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Autor: Dr. Martin Rocholl, Vorsitzender des Umweltnetzwerks ‹Friends of the Earth Europe› (Sektion CH: Pro Natura) und seit über 30 Jahren in lokalen, nationalen und internationalen Umweltorganisationen engagiert. In seiner Funktion für FoEE betreibt er auch Lobbyarbeit im Europaparlament.
www.foeeurope.org, www.martinrocholl.de

DIE DRASTISCHE ERHÖHUNG DER ENERGIEEFFIZIENZ IST ZENTRAL FÜR DIE LÖSUNG DES KLIMAPROBLEMS. OBWOHL DIE TECHNOLOGIEN EXISTIEREN, FEHLT ES ABER GERADE HIER AN KLAREN POLITISCHEN VORGABEN. Noch vor wenigen Jahren hätte es bei den Umweltorganisationen kaum jemand gewagt, derart aufrüttelnde Schreckenszenarien zu den Folgen des Klimawandels zu verbreiten, wie dies heute die Wissenschaft tut. Es besteht kein Zweifel mehr: der Klimawandel kommt und er wird uns schneller betreffen, als wird uns das je vorgestellt haben. Seit dem Stern-Report ist ausserdem eindeutig klar: weiteres Abwarten wird sehr teuer. Ambitionierter und sofortiger Klimaschutz ist viel billiger, als die möglichen Folgen des Nichtstuns. Mindestens um 30% müssen die Treibhausgasemissionen der Industrieländer bis zum Jahre 2020 gesenkt werden, wenn das Klimachaos noch verhindert werden soll.


WAS HAT DIE EU BISLANG ERREICHT?
Auf dem Klimagipfel im März 2007 in Brüssel hat sich die EU darauf festgelegt, die Treibhausgase in der EU verbindlich bis zum Jahr 2020 um 20% zu reduzieren (gegenüber 1990). Das ist schon deshalb enttäuschend, weil ein Grossteil dieser Reduktion schlicht durch den Zusammenbruch von alten, energieintensiven Industrien in Mittel- und Osteuropa erreicht wird. Die notwendige Reduktion um 30% macht die EU ausserdem von erfolgreichen internationalen Verhandlungen abhängig. Nur dann, wenn auch andere Industrieländer und die Schwellenländer einen Beitrag leisten, will die EU ihre Zielvorgabe auf die notwendigen 30% erhöhen. Das ist eine sehr riskante Strategie, die beim Fehlschlag zu einem enormen Rückschlag für den Klimaschutz führen würde. Positiv zu bewerten ist die Festlegung auf ein verbindliches Ziel zum Ausbau von erneuerbaren Energien, die bis zum Jahr 2020 20% des EU-Energiebedarfs ausmachen sollen. Auch die Absicht, die Energieeffizienz im gleichen Zeitraum um 20% zu erhöhen, ist zu begrüssen. Leider ist aber ausgerechnet das Effizienzziel unverbindlich und wird kaum ausreichen, um den wachstumsbedingten Anstieg des Energieverbrauchs in Europa zu verhindern. Nur wenn die Energieeffizienz deutlich stärker wächst als die Wirtschaft, können wir das Klimachaos noch in den Griff bekommen. Das ist aber bislang nicht der Fall.


DIE EFFIZIENZREVOLUTION LÄSST AUF SICH WARTEN
Die Unverbindlichkeit der Effizienzziele offenbart eine andauernde Schwachstelle der energiepolitischen Diskussion: es wird lieber über erneuerbare Energien geredet, als dass die dringend notwendige Verringerung des Energieverbrauchs angegangen würde. Investitionen und Innovationen in Wind- oder Sonnenenergie sind eben viel attraktiver, als die Details der Energieeffizienz. Zudem trifft man nicht auf den Widerstand jener Industrien, die nach wie vor lieber mehr als weniger − zumeist klimaschädliche − Energie verkaufen. Unwissen, Ignoranz und der übermässige und undemokratische Einfluss von Dinosaurier-Industrien auf unsere Politiker verhindert noch immer, dass die Politik den gesetzlichen und wirtschaftspolitischen Rahmen setzt, um die Energieeffizienz wirklich voran zu bringen. Das ist besonders deshalb ärgerlich, weil ausser Frage steht, dass eine Erhöhung der Energieeffizienz Arbeitsplätze schafft und Innovationen fördert. Sie spart zudem viel Geld, das wir derzeit für Energieverschwendung aus dem Fenster werfen oder für die Beseitigung von Umweltschäden aufwenden müssen. Schliesslich würde uns die Erhöhung der Energieeffizienz von Energieimporten, die oftmals aus Krisenregionen dieser Welt kommen, unabhängiger machen.


EUROPA ZUR ENERGIE- UND RESSOURCENEFFIZIENTESTEN REGION MACHEN!

Vier Beispiele mögen verdeutlichen, was jederzeit getan werden könnte, wenn der politische Wille dafür existiert:

(1) Eine Verbesserung der Gebäudeisolierung von Alt- und Neubauten könnte den Energiebedarf für das Heizen − in Europa ein erheblicher Anteil unseres Energieverbrauchs − um 50 bis 80% verringern. Die EU schätzt, dass durch verbesserte Gebäudeisolierung 10% des gesamten (!) CO 2-Ausstosses der EU kosteneffizient − d.h. mit voller Rückzahlung der Investitionen durch geringere Energiekosten − eingespart werden könnten. Das wird aber nur geschehen, wenn es gesetzliche Vorgaben gibt, die entsprechende Anreize setzen. In der EU muss dafür die Gebäuderichtlinie überholt und verbessert werden.

(2) Für den Klimaschutz ist der Verkehr ein zentraler Bereich. Neben dem Umstellen auf den umweltfreundlichen öffentlichen Verkehr ist es dringend notwendig, endlich die Energieeffizienz unserer Autos zu verbessern. Hier ist in den letzten Jahren nur sehr wenig geschehen. Nach dem Scheitern der freiwilligen Selbstverpflichtung der europäischen Automobilindustrie wird es nun darum gehen, endlich verbindliche Effizienzziele für PKW in der EU festzulegen. Die Steuererleichterungen für Dienstwagen von der Energieeffizienz abhängig zu machen, wäre eine weitere, einfache und zugleich hocheffiziente Massnahme (in einigen Ländern sind bis zu 50% der verkauften Neuwagen Dienstwagen).

(3) Das Front-Runner-Prinzip, mit dem in Japan bereits grosse Effizienzfortschritte bei Haushaltsgeräten erzielt wurden, sollte endlich auch in der EU eingeführt werden. Dabei setzt das jeweils energieeffizienteste Gerät den Standard, der einige Jahre später von allen neuen Geräten, die in der EU verkauft werden, eingehalten werden muss. Dadurch ergibt sich ein sinnvoller Wettlauf der Industrie um die Herstellung der sparsamsten Geräte.

(4) Schliesslich sollte der Forschungsetat der EU viel stärker auf erneuerbare Energien und Energieeffizienzforschung ausgerichtet werden. Gleiches gilt für die Subventionstöpfe der EU, wie z.B. die Struktur- und Kohäsionsfonds. In einigen Mitgliedsstaaten werden noch nicht einmal 5% dieser Mittel für erneuerbare Energien und Energieeffizienz ausgegeben. Das sind nur einige Beispiele von möglichen Gesetzen, über die in den nächsten Monaten und Jahren entschieden wird. Chancen, Europa zum ressourcen- und energieeffizientesten Kontinent zu machen, gibt es wahrlich genug.

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