das IPCC seinen ersten Bericht veröffentlichte, ist es die herausragende Referenz für wissenschaftlichen Fragen im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Es ist die Aufgabe des IPCC, die Risiken der Klimaerwärmung abzuschätzen und Verminderungsmassnahmen darzulegen. Dem entsprechend ist der Bericht zur Klimaerwärmung jeweils in drei Teile eingeteilt: Eine erste Arbeitsgruppe befasst sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen, eine zweite mit Auswirkungen, Anpassungen und Verwundbarkeiten und eine dritte mit der Verminderung des Klimawandels. Nachfolgend ein Überblick über die letzten drei Berichte und ihre Wirkung:
Bericht I − Schon der erste Bericht von 1990 findet klare Worte: Die Erde erwärmt sich um 0.3 Grad pro Jahrzehnt − und damit so schnell wie in den letzten 10 000 Jahren nicht. Folge: 1992 wird auf dem UN-Umweltgipfel in Rio die Klimarahmenkonvention verabschiedet. Mehr als 150 Staaten verpflichten sich darin, eine gefährliche Störung des Klimasystems zu verhindern.
Bericht II − 1995 folgt der zweite IPCC-Bericht. Zentrale Aussage: Es ist belegbar, dass der Mensch Verursacher der Klimaerwärmung ist. Die Klimaexperten prognostizieren einen Anstieg der Temperaturen zwischen 1 und 3.5 Grad Celsius bis 2100. Das CO 2 aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe wird als Hauptursache genannt. Auf diesem zweiten Bericht basiert das Kyoto-Protokoll, welches 1997 unterzeichnet wird. In ihm erkennen die Industriestaaten erstmals an, dass sie ihre Klimagas-Emissionen reduzieren müssen.
Bericht III − Der dritte IPCC-Bericht erscheint 2001. Er bekräftigt, dass die Veränderungen des Klimas Jahrhunderte andauern werden. Neue genauere Computermodelle sagen den Anstieg des Meeresspiegels, die Veränderung von Niederschlägen und Temperaturen voraus. Letztere sollen bis 2100 um 1.4 bis 5.8 Grad ansteigen. Die EU übernimmt klar das Zepter im Klimaschutz und führt die Bemühungen für einen griffigen Klimaschutz mit einer Koalition der Willigen weiter, auch ohne die USA.
Bericht IV − Zum vierten und neusten Bericht, der im Jahr 2007 erschienen ist, interviewten wir eine der Autorinnen. Ulrike Lohmann ist Aerosol-Forscherin und hat zu diesem Thema einen Abschnitt im Teilbericht zur wissenschaftlichen Grundlage des Klimawandels verfasst.

STUDIO!SUS
: Sie haben für die Schweiz in der Arbeitsgruppe I am vierten Bericht mitgearbeitet. Nach welchen Kriterien werden die Wissenschaftler vom IPCC berufen?
→ Als erstes möchte ich festhalten, dass ich nicht alleinige Vertreterin der Schweiz war. Ausser mir arbeiteten in der Arbeitsgruppe I (befasst sich mit den Wissenschaftliche Grundlagen der Klimaänderung) als Lead Authors oder Coordinating Lead Authors Thomas F. Stocker und Fortunat Joos aus Bern und Reto Knutti von der ETH mit. Andreas Fischlin war in der Arbeitsgruppe II (befasst sich mit der Verminderung des Klimawandels) tätig. Zudem waren 18 weitere Schweizer als Contributing Authors beteiligt.
Nun zu den Kriterien: Zuerst kommt es darauf an, ob man auf einem Gebiet forscht, das relevant ist für den Bericht. Ist das der Fall, muss man von jemandem empfohlen werden, in der Regel von anderen Wissenschaftlern. Der offizielle Vorschlag kommt schlussendlich von den Regierungen, weil sie die Reisekosten übernehmen. Zusätzliche Unkosten werde übrigens nicht gedeckt. Da der Bericht international ausgerichtet ist, ist das IPCC ausserdem darauf bedacht, dass Forscher aus verschiedenen Ländern berufen werden. Der Kreis der Autoren muss international ausgewogen sein.

STUDIO!SUS: Wie entsteht der Bericht?
→ Das IPCC legt Anzahl und Thema der Kapitel fest. Das geht von Paleoklima, über die Ozeane zum Gletschereis. Ich wurde dem Kapitel «Klimasysteme und Biogeochemie» zugeordnet und schrieb darin einen Beitrag zu Aerosolen. Die eigentliche Arbeit besteht in der Synthese der aktuellen Literatur. Eine Synthese ist nicht eine Zusammenfassung, sondern sie hebt hervor, was wichtig ist, bzw. wo es Konsens gibt und wo nicht. Viele der Fragestellungen gehen auch darauf hinaus: Was wissen wir und was nicht? Ich arbeitete mit zwei anderen Lead Authors zusammen. Wir haben uns insgesamt viermal getroffen, den Text entworfen und durch die drei Review-Prozesse gebracht. In der ersten Review- Phase dürfen alle, die etwas von der Materie verstehen, Kommentare einbringen. Wir müssen dann auf jeden Kommentar antworten. In der zweiten Review-Phase bekommen die Regierungen die Chance, vorweg Kommentare anzubringen. Auch hier muss jeder Kommentar berücksichtigt werden. Danach wird der revidierte Entwurf nochmals den Regierungen vorgelegt.

STUDIO!SUS:
Wie ist die Bedeutung des Berichts für die Wissenschaft, die gesellschaftliche Bedeutung ist ja offensichtlich?
→ Die Bedeutung ist sehr gross. Der aktuelle IPCC-Bericht ist ein Nachschlagewerk von hoher Qualität. Viele wissenschaftliche Arbeiten zitieren den IPCC- Bericht. Ich verwende ihn z.B., wenn ich mich in ein mir neues Gebiet einlesen will. Diesen Stellenwert für die Forschung hatte schon der erste Bericht. Ein wesentlicher Faktor für diesen Erfolg ist die aufwendige Aufbereitung der Form. Die Berichte verwenden eine klare, schnörkellose Sprache und sind mit un- mittelbar verwendbaren, weil verständlichen, Graphiken versehen. Auch der Aufbau ist auf den einfachen Gebrauch ausgerichtet, mit seinen drei Ebenen an Detailierungsgrad. Es beginnt mit den kurzen Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger, geht dann in den technischen Zusammenfassungen mehr ins Detail und der Hauptteil selbst hat dann die Qualität eines kompletten Nachschlagewerks.

ST
UDIO!SUS: Was sind die ausschlaggebenden Fakten? Was ist die wichtigste Aussage der neusten Berichte?
→ Die hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Klimawandel der letzten 50 Jahre vom Menschen verursacht wurde, was wir heute mit über 90% Wahrscheinlichkeit sagen können. Diese Tatsache liegt jetzt auf dem Tisch und kann nicht mehr wegdiskutiert werden. Ausserdem finde ich zentral, dass der menschliche Beitrag zur Klimaänderung für jeden Kontinent aufgezeigt werden kann. Fazit: Wir wissen genug, so dass wir handeln können.

STUDIO!SUS: Eine provokative Frage: Braucht es überhaupt noch einen nächsten Bericht?
→ Das ist eine gute Frage (lacht). Die Antwort ist: Von der politischen Umsetzungsseite her bräuchten wir keinen mehr. Wir wissen inzwischen, dass der Klimawandel mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit vom Menschen verursacht wird und können und sollten jetzt handeln. Auf der anderen Seite gibt es noch viele Dinge, die wir nicht wissen. In diesem Bericht sind zum ersten Mal Abschätzungen der Temperaturentwicklung eingeflossen, die den Kohlenstoffkreislauf berücksichtigen. Bisher gab es nur gekoppelte Ozean-Atmosphärenmodelle. Kohlenstoffkreislauf-Modelle betrachten den Austausch von Kohlenstoff zwischen Ozean und Atmosphäre und dem Land und der Atmosphäre. Es wurde abgeschätzt, wie sich dieser Austausch bei wärmerem Klima entwickelt. Man stellte fest, dass, wenn es weiter wärmer wird, die Ozean und die Landmassen weniger CO 2 aufnehmen werden. Die Erwärmung würde demnach noch beschleunigt. Es wäre folglich ziemlich wichtig, zu diesem Effekt mehr zu wissen. Ausserdem existiert das Bedürfnis, dass die Vorhersagen für kleine Skalen möglich werden. Die Leute interessiert nicht, was mit ganz Europa passieren wird, sondern was in ihrem Land, bzw. ihrer Gegend, passieren wird.


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